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11. Zermatt-Marathon am 07.07.2012

Sprung auf, marsch marsch zum Marterhorn!

In der Schweiz sagt man – nein, eines muß erst einmal vorab gesagt werden: Bevor jetzt einige Neunmalkluge zu stänkern anfangen, weil sie meinen letzten Bericht vom Marathon am Biggesee gelesen haben (dann aber stänkern sie leider völlig zurecht): Erstens ja, ich habe diesen Marathon erfolgreich beendet und zweitens ja, ich habe auch den Weg gefunden. Ganz von alleine und ohne fremde Hilfe.

In der Schweiz sagt man zum Laufen Springen. Wenn also der Schweizer einen sechzigminütigen Lauf plant, geht er für eine Stunde in den Wald zum Springen. Der Germane hingegen hat Größeres vor. Er düst in den Kanton Wallis und springt mit Hingabe von St. Niklaus im tiefsten Tal der Schweiz über Zermatt bergan zum Riffelberg am Fuß des Matterhorns, des angeblich schönsten Bergs der Welt.

Rückblende - Jungfrau-Marathon 2011: Erstmals erlebe ich die grandiose Bergwelt quasi hautnah und ergötze mich am phantastischen Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau. Springe zur ach schon so oft bestiegenen Jungfrau, sonne mich nach dem Lauf auf knapp 2.100 HM bei über 20° im Gras auf der kleinen Scheidegg und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Ein Erlebnis, das an gleicher Stelle bei einer Wiederholung unmöglich noch schöner sein kann, daher soll es bei dieser einzigartigen Erinnerung bleiben.

Für einen zweiten Einsatz in den Alpen kommt daher also nur eine hoffentlich vergleichbar gute Veranstaltung in Frage. Immer noch habe ich den K 78 bei Davos fest im Auge, der aber soll nach meinem diesjährigen Einsatz beim Zermatt-Marathon im kommenden Jahr den krönenden Abschluss meiner Schweizer Alpentrilogie bilden. Nicht wenige Laufkollegen erzählen mir von den angeblichen Vorzügen des Zermatt-Marathons gegenüber dem an der Jungfrau, was ich kaum glauben kann. Beim Jungfrau-Marathon seien die ersten vergleichsweise flachen 21 km Anlauf von Interlaken nach Lauterbrunnen, gefolgt von einem völlig flachen 5 km-Rundkurs, ja eher langweilig, bevor es auf die letzten, brutalen 16 km bergauf geht. Nun, das sehe ich völlig anders, ich fand’s einfach stark. Umso gespannter bin ich auf mein Alpenerlebnis Nr. 2.
 

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Ihr kennt unseren m4y-Coach Andreas Butz aus Euskirchen als Autoren, Läufer, Lauftrainer, Leistungsdiagnostiker und nicht zuletzt vielleicht als Organisatoren des Decke-Tönnes-Marathons. Ich mag ihn und seine Frau Gisela, und da beide für rund 30 Läuferinnen und Läufer bereits zum siebten Mal eine drei- bzw. siebentägige Laufreise nach Grächen/Zermatt anbieten, sind Elke und ich gerne dabei und verleben wie im vergangenen Jahr wieder eine einwöchige Urlaubsreise in der Schweiz. Meine Befürchtung, mich auf eine Woche Greif-mäßigen Laufdrill in einer Art Bootcamp einzulassen, wird schnell zerstreut. Eine der Hauptaktivitäten, so Andreas, sei die tägliche Suche nach dem besten Aprikosenkuchen der Gegend. Auf dieses Trainingsprogramm können wir uns getrost und erwartungsvoll einlassen.

Unser Ort Grächen, unweit von Zermatt gelegen, ist teilweise autofrei, das war mir neu. Wie also anreisen, wenn man die Kiste eigentlich keinen Tag benötigt? Nach langem Hin und Her entschließen wir uns, der Bahn doch einen Korb zu geben und die Vorzüge unseres nagelneuen Autos zu testen.  Zermatt liegt, am Fuß des Matterhorns, am Ende des 30 km langen Nikolaitales an der italienischen Grenze des Westschweizer Kantons Wallis. Fast ein Drittel aller 4.000er der Alpen gruppieren sich um das Dorf, das seit der Erstbesteigung des Matterhorns im Jahre 1865 nicht nur von Bergsteigern aus aller Welt besucht wird. Das Skigebiet ist das höchstgelegene der Alpen. Bei 300 Sonnentagen im Jahr fällt so wenig Niederschlag wie sonst nirgends in der Schweiz. Ich bin mal gespannt.

