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19. Prag-Marathon am 12.05.2013


Mit der tschechischen Lokomotive durch die Vergangenheit

Es ist der 8. Mai 1945. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht endet das sog. Dritte Reich, das nach Maßgabe des „Größten Führers aller Zeiten“ tausend Jahre hätte überdauern sollen. Der von uns ausgelöste 2. Weltkrieg hatte in knapp sechs Jahren weite Teile Europas und der Welt verwüstet und Abermillionen Menschenleben gefordert. Das Morden hat ein Ende, so hoffen die Überlebenden und beginnen vorsichtig aufzuatmen. Auch die drei Millionen Sudetendeutschen, die vor der Einverleibung erst des Sudetenlands 1938 und anschließend der „Resttschechei“ ins Deutsche Reich über Jahrhunderte überwiegend friedlich mit ihren böhmischen und mährischen Nachbarn zusammengelebt hatten. Darunter meine Großeltern, der Opa aus Franzensbad stammend, mit meinem dreizehnjährigen Papa und seinen drei Schwestern als Teil der multikulturellen Prager Bevölkerung, die weit über 40.000 Volksdeutsche zählte.

Sie sollten allerdings vergebens auf ein für sie friedliches Kriegsende gehofft haben und die volle Wucht der Rache der tschechischen Bevölkerung zu spüren bekommen. Denn bereits drei Tage vor dem formellen Kriegsende begann der Prager Aufstand, infolge dessen alle Deutschen unter barbarischen Umständen, von den russischen Besatzungstruppen unterstützt, ihres Eigentums beraubt, mißhandelt, viele Mädchen und Frauen teils über Wochen vergewaltigt und zahlreiche wehrlose Menschen auf verschiedenste Art abgeschlachtet wurden. Ausnahmslos vertrieb man die Deutschen, die über Jahrhunderte einen geachteten Teil der Bevölkerung dargestellt hatten, der Heimat, und sie verloren damit buchstäblich alles, was sie besaßen.

Gott sei Dank hat meine Familie das Ganze zumindest körperlich weitestgehend unbeschadet überstanden und auch mein unpolitischer, ziviler Opa konnte nach Jahren der Zwangsarbeit in einem tschechischen Stahlwerk zu seinen Lieben zurückkehren. Mein Papa hat fünfzig Jahre gebraucht, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Ihr versteht das bitte richtig: Ich will nicht Unrecht mit Unrecht aufrechnen, aber das darf, auch wenn es politisch höchst unkorrekt ist, genannt werden. Denn es erklärt, weshalb ich mir geschworen hatte, mit „denen“ nie etwas zu tun haben zu wollen.

Dann kam im Februar der Marathon in Bad Füssing, wo ich im Hotel eine sympathische Familie kennenlernte. Perfekt deutsch sprechend, entpuppte sich der Vater als im ostböhmischen Skutsch geborener Prager, der ein bewegendes Schicksal gemeistert hatte. Bei einem unverschuldeten Autounfall schwerstverletzt, entkam er nur um Haaresbreite einem querschnittsgelähmten Leben im Rollstuhl. Aus Dankbarkeit für seine Genesung umrundete er als Benefizlauf Island in dreißig täglichen Marathonläufen, nur durch seine Frau im Wohnmobil unterstützt. Mit dem erlaufenen Geld konnte ein Rollstuhl für einen Prager Rollstuhl-Sportverein beschafft werden, das Februarheft der Runner’s World widmete ihm einen Artikel. Auf der Strecke um Bad Füssing hatten wir viel Spaß zusammen und halten seitdem Mailkontakt. Als sich dann die Gelegenheit ergab, beim Prager Marathon zu starten und René Kujan mir zudem mitteilte, daß er den 4-Stunden-Zugläufer geben würde, war es vorbei mit meinem Vorsatz. Glücklicherweise. Ich bin Dir sehr dankbar, René, daß Du mir, ohne es wissen zu können, einen Zugang zu Euch verschafft hast.

