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33. Monschau-Marathon am 09.08.2009

Landschaftslauf vom Feinsten
 

Was für ein tolles Laufwochende liegt da hinter mir! Am Freitagabend schaffe ich es nach Jahren zum ersten Mal, unserem Bahnvolkslauf die Ehre zu erweisen und hetze mir bei 30° auf 12,5 Stadionrunden die Lunge aus dem Leib. Der Samstag steht ganz im Zeichen des Women’s Run (vulgo: Frauenlauf) in Köln, mein Weib fühlt sich auf 8,4 km als Königin der Langstrecke und der Gatte mimt den Unterstützer/Trainer/Physio- und Psychotherapeuten sowie Helfer in allen Lauf- und Lebenslagen. Eine nette Veranstaltung, bei der ich mir über Stunden die Beine in den Bauch stehe.

A propos stehen: Am Sonntag um sage und schreibe 4.30 Uhr heißt es aufstehen und fertigmachen zum Marathon.  Eine „Vorbereitung“, wie ich sie noch nie erlebt habe. Die ganze Woche über, in der ich mich sonst relativ akribisch auf den Lauf vorzubereiten pflege, komme ich kaum aus dem Büro. Über die Aktivitäten am Freitagabend und Samstag habe ich ja schon berichtet. Und so kommt es, daß mich im Morgengrauen des Sonntags das Grauen packt, weil ich null vorbereitet bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich fahren muß, habe mich nicht mit der Strecke beschäftigt, gar nichts.

Um 5 Uhr sitze ich im Auto, düse los und wundere mich, daß das Navi nur 125 km, aber 1:52 Std. Fahrzeit anzeigt. Warum weiß ich spätestens, als ich wenig später an der noch nicht betriebsbereiten Rheinfähre in Linz stehe. Es sollte also über Stock und Stein gehen. So muß ich mich dann doch bequemen, einen Blick in die Karte zu werfen, denn außer der groben Richtung Westen habe ich keinen Plan. Über Bonn fahre ich auf der Autobahn dann letztlich gute 40 km weiter, komme aber dennoch um kurz vor 7 Uhr in Konzen, dem Stadtteil Monschaus (aber ein separates Dorf) an.

Konzen mit seinen knapp 2.500 Einwohnern ist der älteste Stadtteil Monschaus und von hier aus fand auch die Gründung von Burg und Stadt Monschau statt. Und stattfinden tut hier auch etwas, nämlich ein echtes Dorffest, wie sich mir sofort zeigt. Das beginnt mit einem sehr nahe gelegenen Parkplatz auf einem unbebauten innerörtlichen Grundstück und setzt sich fort über Partyzone nahe der Kirche. Festzelt, Stände, Startnummernausgabe – alles lässt erahnen, daß hier bald der Bär los sein wird.

Innerhalb weniger Minuten habe ich alles Notwendige ergattert und kann mich lauffertig machen und noch den einen oder anderen Bekannten begrüßen. Kurz vor 8 Uhr stehe ich in der Startaufstellung und sehe, für einen Landschaftslauf durchaus ungewöhnlich, mehrere Zugläufer für verschiedene Zielzeiten parat stehen. Tja, Zielzeit? Nach der stressigen Woche und überhaupt steht mir eigentlich nicht der Sinn nach einer wilden Hatz. So stelle ich mich mal ganz locker hinter den 4:14er Zugläufern (drei an der Zahl!) auf und harre des Startschusses. Der erfolgt auch pünktlich um 8 Uhr und ganz entspannt dank Champion Chip geht es zur und über die Startlinie.