Grächen liegt auf 1.619 m Höhe, ideal zur Akklimatisierung vor dem Lauf in für mich ungewohnt dünner Luft. Andererseits meine ich, dass die Eingewöhnungsphase für mich unter vergleichbaren Umständen im Herbst letzten Jahres in Kenia etwas kurz war. Nun ja, wir werden sehen.

Das mit den 300 Sonnentagen und wenigen Niederschlägen stellt sich zunächst mal anders dar: im Regen kommen wir an und die erste Nacht geht die Welt unter. Dennoch  gestaltet sich unser Programm abwechslungsreich und dank der guten Infrastruktur im Hotel Hannigalp angenehm, vor allem auch kulinarisch. Dem herrlichen, einstündigen Akklimatisationslauf folgt am nächsten Tag die Simulation des Schlussanstiegs vom Marathon: Gute 500 Höhenmeter sind auf 3,39 km hinauf zur Hannigalp zu nehmen. Ursprünglich dachte ich daran, alles joggen zu wollen und entscheide mich nach einem Drittel dann doch ganz spontan um… Weitere Wanderungen und das Ablaufen der ersten knapp elf km der Marathonstrecke nach Randa geben das nötige Rüstzeug für den Samstag.
 

Am Mittwochabend erhalten wir auch noch hohen Besuch: Andrea Schneider, die sympathische Geschäftsführerin des Zermatt-Marathons, erweist uns beim Abendessen die Ehre und bleibt mit Familie fast zwei Stunden bei uns. Eine nette Geste, mit der sie Giselas und Andreas‘ Engagement für den Lauf würdigt. Am Freitag fahren wir die komplette Strecke zur Besichtigung ab und noch auf das 3.100 m hoch gelegene Gornergrat (Ziel des im nächsten Jahr wieder ausgetragenen Ultras) und dann wird’s ernst.

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Das leider sehr durchwachsene Wetter zeigt sich am Lauftag von seiner besten Seite, schon früh am Morgen sind erste Wolkenlücken zu sehen, die sich bald ausweiten und strahlendem Sonnenschein Platz machen. Ja, wenn Engel reisen! Sollte es genau so phantastisch wie 2011 am Jungfraumassiv werden? Mit dem Bus fahren wir eine Viertelstunde ins Tal nach St. Niklaus, wo es nach einer Darbietung von Alphornbläsern, die fast so professionell wie die Eifler Alphornissen bei unserem Malbergauf (10. August) sind.

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Bereits um 8.45 Uhr läuft die Elite los (vermutlich deswegen früher, damit sie von uns nicht überrannt werden), um 8.55 Uhr die Staffeln (2 Läufer/innen) und um 9 Uhr schließt sich das Fußvolk an.

Der Herr Chefredakteur ist heute übermütig: Auf meinen devoten Hinweis, ich sei (beim Fotografieren) immer einen Schritt hinter ihm, meinte er, das sei erstens völlig angemessen und im Übrigen von mir bis ins Ziel durchzuhalten. Warte nur, Freund!

Gleich nach dem Start geht es bereits nach einer scharfen Linkskurve bergan, ein Einlaufen auf der Strecke wie in Interlaken (Jungfrau) gibt es nicht. Auf dem ersten Halbmarathon sind auch die doppelten Höhenmeter, nämlich rund 600, zu nehmen, und das wird sich auch deutlich bemerkbar machen. Ich freue mich, die nette Renate Werz zu überholen, die 2011 die Jungfrau nicht laufen konnte und nur als Edelfan vor Ort war. Sie kann wieder lachen, auch wenn sie nach eigenem Bekunden immer langsamer wird. Das jedoch hält sie nicht davon ab, auch in der W 65 diesen anspruchsvollen Lauf erfolgreich zu beenden und sogar ihre Altersklasse zu gewinnen.