Vor der Anreise liegt zunächst die Herausforderung der Anmeldung. Auf der anfangs leider unübersichtlichen und lückenhaften Internetseite finde ich zunächst auf den ersten Blick zwar jede Menge Werbung für weitere Laufveranstaltungen in Budweis, Olmütz, Aussig und Karlsbad, aber nur sehr unzureichende Informationen über den Lauf selber. Insbesondere fehlt mir zum Zeitpunkt meiner Planungen eine Streckenübersicht, anhand derer ich üblicherweise meine Unterkunft plane und mich auf den Lauf selber vorbereite. Na ja, ob das aber für letzteres wirklich lebensnotwendig ist? Die wahrscheinlich passende Antwort hat die erste der heute zu nennenden tschechischen Lokomotiven, der legendäre Emil Zatopek, parat: „Hier ist der Start, dort ist das Ziel. Dazwischen mußt Du laufen.“ Trotzdem stelle ich mich gerne auf die zu bewältigende Herausforderung ein. Zwei Wochen vor dem Marathon ist der Plan dann endlich verfügbar und auch die Website verbessert sich inhaltlich und strukturell deutlich.
 

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Gerüchteweise soll es im Rahmen der Veranstaltung auch Läufe unterhalb des Marathons geben, diesbezüglich finde ich aber zunächst gar nichts. Lediglich in den Regularien, die die Zielzeiten nennen, sind noch ein Zehner und ein Fünfer aufgeführt. Später finde ich in der Anmeldemaske div. Staffeln und einen Minimarathon über 4,2 km. Nähere Informationen Fehlanzeige, der 10er und der 5er sind dort gar nicht aufgeführt. Schade, so kann ich den schweißtreibenden Einsatz meines Weibes nicht im Vorhinein planen und muß schauen, welche Möglichkeiten sich vor Ort bieten. Erfreulicherweise versorgt uns der Veranstalter später aber dann doch noch mit Informationen per Newsletter, dem ich u.a. entnehmen kann, daß jeder Marathonteilnehmer ein Familienmitglied kostenlos für den Minimarathon über 4,2 km anmelden kann. Ein feiner Zug, der auch funktioniert, und schon ist das Problem gelöst.

Am Freitagabend fliegen wir für drei Tage in die „Goldene Stadt“ an der Moldau, Rückkehr am Montagabend. So haben wir vor und nach den Läufen jeweils einen ganzen Tag zur Stadterkundung, überwiegend per Pedes, am Ende werden wir nur noch rudimentäre Rückmeldungen unseres Geläufs bekommen. Gewußt hatten wir es ja schon vorher: die Stadt ist trotz vierzig Jahre Sozialismus ein Traum und vom Krieg weitestgehend verschont geblieben. Eine dreistündige Stadtführung, die uns (aus Zeitgründen) nur die absoluten Glanzlichter zeigen kann, macht Appetit auf mehr. Schon jetzt ist klar, daß dies nicht unser letzter Besuch hier bleiben kann. Andrea hat es im vergangenen Jahr umfangreich und höchst sachkundig beschrieben, daher will ich mich beim Kulturellen auf das Wesentliche im Rahmen des Laufs beschränken, aber auch das wird ausführlich genug werden.

Die Marathonmesse bedarf besonderer Erwähnung, denn sie findet in geradezu historischem Ambiente auf dem traditionellen Messegelände statt. Auch wenn es leicht verregnet ist, beeindrucken die Jugendstilhallen durch ihren guten Erhaltungsstand und versprühen den Charme der vergangenen habsburgischen Geschichte. Hervorragend ist das Leitsystem auf dem Boden, Verlaufen unmöglich, Fragen unnötig. Das Angebot ist groß, die Bude voll, aber man kann sich ja nicht alle paar Wochen neu einkleiden. Am Ende erleben wir noch den Start des „Walk with dog“ mit. Wirklich, die Tölen tragen Startnummern und gehen mit Frauchen und Herrchen eine Strecke ab. Dinge gibt’s…

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Am Laufmorgen gibt es vom Veranstaltungshotel aus sogar einen Shuttleservice, der die Masse der hier untergebrachten Teilnehmer (darunter sämtliche Stars) um 7.15 Uhr in den Startbereich bringt. Wir nutzen den „Lumpensammler“ um 8 Uhr und kommen so zwar auf den vorletzten Drücker an, dafür geht es um 9 Uhr aber auch gleich los. Rund 9.500 Läufer aus 78 Nationen, die Hälfte davon Einheimische und jeder Vierte insgesamt ein Marathonnovize, werden heute in Prag unterwegs sein, obwohl die Konkurrenz wirklich groß ist. Alleine zehn reine Marathonveranstaltungen bietet der m4y-Laufkalender an diesem Wochenende an, acht davon am heutigen Sonntag. Wie meistens bei großen Stadtläufen sind die Kenianer und Äthiopier beiderlei Geschlechts die Favoriten. Bei den Männern erhofft man sich bei gutem Verlauf eine 2:05, bei den Frauen eine Zeit von wenig über 2:20. Das werden sie am heutigen Tage deutlich verfehlen. Mit von der Partie sind unter anderem mit István Kovács (3:54) und Dariusz Michalczewski (scheint ausgestiegen zu sein) auch zwei Boxweltmeister und nur eine nachdrückliche Empfehlung des Trainers wegen eines anstehenden Kampfes stoppte den dritten, Lukáš Konečný, in ihrer Begleitung zu starten!

