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42. Rennsteiglauf am 17.05.2014


Klasse Klassiker

Rückblende zum 3. September 2006: Ich starte erstmals in Thüringen und weihe beim Brückenlauf mit vielen anderen gute 30 km lang von und nach Suhl über 10 Talbrücken des Thüringer Waldes die nagelneue A 73 ein. Der Spruch „Achtung – Läufer auf der Autobahn!“ ziert das attraktive grellorange Finishershirt, mit dem man auch heute noch auffällt und prima angeben kann. Während des Laufs komme ich mit einem mitrennenden Reporter vom RBB ins Gespräch, der sogleich seinen Motorradkollegen samt rittlings aufsitzendem Kameramann zu sich beordert und ein Interview für die Abendnachrichten im Fernsehen mit mir dreht. „Ich freue mich heute schon auf meinen Erstauftritt beim Supermarathon des Rennsteiglaufs im kommenden Jahr!“ höre und sehe ich mich noch tönen, begleitet vom Applaus der um uns Laufenden.

Nun, ich hatte das wirklich vor. Und zwar Jahr für Jahr. Gut, einmal war ich, schon angemeldet, mit zermatschter Zehe verletzt (das einzige Mal überhaupt in meinem Läuferleben), aber selbst in den anderen Jahren habe ich es nicht auf die Reihe bekommen. Auch wenn ich mittlerweile mit Hochgenuß beide Untertagemarathons absolviert habe, ist es allerhöchste Zeit, diese gewaltige Lücke in meiner Laufhistorie zu füllen. Von weiteren schönen Marathons und Ultras im Herzen Germaniens ganz zu schweigen. Egal, jetzt habe ich es endlich gepackt und nehme mir mit meiner Elke drei Tage Zeit, die Sache in Ruhe anzugehen. Wir treffen uns mit dem rennsteigerfahrenen Markus, der mich die 72,7 km über +1.470/-969 Höhenmeter begleiten wird, und seiner Familie in Eisenach. Geschlafen wird in der nahe gelegenen Jugendherberge. Das stößt bei meiner Gattin nicht unbedingt auf ungeteilte Begeisterung, aber, Schatz, es kann nicht immer die Schatzalp hoch über Davos sein.
 

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Am späten Freitagmorgen sind wir bereits vor Ort und beginnen direkt mit dem touristischen Teil, der uns auf Schusters Rappen, ohne angesichts der zu erwartenden morgigen Strapazen allzu sehr zu fordern, in die sehenswerten Drachen- und Landgrafenschluchten führt. Wo denn der Einstieg in die Drachenschlucht sei? „Nu, beim Borgblotz am Dümbel!“ Ah ja! Um 14 Uhr übergibt man uns im Herzen der Eisenacher Altstadt als eine der ersten die Startunterlagen, dann geht’s weiter, um endlich einmal die Wartburg aus nächster Nähe zu inspizieren. Dem schließt sich auch unser „kleiner“ Klaus gerne an, den wir  bei der Startnummernausgabe getroffen haben. Es erscheint uns sinnvoll, die Wartburg direkt heute mitzunehmen und uns nicht nach dem Lauf am Sonntag durch große Besucherkonkurrenz quetschen zu müssen.
 

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Ums Essen und Kohlehydratebunkern brauchen wir uns gar keine Gedanken zu machen, denn im Startgeld ist die Teilnahme an der einzigartigen Kloßparty inbegriffen. Ich finde es klasse, wenn das Muskelfutter regionstypisch serviert wird, man denke z.B. andernorts nur an die Kaiserschmarrenparty. Auch Nichtläufer sind für fünf Euronen dabei und Nachschlag gibt es ebenfalls, entsprechend intensiv bemühen wir uns um die Reduzierung der reichlichen Vorräte. Im Zelt rocken lautstark die Schildkröten, weshalb wir uns zwecks Konversation nach außen begeben. Strategisch günstig sitzend gabeln wir auch noch Birgit und Norbert Fender auf (die Euch demnächst von einer ganz besonderen Veranstaltung berichten werden) und die heutige Marathon4you-Familie ist vereint. Schon früh sind wir in der Heia verschwunden, denn der Start erfolgt um sechs Uhr morgens.
 