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Noch vor dem Bahnhof stehen unsere Begleitungen und die Zweitläufer der Staffeln, die gleich mit der Bahn, oft parallel zur Laufstrecke, nach Zermatt fahren werden. Bald haben wir St. Niklaus hinter uns gelassen und von den nächsten paar hundert Metern werde ich nichts berichten. Ich bin nämlich vollauf damit beschäftigt, das vor mir laufende wohlgeformte lecker Mädche zu betrachten. In einem Anfall heroischer Selbstüberwindung reiße ich mich dann schließlich doch von diesem Anblick los und ziehe vorbei.

Trotz der frühen Morgenstunde bin ich jetzt schon gut am Ölen, aber das ist genau das Wetter, das ich mir gewünscht habe. Vielen wird es heute jedoch sehr schwer fallen, nicht jeder verträgt das, Schattenpassagen erfreuen sich großer Beliebtheit. Schnell zieht sich das Feld weit auseinander und mit einem mehrmaligen Über- und Unterqueren der Bahnstrecke gewinnen wir rasch, aber noch moderat, an Höhe.

Nach guten fünf Km erfolgt die erste Verpflegung, die heute richtig Klasse sein wird, an wirklich nichts fehlt es. Offensichtlich hat Andrea, die Orga-Chefin, auch von meinem Drama am Biggesee gelesen die komplette Strecke mit metallenen Schildern versehen lassen und mir damit jegliche Chance zum Verlaufen genommen. Von unserem Begleitzug, der „Fahrenden Tribüne“, in dem sich unsere Fans und die zweiten Staffelläufer befinden, höre ich wilde Schreie, Rüdiger wird wohl erkannt. Leider bin ich so zwischen dreißig und sechzig Sekunden zu langsam, hätte mein Weib gerne gesehen, fürchte aber, beim Aufholen zu überziehen und das später büßen zu müssen.

Auf dem siebten Km geht mir für heute erstmals das Herz auf: Ein Naturpfad durch den Wald ist genau die Art von Weg, wie ich ihn liebe, ist aber durchaus anspruchsvoll. Weniger vom Untergrund her, der ständige Wechsel zwischen hell und dunkel erzwingt högschte Aufmerksamkeit. Nach zwei weiteren Km geht es erstmals heftig nach oben, die ersten wandern bereits, bei mir ist es grenzwertig. Bevor ich es mir anders überlegen kann, ist der Scheitelpunkt erreicht. Kurz vor dem nächsten Ort, Randa, sehen wir das Resultat eines schweren Bergsturzes vom April und Mai 1991: Millionen von Kubikmetern Fels und Geröll hatten sich vom Berg gelöst und beginnen sich erst ganz langsam wieder mit Grün zu füllen, eine schwere, nach über zwanzig Jahren immer noch unvernarbte Wunde. In Randa ist das erste Viertel geschafft, natürlich rein entfernungsmäßig gesehen, angesichts des noch zu Erwartenden eigentlich kaum erwähnenswert. 

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Vor dem Feuerwehrlokal hat die erste der heute aktiven Bands bereits Pause, wie übrigens später alle anderen auch. Alle. Keine einzige hat bei meinem Vorbeilauf gespielt, ich erwäge jetzt noch Protest einzulegen. Immer wieder säumen Vorratsspeicher den Weg, die auf hölzernen Füßen stehen, die ihrerseits wiederum von großen Felsplatten bedeckt sind: Eine einfache, aber wirkungsvolle Mäuseabwehr, wie ich meine. In Täsch erfolgt die nächste Verpflegung, auch der erste Gartenschlauch zum Abkühlen wird angeboten. Mittlerweile schon lange wieder auf Asphalt unterwegs, kommen wir so ganz langsam der Halbzeit näher. Wie gesagt, rein entfernungsmäßig. Gisela beschwert sich, daß ich sie exakt in dem Augenblick knipse, als sie zum ersten Mal eine kleine Gehpause einlegt. Ja, Mädel, shit happens! Immer wieder beliebt sind Tunnel: Kühl im Sommer werfen sie ein prima Echo von den Wänden und sind auch noch gute Fotomotive.