René steht mit seiner Teufelskappe bereits im Startblock parat, umringt von jeder Menge Gefolge (wie unangenehm, fast alles Frauen!), das in seinem Windschatten die 4:15 schaffen will, für diese Zeit ist er verantwortlich. Mit Friedrich Smetanas „Moldau“, dem berühmtesten Stück des nicht weniger berühmten böhmischen Komponisten, werden wir auf die Strecke geschickt. Glücklicherweise nicht mit den ersten Takten, die hätte nämlich niemand gehört, weil der Flußverlauf von der Quelle bis zur Mündung mit stetig steigender Instrumentenzahl und Lautstärke dargestellt wird. Renés ehemalige Kommilitonin, Katerina Jacques, spricht erfreulicherweise ebenfalls perfekt Deutsch  und meint, ich müsse jetzt vor Rührung weinen, bei ihr sei das an dieser Stelle immer so. Ich lache und gebe mich fröhlich/entspannt. Mädchen, wenn Du wüßtest, wie es in mir aussieht, und wie groß der Kloß in meinem Hals ist!

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Die Wahl des Musikstücks ist im doppelten Sinn passend: Wir starten nämlich in unmittelbarer Nähe dieses Flusses, zudem jährt sich Smetanas Todestag exakt heute zum 129. Mal. Ich höre manche schon klagen: Der heißt doch nicht Friedrich mit Vornamen, sondern Bedřich! Beide haben wir recht, denn Smetana verkörpert in geradezu idealtypischer Weise die multikulturelle, insbesondere deutsch(sprachig)-böhmische Vergangenheit seines Heimatlandes. Auf den Vornamen Friedrich getauft, sprach er zuhause und während seiner Schulzeit stets Deutsch. Erst als Erwachsener entwickelte er ein tschechisches Nationalgefühl, erlernte die tschechische Sprache und änderte seinen Vornamen bewußt zur tschechischen Namensform Bedřich. Sein erster tschechischer Brief stammt aus dem Jahre 1856 (da war er 34 Jahre alt), in seinen Tagebüchern verwendete er jedoch bis 1861 die deutsche Sprache.

Schon am Start auf dem berühmten Altstädter Ring, dem ältesten Prager Platz aus dem 12. Jahrhundert, begeistert mich die Vielzahl toller Häuser im Rokoko-, Renaissance- und Gotikstil. Ein besonderes Juwel unter vielen ist die astronomische Uhr, die wir gestern ausführlich betrachtet haben, am historischen Rathaus. Viele Berühmtheiten, darunter Smetana, Albert Einstein oder Franz Kafka (der mit der psychosozialen Komponente im Spätwerk, regelmäßige SWR 3-Hörer wissen bescheid!) hatten in Prag einst ihr Zuhause. Nach wenigen hundert Metern überqueren wir von der Altstadt zur sog. Kleinseite auf der Moldaubrücke im Jugendstil (Čechův most) das erste von insgesamt acht Mal diesen Fluß, den wir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf etwa acht Kilometern beidseitig, teilweise als Begegnungsstrecken, ablaufen werden. Es erwartet uns also ein Bild, wie ich es z. B. vom Oberelbe-Marathon oder vom Rhein her kenne und liebe. Wasser übt doch auf die meisten von uns eine immense Anziehungskraft aus. „Brücke“ heißt hier übrigens Most, darunter hatte ich bisher immer etwas anderes verstanden.

