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17. Christkindllauf Wiedenbrück am 05.12.2009


In 10 Minuten ausgebucht!

Stimmungsvoller Abendlauf um den Weihnachtsmarkt

Es ist im August 2009 und es läuft mir heiß und kalt den Rücken herunter. Die Anmeldungen zu unserem Staffelmarathon am 3. Oktober tröpfeln nur höchst vereinzelt ein und ich beginne schon fast zu (ver)zweifeln.

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Plötzlich prasseln fast 25 Anmeldungen auf einen Schlag ein. Absender: Der LG Burg aus Wiedenbrück. Nie gehört. Sie feiern zwanzig Jahre Lauftreff, haben sich unsere Veranstaltung als Geburtstagsfeier ausgesucht und für zwei Tage in Waldbreitbach einquartiert. Ich hätte sie knutschen können!

Aber wie unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schon seinen Zauberlehrling sprechen ließ: „Die ich rief, die Geister, / Werd’ ich nun nicht los“ sollte es nicht bei einer Begegnung bleiben. Einen Tag nach unserer sehr gut besuchten Veranstaltung (fast 500 Teilnehmer) traf eine Dankeschön-Mail aus Wiedenbrück ein, die mit den Worten schloß: „...veranstalten  wir unseren Christkindllauf immer am ersten Dezemberwochenende.“ Dieser Wink mit dem Zaunpfahl war nicht mißzuverstehen. Ein Gegenbesuch bei unseren neuen Freunden stand also an.

Ein Blick auf deren Internetseite ergab einen 10er über vier Runden um den Weihnachtsmarkt. OK, warum nicht? 220 km Entfernung? Mußt Du halt durch. Dann aber kam es: „Wir machen darauf aufmerksam, daß die Anmeldung am 28.10. um 21 Uhr beginnt.“ Um 21 Uhr? Und: „Der Lauf war im vergangenen Jahr innerhalb einer Stunde ausgebucht.“ ??? Der Marathon in Washington D.C. war 2005 in zweieinhalb Tagen mit 20.000 Teilnehmern ausgebucht, aber ein „popeliger“ 10er mit 1.300 Startplätzen? Und das irgendwo in Westfalen?

Ich lege mich also auf die Lauer und haue tatsächlich um 21 Uhr in aller Eile meine fünf Anmeldungen heraus. Leider sind es nicht mehr, denn die wenigsten unserer Läufer können schon am Freitagmittag losfahren. Am nächsten Morgen lese ich: „Danke für Ihre Anmeldung. Der Lauf war in 10 MINUTEN ausgebucht.“ ??? Ich melde mich bei der Chefin Berna Masjosthusmann und stoße wüste Drohungen aus: Ich würde nicht eher heimfahren, bis ich begriffen hätte, was diesen Lauf so außergewöhnlich macht. „Komm Du nur und Du wirst verstehen.“ Wolfgang fuhr, um zu verstehen.

Nach staufreien zweieinhalb Stunden (inkl. Köln!) finden wir den beabsichtigten Top-Parkplatz an der Michael-Ende-Schule (Umkleide/Dusche 50 m entfernt, über die Ems-Fußgängerbrücke 200 m zum Start/Ziel und zur Startnummernausgabe). Gerade ausgestiegen, begrüßt uns noch am Auto Norbert von der LG Burg, als hätte er auf uns gewartet. Schön, daß man sich auf uns fünf freut, der Staffelmarathon hat auch hier nur positive Spuren hinterlassen, wie wir zu unserer Freude immer wieder hören.

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Wiedenbrück ist optisch eine Wucht, wir sind sofort begeistert: Tolle alte Bauernhäuser, deren ehemalige Scheunentore kunstvoll verziert eine Augenweide sind. Prachtvoll erleuchtet ist die Innenstadt, der Weihnachtsmarkt glitzert schon durch die Gassen – wow! Allerdings ist es nach den kuscheligen 21° im Auto mit 6° und frischem Wind schweinekalt und wir sehen zu, daß wir flugs ins Stadthaus kommen um unsere Startunterlagen abzuholen. Wir treffen Berna und fühlen uns sofort wie zuhause. Unser Läuferpräsent, eine schöne Glühweintasse mit Wiedenbrücker Motiv, können wir gleich mitnehmen.