Vom Asphalt werden wir wieder reichlich entschädigt, schöne und angenehme Naturwege sind für die Beine die reinste Erholung und die kleinen, teils holzgedeckten Brücken echt etwas fürs Auge. Über mehrere enge Serpentinen schrauben wir uns wieder in die Höhe, nehmen tolle, aber anspruchsvolle Pfade auf und ab, bis wir einen ersten Blick auf Zermatt werfen können. Zermatt. Hmmm. Der erste optische Eindruck besteht aus Rohbauten und Kränen. Der zweite aus mit großen Häusern dichtbebautem Grund. Wirklich schön finde ich das nicht. Klasse ist aber auf jeden Fall der Empfang am Ortseingang, an dem der Staffelwechsel stattfindet und nicht nur unsere Fans jede Menge Alarm machen. Danach hält sich die Stimmung allerdings doch in Grenzen. Das ist bei der Jungfrau in Lauterbrunnen und Wengen völlig anders. Ob es daran liegt, dass nicht einer der 700 Helferinnen und Helfer aus Zermatt stammt, wie wir gelernt haben? Gibt es hier vielleicht örtliche Animositäten, die dazu führen, dass die Namensgeberin des Marathons nicht hält, was sie versprechen sollte?

Wie dem auch sei – wir drehen eine große U-förmige Runde durch den Ort und kommen zugegebenermaßen doch noch an ein paar netten Gebäuden vorbei. Halbzeit habe ich bei etwa 2:10 Std., was nach ggü. den 2:03 bei der Jungfrau nachvollziehbar ist, da wir bis hierher ja die doppelten Höhenmeter zu absolvieren haben. Kurz hinter Zermatt geht’s dann aber ins Eingemachte, Wengen lässt grüßen. Mit der Lauferei ist es sehr schnell vorbei, jegliches Gespräch um mich herum verstummt und gemessenen Schrittes zieht die Karawane bergan. Und der Sultan hätt Dorsch.

Ja, dann meine ich bei etwa Km 26,5 das Matterhorn zum ersten Mal zu erblicken. Außer mir schaut aber alles auf den Boden und ist mit sich selbst beschäftigt, daher bleibe ich etwas unsicher. Auf jeden Fall sieht das, was ich zu sehen meine, im wahrsten Sinne des Wortes hervorragend aus. Bei der nächsten Verpflegungsstelle steht ein kleiner Lkw der Feuerwehr, auf der Ladefläche vier Kinder. „Da sieht aber stark nach Ferien bei Euch aus!“, meine ich. „Das SIND Ferien!“ schallt’s heraus und die Gesichter strahlen. A propos strahlende Gesichter: Sabine Meier aus Hannover spricht mich an. „Schreibst Du wieder einen Bericht, Wolfgang? Die lese ich doch immer!“ Sabine, Du warst pures Doping für mich, schade, dass ich schon verheiratet bin.

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Die Bergwelt über uns öffnet sich mehr und mehr und ruft echte Begeisterung in mir hervor. Weißer Schnee auf grauem Stein, der sich scharf vom blauen Hintergrund abhebt, hier und da ein paar Wölkchen – Herz, was willst Du mehr? Was zu trinken, ich könnte saufen wie ein Kamel. Überwiegend schattenlos geht es weiter, aber die nächste Versorgung ist nicht wirklich weit. Dann der erste Bergsee unter uns, wieder Singletrail, ein rundes Holzbrückchen, ich könnte schweben. Dann der Jörg, der ein rotes Luftballonherzchen für seine Liebste an einem Busch befestigt. Ich habe den starken Verdacht, daß Du derjenige bist, der, von der Öffentlichkeit nicht ganz unbemerkt, im Ziel seinen Schatz mit einem Blumenkranz erwartete und ihr per Mikro einen vielumjubelten (und vor Zeugen angenommenen) Heiratsantrag machte. Was ist das alles einmal schön. Ihr Schweizer solltet Euch übrigens mal einig werden, ob es an der folgenden Verpflegung nun Sunegga oder Sunnegga heißt.