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Das Aufstehen um 4:00 ist definitiv zu früh für einen Samstagmorgen, aber nichts gegen die Abfahrt um 3:30 Uhr von Schmiedefeld für diejenigen, die dort übernachtet haben, somit geht’s uns noch gut. Frühstück gibt’s lobenswerterweise ab 4:30 Uhr und nach einem ganz langsamen Fußmarsch sind wir gegen 5:45 Uhr am Start. Das Wetter verspricht kühl zu bleiben, aber ebenso trocken und darauf kommt es mir an. Erstmals teste ich Ärmlinge, die ich mir im letzten Jahr beim Davoser Nachtlauf (keine Urkunde, ich fasse es heute noch nicht) verdient habe. Sie bewähren sich, ich trage sie bis ins Ziel.

Nach dem traditionellen Abspielen des Rennsteiglieds mache ich mich mit Markus und Klaus GuthMuths (bei ihm studierte übrigens der berühmte „Turnvater Jahn“ Leibesübungen) auf den Weg. Wirklich guten Mutes, auch wenn für mich die heute zu überwindenden Entfernung sowie Höhenmeter ganz große Nummern darstellen. Aber ich habe andererseits einige ordentliche erfolgreich absolvierte Ultras als Erfahrung auf der Habenseite stehen, nicht zuletzt Röntgenlauf, K 78 und vor allem den Hunderter in Biel, die mich gelehrt haben, daß alles auszuhalten ist, wenn man das Gehirn beim Laufen nicht völlig ausschaltet und sich die Strecke vernünftig einteilt. Obwohl es Leute wie zum Beispiel meinen Freund Thorsten gibt, die hartnäckig behaupten, die 72,7 km des Rennsteiglaufs seien schwieriger zu laufen als die 100 km von Biel. Heute Nachmittag werde ich es aus eigenem Erleben bewerten können.
 

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Vom Marktplatz auf 210 m NN führt uns der Weg zunächst in die Fußgängerzone durch das heute restaurierungsbedingt leider verhüllte Nikolaitor, ein freundliches Schild „Nur noch 72 km bis Schmiedefeld!“ macht wirklich Mut. Nach nur 1,5 km erreichen wir den Stadtrand von Eisenach, ein langer Anstieg von 7,4 km liegt nun vor uns. Auf der ersten Serpentine schieße ich ein schönes Foto der Läuferschar von oben, trete anschließend in ein Loch und lege mich formvollendet auf die Fr… Glück gehabt, alles noch dran und funktionsfähig. Ab jetzt im Wald unterwegs geht es vorbei an der “Moosbacher Linde” (km 3,6 / 351 m NN) und über die Weinstraße” (km 5) zum “Marienblick” (km 6). Waren bisher alle km bis zum fünften ausgeschildert, sehen wir die Wegmarkierungen ab jetzt nur noch alle weiter 5 km. Erst die letzten beiden werden wieder einzeln ausgewiesen. Der zwischenzeitliche Stau macht mir gar nichts, denn ich gehe es ganz ruhig an. Die mit +1.470/-969 Höhenmetern gepaarten 72,7 km (mein bisher drittlängster Lauf) sind elend lang, zudem will ich in zwei Wochen bei meinem nächsten Einsatz an hochinteressanter Stelle einigermaßen vernünftig aussehen, da sollte ich heute nicht auf der allerletzten Rille ankommen.
 