Vom gegenüberliegenden Berg grüßt ein riesiges Metronom, das 1962 das Stalin-Denkmal nach nur acht Jahren des Bestehens ersetzte. Der zum Bau des gesprengten Denkmals zwangsverpflichtete Künstler hat sich nach der Fertigstellung aus Scham das Leben genommen, so unsere Fremdenführerin. Unterhalb der phantastischen und daher völlig überlaufenen Prager Burg verläuft der zweite km. Sie bildet auf dem Berg Hradschin das größte geschlossene Burgareal der Welt. Im 9. Jahrhundert gegründet, ist sie seither Sitz des Staatsoberhauptes und auch heute offizielle Residenz des Präsidenten der Tschechischen Republik. Inmitten der Burganlage befindet sich der berühmte Veitsdom und viele weitere tolle, meistens Regierungsgebäude, in einem davon werden die Kronjuwelen aufbewahrt. Ich muß mich wirklich davon ablenken, mir meinen Vater hier als Jungen herumlaufend vorzustellen, mit seinen Freunden wechselweise auf Deutsch und Tschechisch spielend und lachend, bevor sein Leben eine so abrupte Änderung erfuhr. Was für einen Wahnsinn hat der österreichische Gefreite mit seiner zahlreichen Gefolgschaft da vor achtzig Jahren beginnend angerichtet! Wo wäre ich heute, wenn das nicht geschehen wäre? Und wer wäre ich und was? Schnell weiter, bevor ich ganz sentimental werde.

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Noch auf dem zweiten km gelingt mir ein Foto der führenden Männer, die uns, selbst schon am Ende des fünften km, auf der unterhalb verlaufenden Straße entgegenkommen. Klar, alles Schwatte, wie immer. Aber ein wahnsinniger Weißer läuft sich voraus die Lunge aus dem Leib. Ob der schlicht einen Scherz oder ernst machen wollte, wird sein Geheimnis bleiben. Auf jeden Fall werden es für ihn bleibende Momente gewesen sein.

Einen ganz besonderen Moment stellt für mich nach drei km die folgende Überquerung der Karlsbrücke (Karlův most) aus dem 14. Jahrhundert, die wir durch den Kleinseiter Brückenbogen betreten, dar. Wie oft hat mir mein Vater von ihr, dem Brückenheiligen Nepomuk und seiner Zunge erzählt, dessen Statue den Brückenrand in der Mitte ziert. Seinerzeit war Wenzel IV., Sohn des Kaisers Karl IV. (des Gründers der ältesten Universität im damaligen deutschen Sprachraum) König von Böhmen, Johannes Nepomuk als Generalvikar Stellvertreter des Bischofs der Erzdiözese Prag. Aus politischen Gründen fiel der einflußreiche Nepomuk in Ungnade, wurde grausam gefoltert, nachts gefesselt in die Moldau gestürzt und ertränkt. In vier Tagen wird sich dieser Mord zum 620. Mal jähren. Als man 1719 sein Grab öffnete, soll seine Zunge unverwest vorgefunden worden sein. Nach seinem Tod hatte in Prag und weit darüber hinaus eine starke Verehrung des Märtyrers eingesetzt, um dessen Tod sich rasch Legenden bildeten. Die populärste (aber nicht wahrscheinliche) davon ist, daß er als Beichtvater Johannas, Wenzels Ehefrau, das Beichtgeheimnis gegenüber dem König nicht brechen wollte. 1729 wurde er heiliggesprochen. Auf der Karlsbrücke steht er nun, in Stein gemeißelt, als Schutzpatron der Beichtväter und Priester, der Flößer, Schiffer und Brücken, als Priester mit Chorrock, Stola und Birett (Kopfbedeckung). In den Händen hält er ein Kreuz und die Märtyrerpalme.

Auf der Altstädter Seite sind nach Überquerung der Karlsbrücke gerade mal 200 m zurückzulegen, bevor auf der schon dritten von heutigen sechs Brücken („Manes-Brücke“, Mánesův most) erneut die Seite gewechselt wird. Um die 180 Brücken weist das komplette Stadtgebiet auf, davon 15 große über die Moldau. Erst vier km haben wir hinter uns, aber was schon alles gesehen, es ist schlicht überwältigend. Wer im Folgenden nicht ganz genau aufpaßt, kann versäumte Eindrücke später nachholen, denn km 4 ist identisch mit km 33, heißt: die nächsten neun km sind zweimal, und das in der gleichen Richtung, zu durchmessen.

Die erste Verpflegung wird uns nach den üblichen fünf km gereicht. Es gibt Wasser, Iso, Bananen, Orangen und Zucker. Ich spiele meine ganze Erfahrung aus und steuere nicht den ersten Tisch an, auch nicht den zweiten. Das können die Anfänger machen und sich um die Becher balgen. Ganz überlegen und ruhig warte ich so lange, bis ich am letzten Tisch vor der Wasserwanne für die Schwämme stehe. Ich Depp. Panik kommt auf, was soll ich machen bei der zu erwartenden ordentlichen Wärme? Ich kneife die Pobacken zusammen und laufe weiter in der Hoffnung, das Versäumte später nachholen zu können. Der Fauxpas hat glücklicherweise keine negativen Auswirkungen.

