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5. Rheinsteig-Extremlauf am 29.05.2011
 

Longjog extrem

Fünf Wochen und einen Tag nach meinem Zehenbruch fühle ich mich so weit wiederhergestellt, daß ich im Hinblick auf mein in absehbarer Zeit geplantes Marathon-Comeback einen ersten langen Trainingslauf wagen will. Sicherheitshalber empfiehlt sich ein Pendeln zwischen den Nachbarorten Roßbach und Niederbreitbach mit Verpflegung an der Haustür, also 11 – 7 – 11 km. Der Vorteil: Ich kann den Lauf zur Not problemlos abbrechen. Die Aussicht, diese im Training hunderte Male zurückgelegte Strecken wieder machen zu müssen, weckt allerdings keine Begeisterungsstürme in mir.

So hatte ich schon darauf geschielt, am vergangenen Wochenende in Windhagen einen profilierten Halbmarathon zu joggen, aber mein Doc hielt das für keine gute Idee und so habe ich diese folgsam direkt wieder beerdigt. Mein Freund Josef hatte fürs jetzige Wochenende die fünfte Auflage des Rheinsteig-Extremlaufs gebucht, dessen Premiere ich 2007 gelaufen war. Holla, die Waldfee! An die 34 km mit 1.200 Höhenmetern +/- erinnere ich mich sowohl gerne als auch schmerzhaft. Was der Doc dazu sagt? Ich habe ihn vorsichtshalber mal vorher nicht eingeweiht...

IronMaiden

Am Samstag zwischen 15 und 18 Uhr hat die Startnummernausgabe in der Talstation der Drachenfels-Zahnradbahn geöffnet, dort melde ich ohne Aufpreis nach. Die Startgebühr ist auch im fünften Jahr mit 23 € stabil, das ist sympathisch und dem Lauf, der keine potenten Sponsoren anlockt, auch durchaus angemessen. Nach der Anmeldung bereite ich mich gezielt auf dieses morgige Laufereignis vor, und zwar in der Frankfurter Festhalle (knappe 2 Stunden Autofahrt). Mit zwei Stunden Schwermetall. Iron Maiden lassen es ab 21 Uhr richtig krachen (leider ohne „The loneliness of the long distance runner“) und mit jeder Menge Adrenalin im Blut hätte ich direkt starten können! Dankenswerterweise übernimmt mein Sohn Jan Philipp eine Fahrt und wir haben während des Konzerts sogar Sitzplätze.

Start

Die Nacht ist nach der Rückfahrt mit anschließenden vier Stunden Schlaf eher kurz, eigentlich sehr kurz, bemessen. So ist das halt, wenn man keine Schwerpunkte setzen und alles gleichzeitig haben will! Josef und ich nehmen die letzte Straßenbahn vom Ziel in Bad Honnef zum Start und sind nach 10 Minuten Fußweg zehn Minuten vor dem Startschuß vor Ort. Knapp, aber ausreichend. Die Zeit bis zum Start reicht glücklicherweise noch zu einem Schwätzchen mit den sympathischen neuen „Kollegen“ vom marathon4you.de, Andrea und Kay.

Seht es mir nach, Fotos werde ich heute keine machen. Diesen Abschnitt des Rheinsteigs bin ich neben der Erstauflage bereits weitere drei Mal (auch in diesem Jahr, viele Fotos auf marathon4you.de) im Rahmen des jährlich vor Ostern stattfindenden Rheinsteig-Erlebnislaufs gerannt und da heute das Wiederheranführen an für meine Verhältnisse größere Laufumfänge im Vordergrund steht, will ich mich darauf konzentrieren. Keine Ahnung, wer weiß, wie ich heute zurecht komme? Reicht die Kondition (sollte sie eigentlich), hält der Fuß (fraglich, aber sehr zu wünschen)? Fürs Fotografieren habe ich in Kay einen mehr als würdigen Vertreter und auf Andreas Formulierungskünste freue ich mich schon.