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Gedanklich habe ich mir die heutige Strecke in drei, allerdings sehr unterschiedliche  Abschnitte aufgeteilt. Auf den ersten 25 km bis zum Großen Inselsberg warten die  meisten Anstiege. Insbesondere beabsichtige ich zurückhaltend zu laufen, sonst drohen die restlichen zwei Drittel brutal zu werden. Ganz Gemach, es ist doch auch kein Renn-Steig. Außerdem werden wir hier erstmals durch unsere Fans erwartet, da empfiehlt es sich noch einigermaßen entspannt auszusehen. Das 37 km lange Mittelstück des Kurses verspricht häufiger auch mal flache Abschnitte, bevor wir nach insgesamt 62 Kilometern den Großen Beerberg als höchsten Punkt der Strecke erreichen. Danach warten noch 10 überwiegend abfallende km, durch zwei knackige Steigungen garniert, auf uns. Das erste Mal Getränke gibt’s am “Waldsportplatz” (km 7) und ich glaube erst nicht, meinen Augen trauen zu können: Erster Wasserstand leer, zweiter leer, dritte leer. Aber ich finde dann hinter dem Tee doch noch etwas und muß mich nicht schon jetzt auf Iso oder Cola einlassen. Sogar Obst hätte man jetzt schon bunkern können! Ihr seht bereits schon und werdet es später noch häufiger bemerken: Das Angebot ist Bombe!
 

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Bisher nur auf einem Zubringer unterwegs, erreichen wir den eigentlichen Rennsteig bei km 7,4 in einer Höhe von 434 m NN. Bisher weitestgehend über feste Waldwege unterwegs, komme ich gut voran, die Steigung ist moderat. Was ist das denn? Am Rand steht bereits zum zweiten mal ein Mitläufer in Tarahumara-Sandalen und pult sich zum wiederholten Mal den Dreck zwischen den Zehen heraus. Ist das jetzt wirklich sinnvoll oder soll es cool wirken? Riesige Holzlager am Wegrand erfreuen den begeisterten Holzheizer in mir nur bedingt, denn die Scheite lagern dort erstens noch in Stammform und gehören mir zweitens nicht. Die zuhause gehabt und ich hätte ausgesorgt. Wir kommen bei km 13 / 570 m NN zur Getränkestelle “Ascherbrück”, an der ich auf Tee umsteige. Das Wasser ist mir zu kalt, außerdem mag ich unterwegs keine Kohlensäure. Zwei unentwegte fahnenschwingende HSV-Fans begrüße ich vor dem morgigen entscheidenden Relegationsspiel gegen Greuther Fürth mit einem einfühlsamen „Na, ihr Zweitligisten!“, aber sie lachen nur und wir wissen ja: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ist für die Hanseaten ja gut gegangen.
 

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Auf dem Pummpälzweg, benannt nach einem Kobold aus der Thüringer Sagenwelt, etwa 30 Holzskulpturen schmücken ihn auf jedem seiner km, überwinden wir etliche weitere Höhenmeter. Markus macht mich auf einen Läufer aufmerksam, der ein Shirt mit einem besonderen Aufdruck trägt: „40 x Supermarathon“. Wahnsinn, Klaus Krüger läuft ihn heute seit 1975 tatsächlich zum vierzigsten Mal, einfach unglaublich. Und ein netter Kerl ist er dazu. „Du weißt schon, daß das ein Wettkampf ist!“, meint er augenzwinkernd, als ich ihm ein kurzes Gespräch aufs Ohr drücke. Drei weitere seiner „Kollegen“ werde ich heute noch bemerken und vor die Linse bekommen. Was für eine Gnade, so lange so verletzungsfrei so weit laufen zu können! Georg Hilden spricht mich an, er ist heute mit Peter Wedelgaß unterwegs. Natürlich, letztens waren wir noch gemeinsam beim Rheinsteig-Erlebnislauf unterwegs! Ich schätze diese netten, unverhofften Wiedersehen sehr.