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Gott sei Dank wird auch nichts anderes angeboten, denn im Herbst 2012 kannten die Zeitungen nur ein Thema: 26 Menschen starben, weil sie Fusel getrunken hatten, der von kriminellen Hobby-Chemikern zusammengepanscht worden war. Aber es gibt hier beileibe nicht nur Fusel zu trinken, ganz im Gegenteil. Die Biere sind ein Gedicht, einer der größten Schlager ist das ursprünglich aus Pilsen im Sudetenland stammende „Pilsner Urquell“, das seit 1842 einer eigenen Biersorte den Namen verleiht, 70% der deutschen Biere sind auf diese Art gebraut. Weshalb unser degradierter Gefreite (nicht der Adolf!) hier noch nicht gelaufen ist, bleibt daher ein Rätsel. Am Preis kann’s nicht liegen, denn ein frisch gezapftes Helles oder Dunkles kostet in einem guten Restaurant in Hotelnähe umgerechnet 2,60 Euronen. Pro Liter, wohlgemerkt! Anton, hier ist auch der preisbewußte Neuburger gut aufgehoben. A Hoibe gibt’s zur Not a.

Gegenüber unserem Hotel lichte ich die zweihundert Meter Luftlinie entfernt liegende doppeltürmige St. Antonius-Kirche am Strossmayerplatz ab, in der mein Papa Meßdiener war und nur einen Steinwurf entfernt wohnte. Glücklicherweise war ich bereits gestern als allererstes hier und habe meinen ersten „Moralischen“ schon überwunden. Die leckeren Cheerleader, zwischen denen René natürlich hindurchtoben muß, bringen mich wieder auf andere Gedanken. Nach siebeneinhalb km haben wir das nördliche Ende des Kurses erreicht, überqueren auf der vierten Brücke (Liebenbrücke, Libeňský most) erneut die Moldau und nähern uns ganz langsam wieder dem Start- und Zielbereich.
 

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Manch nettes Gespräch und manche mindestens ebenso nette Rückenansicht versüßen die folgenden ansonsten optisch eher unaufregenden km, bevor wir kurz hinter unserem Hotel bei km 11 vom Tesnovsky-Tunnel für die nächsten knapp vierhundert Meter verschluckt werden, nicht ohne daß uns an dessen Eingang schon wieder eine Band eingeheizt hätte. Fast wähne ich mich erneut in Freiburg zu sein, so viele Musikgruppen – etwa 20 - sorgen für die nötige Unterstützung vom Straßenrand. Warum das so ist, ist völlig logisch. Für die Klärung sorgt nämlich der unvergessene Peter Alexander, ein österreichischer Showmaster der ganz alten Schule. Als Kind war die „Peter Alexander Show“, gemeinsam mit den Eltern gesehen, ein „Muß“ für mich, genau so wie Daktari, die Hitparade, Bonanza oder Spiel ohne Grenzen, ein Versäumen unmöglich. Er bringt es auf den Punkt, auch wenn er sicherlich keine knackigen Rockrhythmen wie gerade hier im Hinterkopf gehabt haben wird:

„Aus Böhmen kommt die Musik
Sie ist der Schlüssel zum Glück
Und alle Türen sperrt sie auf
Bis in den Himmel hinauf
Glaub' mir aus Böhmen kommt die Musik
Zu Herzen geht jedes Stück
In diesem wunderschönen Land
Ist jeder ein Musikant.“
 

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Nach einem weiteren Kopfsteinpflaster-km (viele davon werden wir genießen dürfen) gibt’s auf dem zwölften ein Déjà-vu, denn auf der Prachtstraße Parizska (der teuersten Prager Einkaufsstraße) sind wir losgelaufen, allerdings in umgekehrter Richtung. Traumhafte Fassaden säumen unseren Weg, ich schwelge in optischen Eindrücken. Auf dem Altstädter Ring laufen wir unmittelbar am Startbogen vorbei. Es steppt der Bär, viele Zuschauer sorgen für den immer wieder gerne erlebten Schub von außen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß ich den/die eine(n) oder andere(n) kennen könnte oder vielleicht sogar sollte, weil er/sie mit mir verwandt ist. Denn die beiden Schwestern meiner Oma sind, eine mit einem Tschechen, die andere mit einem Österreicher verheiratet, geblieben und haben für weitere Nachkommen gesorgt, die ich nicht kenne. Es ist schon verrückt, wenn man darüber mal in Ruhe nachdenkt.