Den smaragdgrünen See unter mir könnte ich immerzu nur anschauen, muß aber auf den Weg achten, um nicht auf die Schnauze zu fallen. Dazu später mehr. Mühsam schleppt sich der Tross weiter, Km 33, Ziegen, friedliche, zum Glück. Der Weg wird zunehmend schwieriger, immer wieder muß ich dicken Steinen ausweichen, darf nicht umknicken. Die Japaner, nee, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Das Matterhorn muß nach dem Fuji San der zweitheiligste Berg Japans sein, so viele von denen treiben sich hier herum. Dankbares Marathonpublikum, immer wieder stehen sie am Rand, strahlen und applaudieren mit behandschuhten Händen. Gibt es ein marathonverrückteres Volk als die? Andrea und Kay haben es vorgemacht, ich glaube, auch da muß ich noch hin. Eng ist der Weg, aber das ist hier kein Problem. Ganz im Gegensatz zur Jungfrau, so schön sie ist, so überlaufen ist sie auch, was unvermeidlich an manchen Stellen zu Staus führt. Klare Sache, hier und heute 812 Finisher plus 370 Staffelläufer sind schon etwas anderes als eine Jubiläums-Doppelveranstaltung am Samstag und Sonntag mit je 4.000 Gemeldeten!

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Bei der nächsten Tränke an Km 35 laufe ich überraschend auf unseren Co-Trainer Rüdiger auf. Sicherlich läuft der nicht volle Kanne, aber offensichtlich komme ich gut vorwärts. Klar warte ich auf Dich, es ist schön, wenn wir zusammen weiterlaufen. Und sinnvoll. Denn wenig später ist es passiert. Sonnenbrille auf, ständiger Wechsel zwischen hell und dunkel, aufs Fotografieren konzentriert. Nein, Ihr Schlauberger, ich verlaufe mich nicht, sondern fliege auf die Fresse, und das nicht zu knapp. Kleiner Finger, Handgelenk, Uhr, linke Seite, die Fixpoints, die die Startnummer halten, fliegen umher und das linke Jochbein bremst den Rest. Aua. Gott sei Dank ist der Schreck größer als der Schaden, die Fixpoints finde ich wieder, befestige die Startnummer provisorisch und laufe weiter, nachdem Rüdiger mich wieder auf die Beine gestellt hat. Mit solch leichten Blessuren hat man dann am Ende doch noch mehr vorzuweisen…

Die Kamera streikt ab sofort, hat also doch etwas abbekommen, Mist. Akku rein-raus, Chip rein-raus, nichts hilft. Aus, ein, keine Chance. Klar, wenn man beim Sturz das Rädchen auf Filmen dreht, kann sie auch nicht auslösen, Schwein gehabt. Weiter. Viel geht es abwärts zwischen den Km 32 und 37, rund läuft es sich trotzdem nicht mehr vollständig, aber es geht immer weiter. An der Station Riffelalm stehen Elke und Barbara, schön, Euch zu sehen, insbesondere, wenn mit einem noch gar nicht gerechnet wurde. Die Kapelle hat natürlich Pause, wie alle anderen auch, dafür kann sich ein Kurgast auf einer Liege bei der Ruhe einen Wolf schnarchen. Weiter aufwärts geht es, immer weiter, Schritt für Schritt unter der gnadenlosen Sonne.

Und dann muß ich einfach mal stehenbleiben, zoomen und dem Berg der Berge den ihm gebührenden Tribut zollen. Was haben wir für ein Glück! Gestern bei der Streckenerkundung war es noch komplett nebelverhangen und nicht einmal zu erahnen gewesen, heute erstrahlt es in voller Schönheit, nur die Spitze von einem leichten Wolkenschleier umgeben. Bleibt es heute das Matterhorn oder wird es mir zum Marterhorn? So, wie es derzeit aussieht, darf es seinen Namen behalten, denn ich fühle mich trotz der Anstrengung gut und versuche, das grandiose Panorama in mir aufzusaugen, leider kann ich es ja nicht mit nach Hause nehmen.

