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11. Einstein-Marathon Ulm am 27.09.2015
 

Ulm: absolut relativ

Eigentlich hätte ich durchaus von alleine darauf kommen können, die Namensgebung des Ulmer Marathons macht es doch nicht allzu schwierig. 1879 in Ulm geboren, ist der Physiker und Nobelpreisträger für viele der Inbegriff des Forschers und Genies schlechthin und vermutlich der berühmteste Sohn der Stadt. Neben Sophie Scholl und Hildchen Knef als bedeutende Töchter. Der Stadt, nicht des erwähnten Herrn.

Relativ schwierig

Albert Einstein begründete die physikalische Relativitätstheorie, die er 1905 als spezielle und 1916 als allgemeine Relativitätstheorie veröffentlichte. Seine Werke führten zu einer Revolution der Physik; die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie (ART) gehören bis heute zu den Grundpfeilern der modernen Physik. Ich kann leider nicht behaupten, sie wirklich begriffen zu haben: Die ART beschreibe die Wechselwirkung zwischen Materie einerseits sowie Raum und Zeit andererseits, klärt uns Wikipedia auf, und deute Gravitation als geometrische Eigenschaft der gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit. Als Marathonläufer habe ich schon mit drei Dimensionen genug zu kämpfen, nämlich Länge (42,195 km), Masse (71 kg) und Zeit (möglichst unter 4 Stunden). Über die Person Albert Einstein gäbe es noch sehr viel mehr zu sagen, was an dieser Stelle jedoch viel zu weit führen würde. Entsprechende Publikationen gibt es zur Genüge.

Relativ klar

war, daß ich früher oder später einmal vor dem Ulmer Münster, das den mit 161,53 m noch vor dem Kölner Dom höchsten Kirchturm der Welt besitzt, einlaufen wollte. Den hiesigen Hunderter habe ich zwar auch schon seit langem auf dem Schirm, aber man kann sich der Stadt ja auch erst einmal auf nicht ganz so weiter Strecke nähern. Ähnlich groß wie meine Geburtsstadt Koblenz (knapp 120.000 Einwohner) ist auch sie Sitz einer Universität. Relativ unbekannt war mir, daß die Donau, welche Ulm von Neu-Ulm trennt, zugleich die Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern bildet. Nach fast 1.000 Jahren als freier Reichsstadt wurde sie 1802 zunächst bayrisch. Dieser Kulturschock war wohl zu groß, daher kam sie 1810 zu Württemberg, obwohl die ja auch kein Hochdeutsch können. Die Besitzungen rechts der Donau blieben bei Bayern, worauf sich ab 1810 Neu-Ulm bildete, das mit rund 50.000 Einwohnern heute die drittgrößte Stadt des bayerischen Regierungsbezirks Schwabens darstellt.

Relativ einfach

ist es wieder einmal, die Gattin vom Mitkommen zu überzeugen. „Gibt’s da einen Zehner?“, lautete die im Vorfeld übliche Standardfrage. Kann die wie hier mit Ja beantwortet werden, ist die Sache meistens schon gebongt. Fast fünf Stunden Anfahrt für knapp 400 km sind am Freitagvormittag erforderlich, um uns hierher zu bringen. Wir nutzen einen der Veranstaltertips zur Übernachtung und kommen zwar relativ hochpreisig, dafür aber auch relativ luxuriös, vor allem aber relativ nah fußläufig zum Start- und insbesondere zum Zielbereich unter. Die unmittelbar an der Donau gelegene Herberge und ihre Nähe zur Stadtmitte ermöglicht sowohl ein ausgiebiges touristisches Programm als auch einige Joggingkilometer in attraktiver Umgebung.

Relativ hoch

geht es nach der Ankunft erst einmal hinauf. Da man spätestens um 17 Uhr den Aufstieg begonnen haben muß, nehmen wir uns direkt den erst vor 125 Jahren vollendeten Turm des Münsters vor. 768 Stufen auf 142 m Höhe lautet die Herausforderung, am Vortag des Marathons hätte ich mir das nicht mehr angetan. Eine herrliche Aussicht über die Stadt und die Umgebung belohnt uns für das mühsame Hochstiefeln. Angeblich kann man bei ganz günstiger Witterung sogar die Alpen sehen. Im Juni fand schon zum fünften Mal der Ulmer Münsterturmlauf statt, bei dem 95 Läufer (der schnellste Mann in 2:44, die schnellste Frau in 3:44 min.) über 560 Stufen bis auf 102 m Höhe zum 2. Kranz sprinteten.