Den Torbogen des wundervollen Pulverturms passierend sind wir nach gut vierzehn km an der Nationalbibliothek und begleiten die Moldau wieder, jetzt in Richtung Süden. Beeindruckend ist auch der extreme Kontrapunkt, den das hochmoderne und wirklich architektonisch einfallsreiche sog. Tanzhaus setzt, dessen beiden Gebäudeteile Fred Astaire und Ginger Rogers darstellen sollen. Die kennst Du nicht? Google mal. Nach km 16 verlassen wir den Fluß für einen zwei km langen Abstecher landeinwärts, bevor es am Wasser weiter in Richtung Süden geht. Wir unterqueren noch eine untertunnelte Felsnase, haben Halbzeit fast exakt am südlichsten Punkt des Kurses und wechseln zur anderen Straßenseite, um auf der Begegnungsstrecke ab jetzt die hinter uns Laufenden zu beobachten, während wir vorher die Schnellen sehen konnten.
 

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Drei km schwelge ich in der Beobachtung der verschiedenen Läufer (zugegeben, auch Läuferinnen) in ihren höchst unterschiedlichen Zuständen von locker entspannt bis Teilnehmer am Zug der lebenden Leichen. Die Palackého most ist die fünfte der von uns zu überquerenden Brücken, die uns an das gegenüberliegende Ufer führt, an dem wir wieder nach Süden einschwenken. Ja, viele km legen wir heute auf Pendelstrecken am Wasser zurück, aber mir gefällt das. Demnächst werde ich wieder einsam durch die Natur rennen, Abwechslung ist Trumpf, auch diese Verschiedenartigkeit macht doch den Reiz unseres Sports aus. Immer nur Gebolze auf der 400 m-Bahn mit der Stopuhr in der Hand?

Auf den langen Geraden habe ich Zeit, Zeit zum Nachdenken über das deutsch-tschechische Verhältnis. Natürlich läßt sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, Geschehenes nicht ungeschehen machen, durch Enteignung und Vertreibung sind irreversible Fakten geschaffen worden. Dessen ungeachtet bleiben aber verwundete Seelen zurück, die nach Jahrzehnten zwar verkrustet sind, aber ganz leicht wieder aufbrechen, wie ich an meinem Vater unschwer feststellen konnte, als wir uns im Vorfeld unterhielten. Was kann man tun, um für Entspannung bei den unmittelbar und auch mittelbar Betroffenen wie mir zu sorgen? Ich meine, schon eine in meinen Augen kleine Geste würde helfen: Warum nicht auf den Ortsschildern unter den heutigen die früheren deutschen Namen aufführen? Durch Negierung der vielfältig deutschen Vergangenheit wird sie ja nicht ungeschehen gemacht. Aber solange die Bürgermeisterin eines Ortes im Sudetenland auf Druck der Einwohner zurücktreten muß, weil sie sich erdreistet, eine kleine Gedenktafel in Erinnerung an die ehemals deutsche Bevölkerung anzubringen, sind wir von wirklicher Entspannung leider immer noch weit entfernt.

Erneut fällt mir da Peter Alexander ein. Klar, so manchem rollen sich da die Fußnägel auf, aber wenn man ehrlich ist, hat es schon etwas Wahres – heute würde man es, politisch total korrekt, Multi-Kulti nennen, was er mit einem Augenzwinkern so treffend formulierte:

„Wie Böhmen noch bei Öst'reich war, vor finfzig Jahr, vor finfzig Jahr,
hat sich mein Vater g'holt aus Brünn a echte Weanerin.

Und keine hat gemacht wie sie die Skubanki, die Skubanki,
er hat ihr wieder beigebracht, wie man a Bafleisch macht.

A bisserl Wien, a bisserl Brünn, no da liegt a gute Mischung drin.
entstanden bin zum Schluß dann i, aus diesem Potburri…

Wenn Böhmen und auch Mähren, nicht mehr zu uns gehören.
So denken trotzdem viele Leut' noch an die Zeit.

Wie noch ganz Leitomischl beim Zauner war in Ischl
und halbert Wien in Prag beim Katholikentag.