Weiter merklich aufwärts geht es über die Bergwachthütte (km 15) zur ersten Verpflegungsstelle “Glasbachwiese” bei km 18 / 647 m NN). Erfahrene wissen, was jetzt kommt, Neulinge passen auf: Der Schleim. Wem bei dieser nicht ganz passenden Bezeichnung nicht schon schlecht geworden ist, muß ihn ausprobieren. Der flüssige, warme Art Haferbrei in verschiedenen Geschmacksrichtungen (am Brocken erstmals kennengelernt) ist wirklich der Hit, für mich als bekennenden Eintopfjunky, Milchreis- und auch Grießbreiesser gerade in der Version Heidelbeere (mit jeder Menge ganzer Früchte) hervorragend. Unter zwei Bechern verlasse ich keinen Stand mehr. Das übrige Angebot ist umwerfend.
 

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Das Trailerherz in mir jubiliert, als ich endlich einmal den festen Waldweg verlassen und auf einen schönen Wurzelweg wechseln darf. Das ist zwar herausfordernd zu laufen, macht mir aber sehr viel mehr Spaß. Im Anstieg zur “Hirschbalzwiese” (km 20 / 691 m NN) gibt’s bei km 21 auf 740 m NN erneut Flüssiges. Die Verpflegungsdichte ist so hoch, da braucht wirklich niemand etwas mitzuschleppen und sich damit unnötig zu belasten. Es wird immer diesiger, das Kameraobjektiv beschlägt, was ich aber dummerweise erst zuhause bemerke. Beeindruckende Baumformationen erfreuen mein Auge, wer behauptet da, Wald wäre langweilig? Hier steht doch Naturgenuß an, dann sollte man auch die Unterschiede wahrzunehmen versuchen. Ich glaube, heutzutage können die meisten Menschen mehr Automarken aufsagen als unterschiedliche Bäume benennen.
 

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830 Höhenmeter sind kurz unterhalb des Oberen Beerbergs (km 24 / 841 m NN) erreicht. An normalen Tagen hat man von dort bestimmt eine schöne Aussicht, ich schenke mir heute den Abbieger, es hat sich völlig zugezogen. Ein markantes Zwischenziel ist mit dem Inselsberg (km 25,5 / 916 m NN) erreicht. Angeblich soll man hier Türme sehen können, heute aber bestenfalls ganz schemenhaft, jeder Fotografierversuch wäre völlig sinnlos. Genau so kenne ich es vom Brocken. Heftig ist der Abstieg, zunächst über Treppen, dann auf festem Untergrund. Auf nur 1,3 km geht es 160 HM bergab auf 746 m NN zur Verpflegungsstelle “Grenzwiese”. Hier heißt es wieder Suppe, äh Schleim, fassen. Kurz hinter der Verpflegungsstelle steht Markus’ und meine bestellte Jubelabteilung („Ihhh, bist Du feucht!“) und so kommt auch meine heute-nicht-Läuferin zu ihrem ersten Schleimkontakt.

Bergab läßt der Dunst endlich etwas nach, die Sicht wird wieder besser. Glücklicherweise ist und bleibt es auch bis zum Ende trocken, allerdings läßt die Temperatur, insbesondere auf den Höhen, doch zu wünschen übrig. Meine Ärmlinge werde ich erst vor dem Duschen ablegen. Ein weiteres markantes Zwischenziel, die Grenzwiese, rückt näher. Zwischenzeitlich sind die Wanderer auf ihren 35 km von Schnepfenthal bis zum Grenzadler nach Oberhof zeitgleich mit uns unterwegs. Man muß ja nicht alles toll finden, daher hadere (nicht nur) ich mit den nordischen Spaziergängern, die, wenn man nicht aufpasst, zu wahren Spießgesellen werden können. Andererseits beneide ich sie, denn teilweise sind sie parallel zu unserem festen Waldweg auf wunderbaren Trampelpfaden unterwegs. Klar, man meint es gut mit uns und viele Leute teilen sich auf einem breiten Weg besser auf. Aber so viele sind wir im beginnenden hinteren Drittel des Läuferfeldes doch gar nicht, hier hätte ich mich über manchen weiteren weichen km gefreut.
 