Den Abend verbringen wir im Fischer- und Gerberviertel, das aussieht, als sei es extra für Touris gemacht. Also sind wir hier genau richtig.

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Relativ groß

ist die Marathonmesse, die wir samstagsvormittags in der Donauhalle aufsuchen, um unsere Startunterlagen abzuholen. Heute besteht dafür Zeit zwischen 10 und 19 Uhr. Die Donauhalle bietet Veranstaltungsräume mit 20 bis 2.300 Plätzen für Konzerte, Tagungen, Versammlungen oder festliche Bälle. Den in der Anmeldegebühr enthaltenen Gutschein für die Pastaparty werden wir abends auf dem Münsterplatz einlösen. So sollte es auch relativ wenige Ausreden geben, den Marathon-Gottesdienst um 18 Uhr im Münster zu verweigern.

Relativ sonderbar empfinde ich es, von allen Startern für die Zeitmessung separat 5 € zu fordern, anstatt, wie üblich, diesen Betrag im Nenngeld unauffällig verschwinden zu lassen. So wird es nicht wenige Wiederholungstäter geben, die dem Wechsel vom bisher genutzten ChampionChip auf das neue Einwegsystem mit nur begrenztem Verständnis begegnen. So gesehen ist z. B. der 10 km-Start in der letzten Anmeldephase mit 20 plus 5 = 25 € nicht gerade preiswert. Ob das der Grund für den Teilnehmereinbruch um ein Viertel gerade in dieser Disziplin ist?

Die relativ großen Portionen der Pasta-Party verdrücken wir nach einem ausgiebigen Stadtbummel (unglücklicherweise haben wir die Kreditkarten dabei) abends auf dem Münsterplatz, hierzu haben alle zwischen 17 und 20 Uhr Gelegenheit. Wobei die Frage zu klären wäre, ob das Ulmer Wappentier, der Spatz, etwas mit den zu verzehrenden Spätzle, dem Leibgericht der Ulmer, zu tun hat. Der Sage nach sollen die Ulmer beim Bau des Münsters einen besonders großen Balken angekarrt, aber nicht durchs Stadttor gebracht haben. Kurz davor, das Tor einzureißen, sahen sie einen Spatzen, der einen Zweig im Schnabel trug, um diesen in sein Nest einzubauen. Und dieser Spatz flog mit dem Zweig längs durch das Tor, worauf den Ulmern ein Kronleuchter aufgegangen sein soll. Sie legten den Balken der Länge nach auf ihren Karren und nicht quer, wie bisher. Relativ intelligent also, vielleicht war Nasreddin Hodscha ja ein Ulmer? Die Spätzle jedenfalls sind al dente gekocht und rutschen längs wie quer.

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Relativ früh

geht es am Morgen aus den Federn, denn bis zum Start um 9:10 Uhr sollte das Frühstück weitgehend verarbeitet sein. Der findet an der direkt dem Messegelände angeschlossenen Donauhalle (Marathonmesse) statt. Den Moderator, unseren Freund Artur Schmidt, hatten wir gestern schon auf dem Münsterplatz quasi inkognito getroffen. Er geht seiner Lieblingsbeschäftigung trotz seines 70. Geburtstags nach und verbindet heute das Angenehme mit dem Nützlichen, indem er die Familie zum Feiern nach Ulm eingeladen hat. Herzlichen Glückwunsch, Artur, und bleibe uns noch lange erhalten! Herr Oster, Chef der Sparkasse als heutiger Hauptsponsor, glänzt durch ein mit Sachkenntnis gepaartes gutes Auge: „Bei Ihnen ist ja alles perfekt aufeinander abgestimmt!“ Einige freundliche Sätze darf ich über unser Portal ins Mikro abgeben, dann wird’s ernst. Vier zeitversetzt losgelassene Startblöcke sind gebildet für Zielzeiten bis 3:00, 3:30, 4:00 Stunden und darüber. Mein in prähistorischer Zeit erzieltes Ergebnis spült mich in den zweiten, daher kann ich in Ruhe erst einmal relativ viel Volk passieren lassen. Sind ja eh alles nur Angeber.