Das sehe ich als deutsch-österreichisch-ungarisch-holländischer Mischling auch so. Mischling. Wie sagte meine in Amsterdam geborene Mutter, der es 1945 keinen Schlag anders gegangen war als meinem Vater, als ich sie anläßlich der neu erworbenen Boxerhündin zu fragen wagte, ob die denn auch einen Stammbaum hätte, so zartfühlend zu mir: „Auf jeden Fall einen besseren als Du!“
 

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Der Vorbeilauf am Werksgelände der Brauerei Staropramen („Alte Quelle“) hätte man uns gerne mit einem Schluck kühlem Blonden versüßen dürfen, so macht man uns mit der die Straße überspannenden Werbung die Nase lang. Auf den km 26 bis 30 ist dann die letzte Gelegenheit, die vor bzw. hinter uns Laufenden zu beobachten. Beide Richtungen sind gut gefüllt, wir befinden uns vermutlich also etwa in der Mitte. Streß muß sich keiner machen, denn das Zeitlimit ist mit sieben Stunden äußerst großzügig gewählt. Sicherlich wird dieser Marathon zu denen zählen, die ich – sofern ich gesund bleibe – auch in sehr hohem Alter noch werde absolvieren können. Und wenn das nicht mehr geht, gibt’s in den USA noch genügend Möglichkeiten, die dann morschen Knochen bei noch weiteren Zeitlimits zu bewegen.

Beim 31. km wechseln wir über die Brücke der Legionen (Most Legii) erneut die Moldauseite, das allerdings nur kurz, denn nach kaum 1.000 m geht’s schon wieder ans Westufer, wir benutzen dafür erneut die schon bei km 3 überlaufene Manesbrücke (Mánesův most, ehemals Franz-Ferdinand-Brücke). Es ist gut zu wissen, daß wir uns ab jetzt quasi auf der Schlußrunde befinden, denn, wie eingangs erwähnt, sind die km 4 bis 12 und 34 bis 42 identisch. Auch wenn das Laufen unverändert Spaß macht.

Fein ist für mich das Kasperletheater, das ich mit manchen Mitstreitern machen kann. Ob mit dem Eintracht-Fan über die Frankfurter zu philosophieren oder mit dem Kraichgauer über die Hoffenheimer (wird die wirklich jemand in der Bundesliga ernsthaft vermissen?), ob gemeinsamer Jubel mit den Südafrikanerinnen, den Italienern, den Amis, den Kanadiern, es ist einfach schön, mit jedem ein wenig Spaß zu haben und sich gemeinsam an der tollen Veranstaltung bei prächtigem Wetter zu erfreuen. Selbst wenn ich intensiv darüber nachdenke, ich finde an der Organisation nichts zu mäkeln. Den Vogel schießen ein paar Kölsche ab, die am Staffelwettbewerb teilnehmen, sie sind unschwer an den Narrenkappen zu erkennen, die sie an ihre Laufkappen genäht haben. Logo, natürlich treibe ich sie zusammen und nach einem gemeinsamen lautstarken, dreifachen „Kölle Alaaf!“ geht es weiter. Sollte jemals ein Tscheche am germanischen Verstand gezweifelt haben, wird er sich nach dieser Aktion bestätigt fühlen.

Nochmal wird das Nordende des Kurses umrundet und bei km 40 kommen wir erneut an unserem Hotel vorbei. Kaum 500 m Fußweg davon über die Hlávkův most entfernt, liegt der Strossmayerplatz, ich habe es anfangs kurz erwähnt. Auf ihm steht die Antoniuskirche (die ich vom Hotelzimmer aus sehe), links davon die Janovského-Straße, in ihr das Haus Nr. 5. Darin im zweiten Stock liegt die Wohnung der Familie meines Vaters, wohin sie aus ihrem Eigenheim an der Peripherie gezogen waren, damit die Kinder die deutsche Schule am Wenzelsplatz besuchen konnten. 5. Mai 1945: Luftalarm, alles rennt in den Keller in Erwartung eines Fliegerangriffs. Es ist aber der Beginn des Prager Aufstands. Man flüchtet in den Keller, der Opa befindet sich am Flughafen bei der Arbeit. Vier Tage Angst später, ein Gänsebraten schmort im Ofen, wird die Familie auf die Straße gezerrt, nur ein paar Decken und die Ausweispapiere der Oma dabei. Nachdem man ihnen große Hakenkreuze auf die Rücken gemalt hatte, wird vor der Antoniuskirche „Hinlegen, die russischen Panzer kommen!“ befohlen. Sie mußten damit rechnen, überrollt zu werden, was die Tschechen lautstark forderten, die Russen jedoch nicht taten. Ein Jahr lang über insgesamt 14 Stationen wurden sie noch in Prag gefangen gehalten, dann erfolgte die endgültige Vertreibung unter Hinterlassung sämtlichen Eigentums, der Heimat (!), eigentlich von allem. Den Opa hatten sie erst neun Monate später kurz wiedergesehen, bevor er zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, die er als Zwangsarbeiter in einem Stahlwerk abarbeitete und wie durch ein Wunder überlebte.
 