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Die übernächste Verpflegungsstation ist die “Ebertswiese” (km 37,5 / 715 m NN), mit der gut die Hälfte der Strecke geschafft ist. Ich schwelge im wiederum reichhaltigen Angebot und bin begeistert über die Wiener Würstchen (warm). Ich lege jegliche Hemmung ab und verdrücke umgehend solch ein Teil mit Toast, Senf und Ketchup. Das ist keine Läufernahrung, sagst Du? Mir doch egal! Zufrieden ziehe ich nach diesem Gaumensex gut genährt weiter. Mittlerweile lugt ab und an die Sonne hinter Wolkenlücken hervor und wärmt Körper und Seele. Jetzt ist es schade, im Wald zu laufen, der nur gelegentlich sein grünes Dach öffnet. Km 40 auf rund 760 m NN naht und damit eine für einen Marathon höchst wünschenswerte Zahl, heute jedoch liegt an dieser Stelle noch ein veritabler „Langer“ zwischen hier und dem Ziel. Die Spuren von Kyrill beginnen langsam zu verschwinden, die Schneisen, die der Orkan 2007 geschlagen hat, beginnen wieder zuzuwachsen.
 

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Fünf Stunden und elf Minuten bin ich jetzt unterwegs und mache gerade den Marathon voll, damit wäre zumindest ein Notziel erreicht, falls es ganz eng würde. Das aber wird es nicht, ich beginne zwar müde zu werden, bin aber voller Zuversicht, es zu schaffen. Na ja, dann könnte der Sieger schon im Ziel sein, denke ich mir und bin völlig geplättet kurz darauf zu hören, daß der schon seit gut zwanzig Minuten fertig ist und mit 4:50 Std. einen Fabel-Streckenrekord aufgestellt hat. Christian Seiler ist dabei kein Profi, sondern lupenreiner Amateur. Und trotzdem der Rekordsieger in der über vier Jahrzehnte langen Tradition des Guts-Muths-Rennsteiglaufes. Der 30-Jährige Ingenieur für Kunststofftechnik kommt pro Jahr auf rund 6.000 Kilometer, gerne auf seiner Hausrunde von 20 Kilometern mit 500 Höhenmetern. Dreimal hat er jeweils den Halbmarathon und den Marathon gewonnen und in den beiden vergangenen Jahren dann den Supermarathon. Auf dem »langen Kanten« über 72,7 km hielt er den Rekord von 5:10:20 Std., bevor er heute diese sagenhafte neue Bestmarke aufstellte. Mit 50 (fünfzig) Minuten Vorsprung vor dem Zweiten!
 

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Bald danach ist an der “Ausspanne Neuhöfer Wiese” (km 45,5 / 850 m NN) die nächste Verpflegungsstation erreicht. Im munteren Auf und Ab spule ich weiter km ab, hübsch garniert mit weiteren kulinarischen Schwerpunkten, wie der an der Neuhöfer Wiese. Etliche Kollegen sitzen auf den bereitgestellten Bänken und verschnaufen. Ich verkneife mir das tunlichst und will nicht aus dem Rhythmus kommen, den ich doch einigermaßen gefunden habe. Ein weiterer 40 x Supermarathon-Held, Wolfgang Nadler, fragt mich nach Magnesium. Wer diesen Vornamen trägt, kann kein schlechter Mensch sein und hätte das Gewünschte auch sofort erhalten, nur habe ich zu meinem Bedauern keines dabei und kann ihm nur ein Gel anbieten. Mit km 50 ist eine weitere markante Wegstrecke absolviert, beim Albmarathon hätte ich es jetzt geschafft. Kurz darauf kann am “Gustav-Freytag-Stein” wieder nachgetankt werden.