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Schön läuft’s sich am Wasser, rechterhand ist auf der Neu-Ulmer Seite nach dem ersten km ein Wasserkraftwerk auszumachen. Elf Zugläufer für Zielzeiten zwischen 3:15 und 4:25 Std. bieten ihre Dienste an. Ich freue mich sehr, meinen österreichischen Freund Michael Dorfstätter zu treffen, der mich entscheidend bei meiner Keniahilfe unterstützt. Die ersten km vergehen wie im Fluge, während wir die nächste gemeinsame Aktion planen. Schon am Wolfgangsee werden wir uns in drei Wochen wieder sehen.

Relativ kühl

ist es noch, daher kann uns der bei km 2 auf den anderen Donauseite gelegene Pfuhler Badesee nicht allzu stark reizen. Beim Marathon in Palma de Mallorca, wo die letzten zwölf km bei meist brütender Hitze unmittelbar am Ufer verlaufen, hätte ich ein Königreich dafür gegeben. Allerdings verwöhnt uns schon die Sonne, die, wie auf Bestellung, zwei Minuten vor dem Start durchgebrochen ist.

Die Thalfinger Uferstraße führt uns zu km 4, der zugleich den nördlichsten Punkt der Strecke markiert, dann erfolgt erstmalig der Wechsel auf die bayrische Seite. Kurz nach der Brücke biegen wir nach rechts auf den Pfuhler Weg, jetzt parallel zum Hinweg mit einigen hundert Metern Abstand zur Donau, zurück. Nach 5 km gibt es am VP 1 zum ersten Mal Getränke, und die zum Selberschneiden. Nein, ich verulke Euch nicht, werft einen Blick auf das Foto. Jürgen spricht mich an. Ich solle doch mal darauf hinweisen, daß nach seinem Geschmack die Zugläufer viel zu spät, nämlich erst unmittelbar vor dem Start, ihre Plätze einnehmen und viele Läufer daher gar nicht wissen, wo genau sie sich plazieren sollen. Auftrag ausgeführt!

Eine Viertelstunde durch die Prärie braucht es, bis wir nach Km 7,5 km die Pfuhler Seehalle, eine Mehrzweckhalle, erreichen. Als erste von 33 angekündigten Bands/Kapellen heizt uns die Pfuhler Feuerwehrkapelle ein. Für meinen Geschmack soll auch etwas dabei sein, da bin ich mal gespannt. Nette Idee: Teilnehmer und Zuschauer können im Anschluß an die Veranstaltung zwei Wochen lang abstimmen, welche Band die beste Stimmung/die beste Musik an der Strecke gemacht hat. Die beliebteste Gruppe wird von Radio 7 zu einem Musikevent eingeladen. Wolfgang vom Laufteam der Südwestpresse hat offensichtlich meinen Berichtstitel über Füssen gelesen und diesen für die Aufschrift auf seinem Shirt geklaut.

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Wirklich schön ist der gute Zuschauerzuspruch in den dörflichen und städtischen Bereichen, das hervorragende Wetter lädt auch wirklich zum Mitfiebern ein. Direkt danach befinden wir uns kurz im größten Neu-Ulmer Stadtteil Pfuhl, der sich wegen seiner virtuellen Präsenz selber als der internetteste ganz Neu-Ulms bezeichnet. Km 10 ist direkt bei einer Golfanlage, wieder genau an der Donau. Relativ unverständlich ist mir nicht erst seit eben, wie frau ohne Not von einer Läuferin zur Putterin werden kann, gell, Frau H. M.? Kurz dahinter gibt’s den VP 2 am Sportplatz Offenhausen. Die Band Farmer Sally überzeugt durch knallharte Riffs und schon wieder bricht einer aus dem Läuferfeld aus und macht sich headbangend zum Affen. Meine Stimme habt ihr!