Die einzelnen markanten Punkte auf der Strecke werde ich zwar erwähnen, aber nicht umfangreich beschreiben (dies habe ich in mehreren Vorjahresberichten getan). Heute geht es ausschließlich ums Laufen, ums Durchhalten, und dem gilt meine ganze Konzentration.

Punkt 8 Uhr starten 328 spätere Finisher an der Zentrale von T-Mobile im Bonner Stadtteil Ramersdorf. Der Rheinsteig, der am Bonner Ratshaus beginnt, ist an dieser Stelle bereits etwa bei km 5. Die Flotten rennen volles Rohr los, denn sie wissen, was nach der Einsenbahnunterführung und hinter Küdinghoven auf sie wartet: Nämlich zwei Treppenabschnitte, an denen nur die Schnellsten nicht im Stau stehen. Wir sehen das entspannt, müssen nicht Weltmeister werden. Glücklicherweise sind wir vorher auch schrankenfrei über die Straßenbahnschienen gekommen.

Nach den zweiten, recht engen und steilen Treppen – Überholen ist hier unmöglich - erreichen wir mit dem Foveaux-Häuschen einen ersten Aussichtspunkt. Ich stand hier oft genug, daher geht’s sofort weiter leicht abwärts und der Puls kann sich auf gutem Waldweg wieder beruhigen. Bis hierher hält der mal wieder in den bekannten Joey Kelly-40 €-Laufschuh verpackte Fuß tadellos.

Über gut ausgebaute Waldwege geht es relativ flach flott über Oberkassel in Richtung Oberdollendorf, oberhalb dessen Weinberge wir über einen schönen Rundweg einen tollen Blick auf Reben und Dorf werfen können. Schon aber hat uns der Wald wieder verschluckt und eine echte Herausforderung harrt der Bewältigung: Der Petersberg. Ich gehöre nicht zu denen, die es nicht mit ihrer Läuferehre vereinbaren können, bergauf auch mal zu gehen. Ich muß mit meinen Kräften haushalten, marschiere ab der Hälfte des Aufstiegs flott und bin, wenn überhaupt, nur unwesentlich langsamer als die Bergaufjogger, schließlich kenne ich die Strecke. Kurz vor der Kuppe passiere ich das verschließbare Tor zum Hotelgelände.

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Hier oben steht die bereits vierte von 11 Verpflegungsstellen, die in sehr dichter Folge durchschnittlich alle drei km plaziert und mit Wasser, Tee, später Bananen und auch Cola ausreichend bestückt sind. Man weiß, was wir Läufer auf dieser fordernden Strecke benötigen. Noch bergauf habe ich km 10 nach knapp 57 Minuten passiert, das ist, auch wenn noch kein „richtiger“ Berg zu nehmen war, für mich sehr flott. Natürlich zieht mich Josef, keine Frage, ich fühle mich aber gut und halte mit. Hoffentlich geht das nicht ins Auge, ich weiß ja, was noch kommen wird.

Bergab geht es lange, lange wieder holterdiepolter, erneut durch ein Tor, über den Bittweg. Dieser ist das Kernstück des Drachenlaufs im Oktober, dann jedoch in umgekehrter Richtung. Was sagt dessen Veranstalter so mitleidlos über ihn? „Sein Name ist Programm!“ Wie wahr in diesem Fall, bergab ist er jedoch wesentlich entspannter zu nehmen. Obwohl die steilen Passagen insbesondere die Oberschenkelmuskulatur beim Abbremsen schon stark belasten. Das Herz geht mir wie immer beim Überqueren der Mondscheinwiese auf, die beiden unterquerten großen Bäume wirken wie eine natürliche Markise und spenden ein paar hochwillkommene Meter Schatten.