Bei km 54,2 ist der “Grenzadler” (837 m NN) bei Oberhof und damit die nächste Verpflegungsstation erreicht. Leider habe ich nur Augen für das wiederum reichhaltige Angebot und das Biathlonstadion, zudem stoße ich auf Klaus und seine Freunde, die hier auf ihn warten. Somit verpasse ich zu meinem späteren Bedauern den Grenzstein, den die Preußen seligen Angedenkens zur Markierung ihres Herrschaftsanspruchs nicht nur hier aufzustellen pflegten. Wer nicht mehr weiter kann, hat hier (die einzige) offizielle Ausstiegsmöglichkeit mit Wertung. Wenig später gibt es erneut etwas Attraktives aufs Auge, nämlich das sog. Rondell. Hier hat man es ausnahmsweise mal geschafft, mit einer Straßenbrücke Funktion und Kunst optimal miteinander zu verbinden. In einer sanften Linkskurve schmiegt sich das Bauwerk um einen alten Obelisken herum.
 

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Ab dem km 55-Schild geht es parallel wieder mit der „1“ los, die gilt für die Läufer des Halbmarathons, die hier schon heute Morgen durchgezogen sind, aber bis Schmiedefeld noch eine kleine Zusatzrunde absolvieren müssen. Gott sei Dank sind wir wenigstens diese Nahrungskonkurrenten schon mal los. Jetzt steht uns mit dem Anstieg zum Großen Beerberg, mit seinen 982 m der höchste Punkt des Thüringer Waldes, der Gipfelsturm bevor. Nach der Getränkestelle “Sommerswiese” (855 m NN) überqueren wir die Straße und ich komme ins Schleudern. Hatte die Entfernungsangabe meiner Suunto mit der an der Getränkstelle vermerkten km-Angabe (52,25) noch exakt übereingestimmt, kommt km 60 kurz vor der “Suhler Ausspanne” (922 m HH) exakt einen km zu früh. Nanu? Hier werden wir gegenüber dem üblichen Kurs anders geleitet, möglicherweise ist die Abweichung dadurch zu erklären. Dann ist plötzlich jede Menge Wasser auf dem Weg, das uns entgegenfließt. Wo kommt das denn bei blauem Himmel her? Und was ist das Weiße am höchsten Punkt der Strecke, “Plänckners Aussicht” (km 62 / 973 m NN), unterhalb des Gipfels des Großen Beerberges? Da hat man hier doch tatsächlich jede Menge Schnee aus der Eishalle abgekippt, um diesen markanten Punkt stilecht zu garnieren. Tolle Idee, die selbst für das hintere Feld noch einigermaßen Bestand hat!

Glücklicherweise beginnt die zuletzt genommene Cola zu wirken und ich bekomme die zweite Luft, nachdem es die letzten km doch arg zäh geworden ist. Im Gegensatz zu allen mich umgebenden Mitstreitern bewege ich mich in einer Art und Weise, die man großzügig noch mit Laufen umschreiben kann, sogar leicht bergauf. Na also, geht doch! Eine längere Bergabpassage auf einem schmalen, weichen Weg parallel zur Straße tut den Füßen gut und läßt sich wunderbar belaufen. An der letzten Verpflegungsstelle “Schmücke” (km 64 / 916 m) nehme ich nochmals das volle Programm auf und die abschließenden acht km unter die Füße. Dachte ich. Immer weiter abwärts winkt, hundert Meter tiefer, an km 68 die  letzte Getränkestelle “Kreuzwege” auch “Bierfleck” genannt. Dank Markus bin ich vorbereitet, denn hier erhält man, dem Namen entsprechend, einen (nicht zu üppig) gefüllten Becher Köstritzer Schwarzbier. OK, das mit dem Bier unterwegs ist nicht unbedingt mein Ding, aber die Veranstalter wappnen sich ja heutzutage mit größeren Biervorräten, wenn es heißt, Marathon4you naht. Und da unser Protagonist nicht vor Ort ist und auch der Anton nicht immer überall sein kann, bin ich tapfer und trete in große Fußstapfen. Man gönnt sich ja sonst nichts!
 