Relativ brückenreich

wird es auf dem folgenden, langen Abschnitt. Zunächst kommen wir während der km 11 und 12 auf der Augsburger Straße über den Augsburger-Tor-Platz und die Gänstorbrücke wieder nach Ulm. Das Augsburger Tor als Teil der ehemaligen Bundesfestung Ulm (größte Festungsanlage Europas) wurde 1960 trotz Protesten aus der Bevölkerung zugunsten einer breiten Verkehrsstraße weitestgehend abgebrochen. Die Gänstorbrücke ist nach dem 37,5 m hohen Gänstor von 1360, einem heute noch erhaltenen Stadttor im Osten der mittelalterlichen Stadtbefestigung, benannt. Früher jagte man hier die Gänse durch das Tor auf die Gänswiesen, heute uns kreuz und quer durch die Stadt. In Ulm, um Ulm – Ihr wißt schon.

Vorbei am „Congress Centrum“ (diese pseudointellektuelle Vergewaltigung der deutschen Rechtschreibung schätze ich ganz besonders) umrunden wir großzügig das Zeughaus (das ist jetzt nichts Unanständiges, sondern ein ehemaliges Lagerhaus für Waffen und militärische Ausrüstungsgegenstände) und kommen an der St. Georgskirche und dem Seelturm mit seinem Zundeltor vorbei. Der etwa 20 Meter hohe Turm wurde im 14. Jahrhundert als Teil der Ulmer Befestigungsanlage auf dem Zundeltor beim Seelengraben errichtet. Benannt wurde er nach dem Seelengraben, an dem er steht, bzw. nach dem damals noch existenten Seelhaus. Dort nämlich versorgten Ordensschwestern „arme Seelen“, also Aussätzige, andere Kranke und sonstige Bedürftige. Seinen zweiten Namen verdankt der Turm dem im 18. Jahrhundert dort gelagerten Zunder.

Fast schon wieder am Ufer, vorbei am Gänsturm, wechseln wir über die Gänstorbrücke erneut ins Bayrische. Hier bleiben wir aber nur ein paar hundert Meter, und steuern, zuletzt an der sog. Kleinen Donau, einem alten Donauarm, schon wieder Ulm an.

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Relativ selten

erst habe ich Brückenhäuser erblickt, vermutlich daher haben die Neu-Ulmer in Höhe der Herdbrücke auf die Donauinsel extra eines für mich hingesetzt. Wobei sich dieses deutlich von denen unterscheidet, die ich bisher, z.B. in Bad Kreuznach, gesehen habe. Sind es dort historische Bauwerke, die wirklich an einer Brücke quasi kleben, handelt es sich hier um eine ganz moderne Variante, die AN der Brücke AUF der Insel steht, aber genauso heißt wie die geklebten. Über die Attraktivität des Neubaus der Sparkassenzentrale samt separatem Wohnhaus mit 17 Wohnungen und einem weiteren Bürogebäude mit Penthouse läßt sich sicherlich trefflich streiten. Erst in der vergangenen Woche wurde es mit großem Tamtam eingeweiht.

Schon sind wir wieder auf der Württemberger Seite, verlassen diese aber nach kaum 300  m und dem Kurzbesuch des Rathauses (sagenhafte zehn Parteien und Gruppierungen sind hier im Rat vertreten!) erneut und wechseln über die gleiche Brücke abermals ins Weiß-Blaue. Die Kirche St.-Johann-Baptist, die wir streifen, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts aus Abbruchsteinen der Ulmer Stadtbefestigung errichtet, mehrfach erweitert und umgebaut und ist heute eine der bedeutendsten Sakralbauten im expressionistischen Stil. Vor dem Neu-Ulmer Rathaus versorgt man uns bei km 16 zum dritten Mal. Kurz dahinter sind wir am neu errichteten Bahnhofsgebäude, dessen optisch attraktiver Vorgängerbau wie so vieles andere den 2. Weltkrieg leider nicht überdauert hat. Eine glänzende Idee ist die Durchquerung der Glacis-Galerie, eines modernen Einkaufszentrums. Das hat was! Über den Petrusplatz mit gleichnamiger Kirche, die zur Zeit umfangreich saniert wird, nähern wir uns bei km 18 wieder der Donau.