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Aus diesen sehr trüben Gedanken über an wehrlosen Deutschen verübten schwersten Nachkriegsverbrechen reißt mich erfreulicherweise mein treues Weib, das bereits zum dritten Mal auf mich wartet und aus meinem Tief holt. Eigentlich ist es ein mehr mentales, aber auch wenn ich heute nur auf 4:15er Kurs unterwegs bin: es ist wie immer anstrengend und ich sehne das Ende herbei. Obwohl – ach, es ist ja eigentlich schön! René, meine moderne Version der tschechischen Lokomotive, läuft wie ein Uhrwerk, immer wieder breche ich ein paar Meter aus, fotografiere hier, knipse da und muß mich dann wieder mit Riesenschritten an ihn heransaugen, denn wir wollen ja zusammen einlaufen. Der letzte km führt wieder über die Prachtstraße Parizska und fünfhundert Meter vor dem Ende traue ich es mich doch: Ich ziehe die Bundesdienstflagge aus der Hose und laufe mit stolzgeschwellter Brust wie Fahne das Spalier aus tausenden von Zuschauern ab und für mein Heimatland in dem Land, das unter anderen Umständen mein Heimatland hätte sein können, auf dem Altstädter Ring im Herzen der Hauptstadt durchs Ziel.
 

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Den Vogel hat heute Vadim Yangirov abgeschossen. Mit dem jungen Russen und seiner Frau Yulia waren wir gemeinsam auf Stadtführung gewesen, für beide war es heute der erste Marathon. Sie kam nach 4:38 Stunden völlig platt ins Ziel, er hatte sich zum Ziel gesetzt, die drei Stunden zu knacken, und das im ersten Anlauf. Halbzeit war nach 1:26, dann mußte er Federn lassen, zwanzig Meter vor dem Ziel hatte er eine 3:06 vor Augen. Das war dann das letzte, was er sah, denn er klappte zusammen und wurde mit Tätütata ins Krankenhaus gebracht. Nach einer guten Stunde hatte man ihn wieder aufgepäppelt und zurückgefahren. Was macht man, wenn man 41,995 km gelaufen ist, schlappe zweihundert Meter fehlen und die Startnummer noch umgebunden ist? Man legt die irgendwie zurück, es macht „Piep“ und der Lauf ist nach 4:56 ordnungsgemäß gewertet. Wir waren uns sicher, daß er davon noch seinen Kindern und Kindeskindern erzählen wird. Die Geschichte ist ja fast so schön wie von dem Tünnes, der in Rom im Krankenwagen unter Blaulicht fast eine neue Bestzeit aufgestellt hätte!

In ganz besonderem Maße durfte ich hier die völkerverständigende Wirkung unseres Sports erleben. Ihr konntet, so glaube ich, unschwer miterleben und feststellen, daß dies trotz allen Spaßes ein ganz besonders schwieriger Lauf für mich war. Ich bin am Ende froh, daß ich ihn gewagt habe, denn seitdem kann ich einiges deutlich entspannter als vorher sehen. Freundliche Leute und eine schöne, 1a organisierte Veranstaltung in einem teils traumhaften Ambiente lassen mich sicher sein, nicht zum letzten Mal hier gewesen zu sein.

Tak prostě děkujeme a nashledanou, České republiky!
 

Diesen Bericht gibt’s mit noch sehr viel mehr Fotos auf marathon4you.de!

Startgeld:
1.900 Kronen (ca. 75 €), dafür gibt es auch einen kleinen Rucksack mit viel Werbung und einigen kleinen Begaben.

Wettbewerbe:
Marathon (auch als Viererstaffel), Minimarathon (4,2 km), Walken mit Hund (kein Witz!)

Rahmenprogramm:
Marathonmesse mit vielen Angeboten.

Streckenbeschreibung:
Sehr schöner Rundkurs mit rund 100 Höhenmetern, überwiegend an der Moldau, lange Begegnungsstrecken, Zeitlimit 7 Stunden.

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde aus dem Netz.

Logistik:
Absolut perfekt

Verpflegung:
Gut und ausreichend (Wasser, Iso, Bananen, Orangen, Zucker), im Ziel zusätzlich eine Verpflegungstüte mit Getränken und Riegel.

 

Letzte Änderung am Montag, 25. September 2017