Wir schauen uns zuerst die Stadt ein wenig an und beschließen dann, die Strecke erst einmal in aller Ruhe abzugehen. Leider ist sie für uns Ortsunkundige aber nicht zweifelsfrei auszumachen und so trollen wir uns durch die hübschen Gassen. Gut, daß wir Freitag Abend haben, die Gattin bekommt bei mindestens jedem zweiten Schaufenster leuchtende Augen! Um 18.30 Uhr ist die Strecke dann gesperrt und wir laufen uns eine Runde ein.

Tja, wo jetzt aufstellen? Immer die gleiche Frage. Zu weit vorne will man nicht stehen, um kein Hindernis für die schnellen Hirsche darzustellen, zu weit hinten aber auch wieder nicht. Vielleicht wäre es für die Zukunft günstig, ein paar Schilder mit Zielzeiten zur Orientierung aufzustellen. So reihen wir uns am Ende des vermuteten ersten Drittels ein. Die beiden Jungs, Dominik und Marco, schicken wir nach vorne, sie können 37 bzw. 41 min. laufen. Als echte Rheinländer haben Doris und ich es mit der „11“ und wollen 44 min. = 4 x 11 min. schaffen, das läßt sich auch schön dividieren. Elke überwacht das Feld von hinten...

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Van-Man Jochen Heringhaus moderiert gekonnt, läßt die Zuschauer ihre vorher verteilten Wunderkerzen entzünden und schickt uns um kurz nach 19 Uhr auf die Strecke. Nach einer guten Minute überschreiten wir die Startlinie und bleiben von allen Seiten eingekeilt. Schon nach 100 m ist klar, daß wir unsere Zielzeiten vergessen können, denn jede Menge Jogger sind in Bataillonsstärke kaum überholbar vor uns. Kein Drama, im Dezember muß man keine Bäume mehr ausreißen, dann wird halt in vollen Zügen genossen und dazu ist reichlich Gelegenheit vorhanden. Ja, so ist das halt: Willst Du eine schöne Strecke mit toller Atmosphäre, ist diese – gerade in einer Altstadt – eng und da ist das mit dem Überholen so eine Sache und ständige Sprinteinlagen sind erforderlich. Tatsächlich dauert es bis zur Mitte der zweiten Runde, bis ein einigermaßen freies Laufen möglich ist.

So benötige ich für die erste Runde 11:27 min. und erfreue mich zum ersten Mal am tollen Zieldurchlauf. So dramatisch schlecht ist meine Zeit ja gar nicht und die hier versammelten zahlreichen Zuschauer geizen nicht mit Beifall. Selbstverständlich ausschließlich für mich. So schön die Strecke auch ist – immer vorbei an tollen, beleuchteten Häusern, u.a. durch ein imposantes Stadttor an der Kirche – man muß höllisch aufpassen: Ständig wechselnde Bodenbeläge, etliche Kopfsteinpflasterpassagen, immer wieder Bordsteine in unterschiedlichen Höhen (die teilweise aber mit überdimensionalen „Teelichtern“ sehr stimmungsvoll beleuchtet sind) bedingen volle Aufmerksamkeit. Denn Hindernisse tauchen immer wieder unvermutet auf, da man wegen der zahlreichen Läufer nicht weit nach vorne schauen kann. Ein Läufer, so wird mir berichtet, rannte mittschiffs gegen einen schwarzen Absperrpfosten. Über die möglichen Folgen will ich lieber gar nicht erst nachdenken...

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Die zweite Runde geht dann schon zumindest gefühlt zügiger (11:18 min.), aber ich muß in den teilweise spitzen Kurven oftmals außen laufen, um in einigermaßen gleichmäßigem Tempo voranzukommen. Eine besonders dunkle Ecke leuchtet die Feuerwehr beeindruckend aus. Großes Gelächter gab’s beim Einlaufen, als ich sie dafür gelobt und gefordert hatte, wenn sie schon für Licht sorgen, könnten sie ja auch gleich die Heizung anwerfen!