Relativ auffällig

ist das unmittelbar an der Herdbrücke und damit gegenüber der Ulmer Altstadt gelegene Donau-Center, ein nicht mehr wiedergutzumachendes architektonisches Wohn-Verbrechen in Stahlbeton. Trotzdem ist der Klotz irgendwie faszinierend. Vor knapp zwei Jahren haben hier rund 500 Menschen aufgrund eines Legionellenbefalls monatelang aufs Duschen verzichten müssen. Auch der Gang aufs Klo war zeitweise eingeschränkt, eine echt besch… Situation. Ehrlich, in der Zeit hätte ich da keinen besucht.

Phantastisch ist der Blick über die Donau auf die Ulmer Altstadt und die Läuferkette vor der Stadtmauer. Das könnte man wirklich mal ein paar Minuten genießen, wenn man sich die Zeit nähme. Nach der Donauklinik, die nach eigener Aussage für qualitative hochwertige medizinische Versorgung in Wohlfühl-Atmosphäre zuständig ist (für uns ist keine Sanitätsstation vorgesehen) erstrahlt das Edwin-Scharff-Haus bei 19 km nach gründlicher Renovierung in neuem Glanz. Dem Ulmer „Congress Center” ähnlich, bietet es neben zwei Sälen u.a.  Konferenzräume, eine Bühne u.v.m. 

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Parallel zur Adenauerbrücke geht es rechts unterhalb dieser über einen Steg nach Ulm. Was jetzt folgt, ist ein Pendelverkehr, zunächst auf dem Donauschwabenufer, von fast vier km Länge beinahe bis zum ursprünglichen Startplatz an der Donauhalle. Ulm war zwischen dem Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Ausgangspunkt der Auswanderung der sog. Donauschwaben, die donauabwärts mit den Ulmer Schachteln (womit ausdrücklich nicht ältere Ulmer Damen gemeint sind, sondern flache Schiffe mit einem Haus drauf) in ihre neue Heimat im Südosten Europas, v. a. in den von den Osmanen befreiten Vielvölkerstaat Ungarn, fuhren. Heute kreuzen nur noch fünf Schachteln auf dem zweitgrößten und –längsten Fluß Europas, eine davon habe ich zweimal bildlich einfangen können. Zehn Länder passiert die Donau auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer. 

Relativ alt

ist die mittelalterliche Stadtmauer, an deren Rand wir uns weiter voran arbeiten. Die damals bestehende wurde 1527 nach Albrecht Dürers Befestigungslehre umgebaut und hinsichtlich der aktuellen Waffentechnik optimiert. Die runde Adlerbastei z.B., die wir bald darauf passieren, diente mit ihren ebenfalls dem Wall vorgelagerten baugleichen Schwestern dem flankierenden Beschuß des Grabens. Wunderschön sind die langen km am niveaugleichen Ufer, das ist genau mein Ding. Die Wasserwacht paßt am „falschen“, also am Württemberger, Ufer auf, daß kein Lebensmüder ins Wasser geht. Nach 19 km verlassen uns die Halbmarathoner in Richtung Stadt und Ziel.

Am im vergangenen Jahr errichteten Ulmer Bootshaus (schwimmendes Restaurantgebäude auf der Donau) und an der jubelnden Gattin (die noch Zeit bis zum Start des 10 km-Laufs hat) vorbei sowie unter der Gänstorbrücke durch kommen wir zum Donaustadion. Dieses bietet 19.500 Plätze und ist die Spielstätte des SSV Ulm 1846 Fußball, der 2009 durch die Abspaltung der Fußballabteilung des bekannten Gesamtvereins SSV Ulm 1846 entstanden war. Als Fußballabteilung des Muttervereins hatte er sich in der Spielzeit 1999/2000 tatsächlich mal nicht ganz so erfolgreich in der 1. Bundesliga versucht. Seit der dritten Insolvenz 2014 spielt man in der fünftklassigen Fußball-Oberliga Baden-Württemberg. Relativ erfolglos also.

Relativ viele Trinkbecher landen hier in der Donau, ich kann im Gegensatz zu vielen anderen Punkten weder Auffangbehältnisse noch gute Geister entdecken, die sie einsammeln. Und so sorgt der Wind für ein Anwachsen der Plastikmüllberge im Meer. Irgendwie paßt das nicht, denn bei der Pastaparty hat man richtigerweise, offensichtlich zur Vermeidung wilder Müllberge in der Stadt, zwei Euro Pfand für einen Plastikbecher genommen.