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Und dann, kurz vor Km 40, sehe ich sie erstmals aus der Perspektive des Fußgängers: Die Rampe! Sagenumwoben wie die „Wand“ nach Wengen beim Jungfrau-Marathon, zieht sich die gegen Steinschlag und Lawinen eingehauste Bahnlinie steil zum Riffelberg hoch. Rechts von ihr führt uns nun der Weg auf dem vermeintlich finalen Anstieg nach oben, zunächst noch auf Schotter, begleitet von aus dem Zug lärmenden Fans, die uns lautstark Anerkennung zollen. Der Schotter- geht in einen breiten Bohlenweg über, der gegen Absturz durch große Netze gesichert ist. Das sind die Bilder, die man immer wieder im Vorfeld gesehen und sich darauf gefreut hat, jetzt darf man hier höchstpersönlich durch und weiß, daß das Ende naht. Das des Laufs, wohlgemerkt!

Auf der Bergspitze am höchsten Punkt des Wegs sehe ich einen aufgeblasenen Bogen, weiß aber aufgrund der Vorbesichtigung, daß dies nur ein Werbebogen ist. Wehe dem, der hier den Zielstrich vermutet! Peter, der es schon längst geschafft hat, kommt mir entgegen: „Hau rein, Du Sau!“ Ich unterstelle, daß er es nicht wörtlich meint und klatsche ihn nur ab. Wieder leicht abwärts, eine kleine Brücke, „Ziel 500 m“, sagt das große Banner. Fertigmachen zum entspannten Zieleinlauf! Und wieder sind einige kleine An- und Abstiege über ganz schmale Pfade zu nehmen, aber die Beine sind angesichts des nahen Finales erstens leicht und zweitens macht Überholen eh keinen Sinn mehr. Km 42, jetzt nur nicht noch mal hinlegen beim letzten Bergabstück und dann, nach 5:13 Std., 10 min. früher als bei der Jungfrau, is et eröm mit der Springerei. Ehrlich – den Gornergrat hätte ich jetzt noch gerne drangehängt. Das Sahnehäubchen zum Ultra mit weiteren 500 Höhenmetern auf 4 Km aber gab es nur im letzten Jahr zum zehnjährigen Jubiläum. Und wird aufgrund des großen Erfolgs im kommenden Jahr erneut angeboten.

Schlangestehen zur Chiprückgabe, Huldigung der Fans entgegennehmen, vor Margot posen, nur noch genießen. Klasse war’s! Ich erhalte eine schöne Medaille, bekomme während des Wartens (!) schon eine Verpflegungstüte gebracht und bediene mich dann großzügig am Flüssigkeitsnachschub, denn der ist dringend notwendig, auch wenn ich unterwegs gut nachgefüllt habe. Stimmung wie bei der Jungfrau 2011: Sommer, Sonne, Heiterkeit, man kann im warmen Gras liegen und es sich gutgehen lassen.

Die Siegerehrung nehmen wir noch mit, die zu recht zufriedene Chefin Sabine strahlt in die Kamera, genau so wie die Sieger und Plazierten. Einer der beiden gestarteten Kenianer hat den Lauf in sagenhaften 2:59 Std. gewonnen und platzt fast vor Freude über den Scheck in Höhe von 2.500 Fr. Die beiden gehören zu einem Laufcamp, das der Verein run2gether in Kenia betreibt. Dort können rund 30 Athleten umsonst trainieren und leben und werden von Zeit zu Zeit nach Österreich gebracht, um dort, in Italien oder der Schweiz zu starten. Vom Startgeld darf er den Löwenanteil behalten (das reicht in jedem Fall für den Kauf einer Kuh, ein Reichtum für die Familie), der Rest wird zur Finanzierung des Camps abgegeben. Wir hatten uns am Vorabend in unserem Hotel kennengelernt und einige Zeit geplaudert, schließlich kenne ich mich mit den Brüdern ja mittlerweile aus. Mein Freund Henry ist für die beiden natürlich auch ein Begriff und sie strahlen mich vom Podest aus an. Nette Kerle!