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Dermaßen für das letzte Stück noch einmal mit Energie versehen, ist das Ziel nicht mehr weit. Wohl aber das km 70-Schild. Wo ist dieses Sch…öne Teil? Links unter mir breitet sich schon Schmiedefeld aus, so weit kann das doch nicht mehr sein? Na gut, dann hängt halt keines oder ich habe es übersehen, immerhin habe ich ja seit dem 60er-Schild einen km weniger auf dem Tacho. Dann, als ich schon auf den Sportplatz spekuliere, kommt es endlich. Die sehr zuverlässige Suunto zeigt 70,9 und springt sofort auf 71. Erst einen km zu wenig, zehn km später einer zu viel? Aber egal, das ist mir doch so was von Conchita! „Noch 1.086 m bis zum schönsten Zeil der Welt“, heißt es jetzt. Ich sage Euch ehrlich – das bleibt aber unter uns – mir ist nach einem langen Lauf JEDES Ziel das schönste der Welt. Aber dieses ist hier und heute einzigartig und deshalb freue ich mich ganz besonders darauf.

Schmucke Häuser stehen hier in diesem Örtchen, in dem einmal im Jahr der Bär steppt. Ah, dann erscheint ein Hinweis, auf welcher Spur wer einzulaufen hat, die zweite von links ist meine. Shirt nochmal geradegezogen, Rücken durchgedrückt, Startnummer paratgezogen und der Showteil kann beginnen. Viele Fans stehen noch an der Strecke, und so gibt es auch für mich noch einen würdigen Zieleinlauf. Ein paar rustikale Cheerleader puscheln wie wild in grün, dann nehme ich die leicht abfallenden letzten hundert Meter in leicht federndem Schritt und entspanntestem Lächeln in Angriff. Zu meiner Linken huldigt ergriffen der eigene Fanblock, Klaus knipst meinen Einlauf, dann ist es geschafft und ich kann nach GPS- bzw. barometrisch gemessenen 73,67 km und 1.824 Höhenmetern die Maske fallenlassen. Mann, bin ich platt! Allerdings war ich in Biel noch deutlich platter.
 

Zieleinlauf

Markus und Klaus sind wenige Minuten zuvor eingetroffen, so nehmen wir die finalen Schritte zusammen in Angriff: Medaillenempfang, Gemeinsames Heldenfoto, Bier trinken (Gutschein), Stützstrümpfe ausziehen (Krampf, Kacke), Duschen (warm, perfekt!), Suppe essen (Gutschein), die Frauen vereinnahmen und viel Läuferlatein erzählen. Dann tun wir etwas, für das uns manche steinigen würden: Wir schwänzen die Abschlußparty, fahren nach Eisenach zurück, gehen lecker essen und schauen uns gemütlich mit hochgelegten Füßen das DFB-Pokalendspiel an. Die Bayern gewinnen 2:0. Der einzige gravierende Makel eines perfekten Tages.
 

Streckenbeschreibung:
Streckenverlauf weitestgehend im Wald über verschiedenste Untergründe, beim SM über offizielle 72,7 km 1.470 Höhenmeter.

Startgebühr:
Für den Supermarathon je nach Anmeldezeitpunkt 50 bis 60 €.

Rahmenprogramm:
Im Startgeld enthaltene Kloßparty (!) am Vortag mit attraktivem Rahmenprogramm für Teilnehmer und Zuschauer (gegen Bezahlung). Startnummernausgabe in Eisenach. Abschlußparty in Schmiedefeld ab 19 Uhr.

Weitere Veranstaltungen:
Marathon (43,5 km), Halbmarathon, Junior- und Special-Cross sowie Wander- und Walkingstrecken

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde (sofort und online), Finishershirt

Logistik:
Gepäcktransport zum Ziel.

Verpflegung:
Ca. alle 5 km Getränke und alle 10 km reichhaltig zu essen.

Zuschauer:
Nur an den gut anfahrbaren Punkten.
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017