Relativ flott

war ich anfangs unterwegs, jetzt beginne ich durch die vielen Fotostops immer weiter zurückzufallen. Als Tanja, die Zugläuferin für 3:55 Std., vorbeiläuft, hänge ich mich an sie und ihre Schützlinge. Ich glaube, ein wenig Druck von außen kann nicht schaden, denn sonst wird das heute gar nichts. Die vielen in den vergangenen beiden Tagen zu Fuß zurückgelegten km machen sich durchaus bemerkbar, eine gute Vorbereitung sieht anders aus. Auf der anderen Seite: Wo ist die Alternative, wenn Du hier das ganze Wochenende verbringst und noch nie da warst?

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Die nächste Viertelstunde sind wir in der Friedrichsau unterwegs, der Grünanlage der Donau, in der sich die Ulmer bewegenderweise auf Trab halten.  Tanjas Mann steht zum ersten Mal mit Hund an der Strecke, und der rastet schier aus, als er die Chefin sieht. Also der Hund. Nach gut 23 km wenden wir, um die letzten vier km wieder zurückzulaufen und uns auf diesen das ganze Elend im hinteren Feld anzuschauen. Nein, Spaß beiseite, Elend sieht anders aus. Es folgen, wie gehabt, Gänstor- und Herdbrücke. Kurz vor km 26 verlassen wir das Ufer für einen kurzen Rundweg in der Stadt durch den Metzgerturm, ein heute noch erhaltenes Stadttor der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Der relativ schiefe, 36 m hohe quadratische Backsteinturm mit Spitzbogentoren wurde um 1340 als Auslass der staufischen Stadtbefestigung zur davorliegenden Stadtmetzig (Schlachthof) errichtet. Gute zwei Meter ist er aufgrund einer nachträglichen Bodensenkung des sumpfigen Untergrundes nach Norden geneigt und damit kaum gerader als sein Vetter in Pisa. Der Sage nach entstand die Turmneigung, weil sich dort eingesperrte korpulente Metzger aus Angst vor Strafe wegen minderwertiger Waren in einer Ecke zusammendrängten, als der zornige Bürgermeister eintrat.

Ein weiteres echtes Glanzlicht sind die folgenden Meter auf der Stadtmauer, herrliche Stadthäuser zur Rechten, die Donau zur Linken, ein optischer Genuß. Zurück auf Flußniveau setzen wir unseren Weg fort und unterqueren dabei sowohl die Eisenbahnbrücke von 2007 als auch den Steg.

Relativ im Eimer

ist die darauffolgende Adenauerbrücke als Teil der B 10. 1954 erbaut ist sie als eine der meistbefahrenen bayrischen Brücken – über 90.000 Fahrzeuge nutzen sie täglich – inzwischen derart marode, daß sie wohl komplett abgerissen werden muß und immer wieder nur notdürftig instandgesetzt wird. Eine Provinzposse ist dem Vernehmen nach die Planung eines Neubaus, über deren Zuständigkeit sich verschiedene bayrische und württembergische Behörden streiten.

Km 28, 29, 30 verlaufen parallel zur Donau und Eisenbahnlinie, dann überqueren wir sowohl Donau als auch Donaukanal auf Höhe des 1907 ans Netz gegangenen Donaukraftwerks, das neben der Stromerzeugung zugleich als Grundwasser-Pumpstation dient. Bei so viel Donau fallen mir die relativ schmackhaften Donauwellen ein, mit denen wir beim nächsten VP leider nicht beglückt werden. Knapp anderthalb km entlang eines kurzen Donaukanals erreichen wir bei km 32 den südlichsten Punkt des heutigen Kurses.

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Ich muß mich mittlerweile schon ganz schön ins Zeug legen, um mithalten zu können. Aber wenn ich jetzt abreißen lasse, ist es um mich geschehen. Später erlebe ich das Wunder, das man nur durch eigenen Einsatz erfahren und schließlich glauben kann: Irgendwann geht es plötzlich wieder und die Krise ist, zumindest für eine gewisse Zeit, überwunden. Da kommt die Fangruppe für einen anderen Wolfgang genau richtig, vor der ich mich aufbaue und auf meine personalisierte Startnummer hinweise. Es dauert einen Augenblick, bis der Groschen bei denen fällt und die gewünschte Reaktion eintritt.