Tja, welcher der beiden von mir gelaufenen Bergmarathons (Jungfrau, Zermatt) ist nun der bessere? Ich übe mich da in vornehmer Zurückhaltung, denn erstens wäre das Urteil nicht objektiv und zweitens konkurrieren die Veranstaltungen auch nicht miteinander, da ja zwei Monate zwischen den Terminen liegen.

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Wer jetzt aber meint, er könne sich zur Jungfrau noch anmelden, der hätte früher aufstehen müssen, denn der doppelt (Sa/So) ausgetragene Jubiläumslauf ist mit je 4.000 Teilnehmern seit Monaten ausgebucht. Diesen Vorteil allerdings kann dem Zermatt-Marathon also keiner nehmen: Hier kannst Du Dich noch kurz vor dem Start anmelden und bist herzlich willkommen.

Ein letzter Gedanke noch zu einem evtl. Zermatt-Halbmarathon, den manche wohl gerne hätten. Angesichts der angebotenen Zweierstaffel halte ich den für so überflüssig wie einen Kropf. Denn die Staffel teilt die Gesamtstrecke in zwei gleich lange, aber stark verschieden schwere Hälften, sodaß auch unterschiedlich starke Läufer ein schönes gemeinsames Lauferlebnis haben und sogar gemeinsam ins Ziel einlaufen können. Also, worauf wartet Ihr noch?
 

Rund 300 Fotos zu diesem Bericht findet Ihr auf marathon4you.de!

Startgeld:
95 €, für den Staffelmarathon 145 €.

Streckenbeschreibung:
Von St. Niklaus über Zermatt zum Riffelberg, 1.944 positive, 444 negative Höhenmeter. Sollzeit 6:20 Std. mit Maximalzeiten in Zermatt, Sunegga und Riffelalp.

Rahmenprogramm:
Sehr kleine Messe in St. Niklaus, Pastaparty (gegen Bezahlung – 5 Fr. mit, 10 Fr. ohne Startnummer) in Zermatt.

Auszeichnung:
Funktionelles Finisher-T-Shirt, Medaille, persönliches Foto mit dem Matterhorn im Hintergrund (online), Sachpreise für die drei Kategorien-Besten, Rangliste im Internet, Diplom.

Logistik:
Alle Teilnehmenden (Läufer) fahren am Laufwochenende, Freitag, 6. Juli 2012 bis Sonntag, 8. Juli 2012, gratis auf folgenden Strecken: Brig - Zermatt (MGBahn), St. Niklaus - Grächen (Postauto), Zermatt - Gornergrat (GGB) und Zermatt - Sunnegga (Standseilbahn Zermatt Bergbahnen). Die Läufer erhalten zusammen mit der Startnummer das Bahnbillett und dieses berechtigt zur Gratis-Fahrt auf den obengenannten Strecken.

Für den Transport der Teilnehmenden (Läufer) am Marathon-Tag an den Start nach St. Niklaus resp. vom Ziel zurück nach Zermatt / St. Niklaus-Brig gelten die Bahnbillette. Die Startnummer gilt nicht mehr als Bahnbillett, die Läufer müssen auch am Renntag das Bahnbillett vorweisen.

Für die Anreise von Visp nach St. Niklaus resp. von Zermatt nach St. Niklaus (gültig am Freitag und Samstag) zum Abholen der Startunterlagen gilt die Quittung der Einzahlung des Startgeldes als Fahrausweis.

Alle Teilnehmenden erhalten im Rennbüro, zusammen mit der Startnummer, einen Gepäcksack, welcher mit der persönlichen Startnummer gekennzeichnet wird. Es werden nur die offiziellen Gepäcksäcke ins Ziel transportiert. Abgabe bis spätestens 15 Minuten vor dem Start direkt im Startgelände.

Verpflegung:
Wasser, Iso, Cola, Tee, Bouillon, Bananen, Riegel, Gel – also perfekt.

Zuschauer:
In den Orten ganz ordentlich, schön ist die Unterstützung durch die vielen Wanderer unterwegs.
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017