Ein längerer Aufstieg, gefolgt von ein paar Bergabmetern führt uns über die sog. Seufzerbrücke – warum wohl? ;-) – über eine vielbefahrene Straße und sofort dahinter geht es, den Ennert verlassend, tief ins Siebengebirge hinein. Und natürlich wieder hoch. Zur Erinnerung: 1.200 Höhenmeter +/-. Lohrberg. Geisberg. Puh, der Aufstieg wird steiler und immer steiler. Ob die letzten Meter irgend jemand gelaufen ist? Traumhafter Blick an der ehemaligen Schutzhütte, von der nur noch Fundamentreste liegen, auf den Rhein, den Drachenfels und erstmals das Ziel, die Insel Grafenwerth. Aber ich weiß, es ist noch sehr weit. Man sieht’s auch!

Der steile Abstieg in Richtung Milchhäuschen geht wieder voll in die Oberschenkel, ich muß aufpassen, nicht abzurutschen und/oder mich zu überschlagen. Durch das Nachtigallental stoßen wir auf die Drachenfelsbahn, deren Strecke wir an einer Unterquerung passieren und natürlich nicht benutzen. Dumm gelaufen, also geht es parallel der Schienen auf dem ehemaligen Eselsweg zu Fuß bergauf. Vorbei an der DrachenBURG, die auf halber Höhe steht und dank neuer Bahnstation auch für Fußlahme gut zu erreichen ist. Deren Schokoladenseite haben wahrscheinlich die meisten verpaßt, denn sie werden in ihrer Anstrengung nur auf den Weg geschaut und versäumt haben, den Blick nach rechts zu wenden.

Über die Baustelle Drachenfels geht es auf nicht ungefährlichem, schmalem  Pfad sofort steil bergab. Wie immer: Wie gewonnen, so zerronnen. Ich freue mich, überraschend meine bergauf wandernde Kollegin Britta zu treffen, die mir für den Rest des Wegs die Daumen drücken wird. Vorbei am Rhöndorfer Friedhof (Gruß an Konrad Adenauer) und dem Ulanendenkmal sind wir dann mal wieder ganz unten angelangt. Km 20 wird nach exakt 2 Stunden passiert, das ist immer noch sehr flott für mich.

Richtig vermutet! Lange, lange führt uns die Strecke jetzt die Breiberge hinauf zum Löwenburger Hof, einem Ausflugslokal, in dem die Flasche Malzbier stolze 4,50 € kostet. Und dann wird man auch noch gefragt, ob man ein Glas zur Flasche möchte. Servicewüste Deutschland! Diese Episode stammt jedoch vom diesjährigen Erlebnislauf.

RhEx_Ulanendenkmal_250

Bin ich bis jetzt immer schön hinter oder neben Josef hergedackelt, wird das Mithalten für mich zunehmend schwieriger. So zwischen km 23 und 24 wird der Abstand zwischen uns langsam größer, vor allem auch deswegen, weil der Knabe, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, auch bergab mächtig Druck macht. Noch länger will ich die Schritte nicht ziehen, es sind ja noch 10 km zu laufen und flachlegen will ich mich auch nicht. Der demnächst M 60er stellt seine derzeitig bestechende Form eindrucksvoll unter Beweis.

Geht das lange auf breiter, frischer Schotterstraße hinab! Gut, daß am Rand ein schmaler Streifen Waldweg steinlos ist, den nutze nicht nur ich gerne. Im Schmelztal ist km 26 erreicht und ein mitfühlender Streckenposten tröstet uns: „Nur noch ein richtiger Berg ab jetzt!“. Über eine mal wieder von der Polizei vorbildlich gesperrte Straße erreichen wir den Rand eines Regensammelbeckens und nehmen einen tollen Trail, der aber wirklich gut in die Beine geht. Wohin? Natürlich bergauf, und das in Serpentinen.