„Das also ist der Spezi vom Bernie, Greppi und Magicg rufe ich dem Team TOMJ-Shirtträger zu, den ich etwas später einsammele. „I hob mi heit verrenntg, sagt der Charly, „und muß langsam mocha.g Egal, er wird es packen, für ein Lächeln reichtfs noch und im Ziel werden wir uns wiedersehen.

Entlang des Ulmer Wasserschutzgebiets „Rote Wand“ tangieren wir Wiblingen auf den km 34 bis 36. Obwohl südlich der Donau und südwestlich von Neu-Ulm gelegen, befinden wir uns schon wieder im Württembergischen, da soll einer noch durchblicken. Ein echter Hingucker ist hier das Kloster Wiblingen, eine 1093 gegründete ehemalige Benediktinerabtei, die bis zur Säkularisation 1806 bestand. Teile von ihr wurden später als Schloß und Kaserne genutzt, heute dient sie der Uniklinik Ulm als Standort einiger Abteilungen. Das Durchlaufen dieses Kulturdenkmals ist für mich ein weiterer Höhepunkt des an Höhepunkten nun wirklich nicht armen Kurses. Der Gerhard ist ein ganz Netter, läuft voraus, knipst den Autoren in der Ausübung seiner Tätigkeit und sorgt so für ein nettes Andenken.

Relativ herausfordernd

ist die Aufgabe für zahlreiche Schüler, sich die bedeutenden Nebenflüsse der Donau zu merken. Dieses Thema aus grauer Vorzeit fällt mir nämlich spontan wieder ein, als wir bei km 36 auf die Iller stoßen: Iller, Lech, Isar, Inn, fließen rechts zur Donau hin. Altmühl, Naab und Regen kommen ihr von links entgegen. So, jetzt haben auch die Ossis was gelernt. Wir überqueren sie (die Iller, nicht die Ossis) und benötigen knappe zwei km bis zur Mündung in die Donau. 147 km hat sie seit ihrem Ursprung aus dem Zusammenfluß dreier Bäche bei Oberstdorf im Allgäu bis hierher zurückgelegt, und auch uns hat die Donau kurz vor km 39 wieder.

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Viel Zeit ist nicht mehr, wenn am Ende die „3“ stehen soll und ich muß mich wirklich ranhalten. Tanja hat Bauchschmerzen und liegt offensichtlich deutlich hinter ihrem Zeitziel zurück, zumindest ist dies das Signal von Mann und Hund bei einem weiteren Zusammentreffen. Daraufhin nimmt sie die Beine in die Hand und ward nicht mehr gesehen, keine Chance für mich zum Dranbleiben, heute nicht. Insofern nerven mich auf dem relativ engen Waldweg zwei Radfahrer, die einen Läufer begleiten, um ihn herumfahren und auch versorgen. Kathi erweist sich als profunde Kennerin unserer Seite und auch diverser Autoren, die ich alle grüßen soll. Die Berliner Mauerwegläuferin (100 Meilen) ist heute nicht ganz so flott unterwegs wie von ihr selber gewünscht und schickt mich daher vor. Das Gespräch setzen wir im Ziel fort.

Gute 40 km sind vorbei, als wir über den Dr.-Ted-Fritscher-Weg parallel zur Eisenbahnbrücke etwas unterhalb der Große Blau-Mündung (deren Ursprung, den Blautopf in Blaubeuren, 22 km zurück in Richtung Alb, sollte man im Leben einmal gesehen haben) letztmalig das Ufer wechseln. Alleine der atemberaubende Ausblick von der Brücke auf die Ulmer Altstadt mit ihrem dominierenden Münster ist sämtliche  vorangegangenen Anstrengungen wert.