Die dritte Runde hat gerade erst begonnen und schon kommt der Führende an mir vorbeigehastet. Elias Sansar ist Seriensieger (neun mal in Folge) und Inhaber des Streckenrekords mit 30:30 min. (!), heute wird er 31:40 min. benötigen. Ilona Pfeifer bei den Frauen (ebenfalls Inhaberin des Streckenrekords in 35:01 min.) gewinnt heute in 36:19 min. und das zum fünften Mal in Folge. Das sind für heutige Volksläufe beeindruckende Zahlen und erinnern an gute alte Zeiten mit einer ganz anderen Leistungsdichte als heute.

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Die letzte Runde wird mit Anstand in 11:10 min. zu Ende gebracht und so ist es mit 45:10 min. insgesamt doch noch besser gelaufen, als ich nach den ersten Metern erwartet hatte. Mit dieser Zeit bin ich immerhin 277. von 876 Männern. Hervorragender Service beim Überqueren der Ziellinie: Jochen Heringhaus berichtet von der Auslosung für die WM 2010 in Südafrika, die während des Laufs stattgefunden hat. Australien, Serbien und Ghana – das müßte doch zu schaffen sein! Tee und Spekulatius (die es auch bei der Startnummernausgabe gab!) bringen die Lebensgeister schnell zurück und die warme Dusche tut ein Übriges. Dominik ist unser Schnellster in 38:21 min., Marco benötigt 42:01 min., Doris 46:04 min. und Elke bringt mit Bravour ihren ersten 10er nach Hause. 1:13:06 Std. bringen sie in der Ergebnisliste zwar nicht ganz nach vorne, aber der Vergleich mit den vielen nicht laufen Könnenden macht sie zurecht stolz. 10 km am Stück zu laufen muß man/frau erst einmal hinbekommen.

Zur Siegerehrung auf dem Christkindlmarkt kommen wir dann leider zu spät, revanchieren uns aber mit läufergerechter Nahrung: Glühwein gibt’s am Stand bei Johnny – das scheint eine lokale Berühmtheit zu sein – und einen leckeren Backfisch lassen wir auch nicht verkommen. Zum Schluß geht’s noch einmal ins Stadthaus, einen Blick in die Ergebnisliste zu werfen. Überraschung: Dominik hat seine Altersklasse gewonnen! Hier zeigt sich schon wieder, daß die LG Burg wirklich etwas drauf hat: Die bereits verpackte Urkunde und der Pokal sind schnell wieder aus dem Auto geholt und ein kleine Siegerehrung wird improvisiert. Das haben sie toll gemacht und Dominik strahlt über alle vier Backen.

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Dann heißt es Abschied nehmen und ich bin mir sicher, nicht zum letzten Mal hier gewesen zu sein. Denn: Wir haben jetzt verstanden, weshalb dieser Lauf in zehn Minuten ausgebucht war. Als wir die Autotüren schließen, fängt es an zu regnen. Wiedenbrück weint zu unserem Abschied. Kann es Rührenderes geben?

Hier noch ein schöner Bericht des Van-Man über den Lauf, der die sportliche Seite mehr beleuchtet und in dem wir freundlicherweise sogar erwähnt werden: http://www.runnerspoint-vanman.de/christkindllauf-2009.html

Streckenbeschreibung:

4 flache Runden á 2,5 km im Innenstadtbereich, einige scharfe Kurven, trotzdem erstaunlicherweise schnelle Strecke. Unterschiedliche Beläge.

Zeitmessung:
Champion-Chip

Auszeichnung:
Urkunde über das Internet, Präsent für Jeden (Glühweintasse)

Logistik:
2 x Dusche/Umkleide (Michael-Ende-Schule und Ratsgymnasium, Startnummernausgabe im Stadthaus (alles sehr nahe beieinander)

Verpflegung:
Zielverpflegung mit Tee und Spekulatius, keine Streckenverpflegung (würde auch zum Chaos führen)

Zuschauer:
Zahlreich, insbesondere bei Start/Ziel

Temperatur:
6°, trocken

 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017