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Ach ja, der Fotograf bei km 29. Hier geht es nach rechts einen üblen Steilweg hinunter. Mein Fresse, eine echte Herausforderung, glücklicherweise ist der heute mal trocken. Hier kassiere ich auf halbem Wege Josef, der solche Passagen überhaupt nicht mag und erreiche km 30 nach 3:04 Std., immer noch eine kaum zu glaubende Zeit. Irre ich mich da auch nicht? Mein ursprüngliches Ziel, unter 3:45 Std. zu bleiben, ist längst nach unten korrigiert, auch die 3:37 Std. aus 2007 erscheinen selbst bei einem Einbruch noch verbesserbar. Der Fuß hält unverändert, die „Investition“ bei Deichmann hat sich auch gelohnt.

Die letzten knapp 3 km geht es auf Asphalt durch Bad Honnef. Ich bekomme zwar die Füße kaum noch hoch, werde aber nicht überholt, also bleibe ich einigermaßen flott. Das sieht ja fast nach Knacken der 3:30 Std. aus! Die Brücke über die Eisenbahn hatte ich wesentlich dramatischer in Erinnerung, ebenso die auf die Insel, was war daran vor fünf Jahren so schlimm? Ich schaue auf die Uhr und kann es kaum glauben. Da muß der restliche Weg auf der Insel ja noch weit sein. Ist er aber nicht. Schon sehe ich den Zielbogen, drehe noch einmal auf und freue mich wie ein Schneekönig über 3:23:19 Std., die den 84. Platz von 328 und den 9. von 50 in der M 50 bedeuten. Um 14 Minuten verbessert!

Im Ziel scheint die Sonne warm und ich hole erst einmal zwei Becher bleifreies Weizen (nicht aus Erding), weil ich jeden Augenblick mit Josefs Eintreffen rechne, der mich erstaunlicherweise nicht wieder eingeholt hat. Er humpelt dann mit malträtierter Wade ganze sechs Minuten später ein, hat sich aber erfreulicherweise heute, einen Tag später, schon wieder berappelt. Tolle Zielverpflegung mit u.a. leckeren Teilchen und knackigen Äpfeln heben die gute Stimmung bei mir weiter. Und zur Krönung gibt es am Ende als „ortstypisches Geschenk“ noch ein Glas Imkerhonig und ein Marathonbrot. „Vom Bäcker soundso, das gibt es auch beim Siebengebirgsmarathon!“. Isch wissen dat, isch sin von heh!

Der Zeh hat gehalten, obwohl er wieder deutlich geschwollen ist, bereitet aber auch beim Draufdrücken kein Ungemach. Trotzdem bin ich froh, Schuhe und Strümpfe abzulegen und barfuß durchs Gras zu schlendern. Welcher Schluß ist jetzt hinsichtlich einer deutlichen Zeitverbesserung zu ziehen? Zehe brechen, vier Wochen nicht laufen, 40 €-Schuhe nehmen, am Vorabend jede Menge Schwermetall reinziehen und wenig schlafen? Sicher nicht, zumindest, was den Zeh betrifft. Aber mir hat’s scheinbar nicht geschadet.

Der Rheinsteig-Extremlauf ist ein echtes, auch überregionales, Glanzlicht. Die fordernde, sehr schöne Strecke mit unterschiedlichsten Untergründen ist auch als Vorbereitungslauf auf alpine Läufe bestens geeignet und bei idealem Wetter wie heute einfach spitze.

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Schluß

Streckenbeschreibung:
Stark profiliert mit rund 1.200 Höhenmetern +/-, fast ausschließlich auf Wald- und Wirtschaftswegen. Jeder km ist ausgeschildert.

Startgebühr:
23 €, 2 € Nachmeldegebühr.

Zeitnahme:
Manuell.

Auszeichnung:
Präsente für die jeweils ersten drei Frauen und Männer, Brot und Honig für alle, Urkunde aus dem Internet.

Logistik:
Alles inkl. Duschen zentral am Schwimmbad Grafenwerth.

Verpflegung:
Ca. alle 3 km mit Wasser, Tee, Cola und Bananen. Reichhaltige Zielverpflegung.

Zuschauer:
Naturbedingt kaum.

 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017