Relativ kurz

ist erfreulicherweise unser Restprogramm, fast schon ist es geschafft. Selbst auf den letzten Metern lassen wir kein Wasser aus, überqueren die Große Blau. Aber trotz des Duft- und Tastgartens, einer kleinen Oase nicht nur für Sehbehinderte und Blinde am Kobelgraben, sowie des Farngartens sind die letzten km leider etwas unspektakulär. Gut, wenn man das Fischerviertel vorher nicht gesehen hat, geht einem nichts ab, so aber hätte ich mich über ein paar von altem Gemäuer gesäumte Meter nicht beschwert. Da haben es die 10 km-Läufer besser.

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Au Backe, bei km 41 habe ich nur noch gute sechs Minuten für 1.200 m. Normalerweise kein Thema, ist das jetzt eine echt harte Nuß, ich habe Füssen nicht vergessen. Das Schaulaufen auf den mit vielen Zuschauern gesäumten letzten paar hundert Metern macht trotz der Anstrengung viel Freude, dann ist das Münster in Sicht, das übrigens nie einem Bischof oder Fürsten gehört hat, sondern komplett von den Bürgern finanziert wurde. Kurz vor dem Zieltor steht Artur und weist publikumswirksam auf diesen Bericht hin. Ich hoffe, Ihr seid damit zufrieden.

Absolut zufrieden

und ausnahmsweise mal nicht nur relativ bin ich mit mir und der Welt nach 42,195 km im Ziel (das Zeiteisen zeigt 400 m mehr), denn erstens hat es ganz knapp zeitlich gereicht und dazu mir wirklich rundum gut gefallen. Ein eher schneller Marathon ist das hier, bei 637 Läufern beiderlei Geschlechts im Ziel liegt der Median bei 3:57 Std. Eigentlich wollte ich die angebotene Dusche im LKW nutzen, aber es ist so angenehm warm in der Sonne, daß ich mich von ihr trocknen lasse, das Duschen auf später im Hotel verschiebe und im Zielbereich auf Elke warte. Die Verpflegung ist wirklich ausgesprochen gut und vielfältig, insbesondere bin ich vom angebotenen Studentenfutter (politisch korrekt und zu Tode gegendert müßte es ja inzwischen Studierendenfutter heißen…) begeistert. Leider ist das Obst nach Elkes Zielankunft ausgegangen, da hat man wohl etwas knapp kalkuliert.

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Diesen Bericht gibt es auch mit sehr viel mehr Fotos auf Marathon4you.de!

Die Kombination aus trotz großer Kriegszerstörungen sehr ansehnlichen Stadt, einem abwechslungsreichen, attraktiven Kurs sowie einer engagierten und gelungenen Organisation hat bestens funktioniert. Wenn man jetzt noch die schwer verständliche Regelung der Extragebühr für die Zeitnahme wie vorgeschlagen ändert und das Bechermüllproblem an der Donau löst, ist der Einstein-Marathon eine völlig runde Sache, die allen Beteiligten nur Freude bereitet.

Zurück nach Hause benötigen wir sechs Stunden. Die Zeiten, in denen das Autofahren Vergnügen bereitete, sind wohl unwiderruflich vorbei.
 

Streckenbeschreibung:
Vorwiegend flacher Punkt-zu-Punkt-Kurs, jeder km ist ausgeschildert.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitpunkt 30 bis 45 € (bei Nachmeldung) zzgl. separat zu zahlender Gebühr von 5 € für die Zeitmessung.

Weitere Veranstaltungen:
Marathonstaffel, Halbmarathon, Inline-, Handbike- und Nordic Walking-Halbmarathon, 10 und 5 km-Lauf, 10 km Walking.

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde vor Ort und zum Ausdruck

Leistungen/Logistik:
Gutschein für die große “Settele-Spätzles-Party” am Samstag (Münsterplatz), Massage-Service und Duschmöglichkeiten im Zielbereich, Gepäck-Service vom Start ins Ziel, Shuttle Service vom Bahnhof und den Parkhäusern der Innenstadt zum Start, Parkplätze im Startbereich, Nutzung des ÖPNV im Stadtbereich, Zugläufer für diverse Zielzeiten, Duschtruck.

Verpflegung:
Teilnehmerversorgung auf der Strecke und im Ziel – alle 5 km Versorgungsstände mit Wasser und Iso, später auch Cola, ab km 15 Obst, zwischendurch Erfrischungsstände mit Wasser.

Zuschauer:
In den Dörfern und Städten zahlreiche Fans.

     

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017