Im Gegensatz zu Waldniel verpasse ich meinen Lauffreund Jörg Segger dieses Mal am Start nicht und wir nutzen die ersten km, damals Versäumtes nachzuholen und viel zu quatschen. Er meint, sich 14 Tage nach dem K 78 schon wieder den nächsten Marathon antun zu müssen, au Backe! Unvorbereitet wie ich bin wundere ich mich, daß es, an der Konzener Kirche vorbei, erst einmal jede Menge abwärts geht. Verdächtig abwärts. Sehr verdächtig abwärts. Da Start und Ziel identisch sind, lässt dies für das Ende Übles befürchten. Nach guten zwei km macht mich Jörg auf eine ihm bekannte Staustelle aufmerksam und schon befinden wir uns im Wald auf einem abschüssigen, steinig-glitschigen Pfad. Vorsichtiges Gehen ist angesagt, ein Überholen wenig ratsam. Exakt dies ist der Augenblick, in dem ich endgültig beschließe, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und heute keinerlei Zeitambitionen zu entwickeln. Was sich im Nachhinein auch als richtig erwiesen hat.

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Nach rund drei km erreichen wir den Stadtrand von Monschau. Zarte Erinnerungen bemächtigen sich meiner, denn mit ca. 14 Jahren, also kaum 36 Jahre her, war ich schon mal hier. Allerdings lag mein Focus damals eher auf der Schönheit meiner Klassenkameradinnen als an derjenigen der Stadt. Letztere zeigt sich nach einem ersten Eintauchen sehr schnell und nachhaltig. Bevor jetzt das Lästern losgeht: klar, die Perspektiven ändern sich mit zunehmendem Alter, aber Attraktivitäten, gleich welcher Art, beeindrucken mich auch heute noch...

Monschau mit seinen knapp 13.000 Einwohnern, bis 1918 Montjoie genannt, begeistert mich durch herrlich renovierte Fachwerkhäuser, die in Verbindung mit der durchfließenden Rur (ohne „h“), dem vielfältigen Blumenschmuck und dem Straßenpflaster eine echte Augenweide ist. Für meine Füße ist das Pflaster eine Zumutung, denn es ist – wenn auch schön anzusehen - unangenehm zu belaufen und der vorherige Abstieg war auch nicht gerade witzig. Nette Zuschauer geizen schon am frühen Morgen nicht mit Beifall und werden zum Dank direkt abgelichtet. Nach einer Schleife durch die Stadt müssen wir diese leider bald wieder verlassen.

Das erste km-Schild, das ich bemerke, ist die „5“ und die Uhr zeigt exakt 30 Minuten. Da bin ich also tatsächlich trotz der Bergabstrecke recht gemütlich unterwegs. Gut so. Bei km 7 kommt die erste Verpflegungsstelle. Wenn es heute an irgend etwas nicht gemangelt hat, dann an Verpflegungsstellen. Offizielle, inoffizielle, ich habe sie nicht gezählt. Überall nette und freundliche Helfer(innen), nochmals herzlichen Dank an Euch! Rechtzeitig, bevor ich übermütig werde, kommt bei km 7,5 die erste zarte Bergaufpassage.

Bei km 10 findet der erste Staffelwechsel statt. Es gibt hier nämlich die nette Einrichtung, daß vier Läufer(innen) sich die Strecke teilen können. So kommen auch Nichtmarathonis zum Erleben eines großen Laufes mit allem, was dazugehört. Im Stadtteil Widdau werde ich von einem Mitläufer angesprochen, der mich aus Waldniel wiedererkennt und meinen Bericht gelesen hat. Leider habe ich gerade keine Autogrammkarte zur Hand und muß ihn auf Hinterher vertrösten... Na endlich, da kommt bei km 12 die erste ordentliche Steigung! Anfangs laufe ich noch und dann verfalle ich, wie die meisten anderen auch, in einen strammen Gehschritt.

Es bleibt mir nicht verborgen, daß es heute für Muskeln und Skelett eine harte Belastungsprobe geben wird. Die stark unterschiedlichen Untergründe, gerade in den ersten beiden Dritteln, viel über teils ausgewaschene Wege mit deutlichen Niveauunterschieden, lange Strecken mit grobem Schotter verlangen große Aufmerksamkeit und Krafteinsatz. Bei „Krafteinsatz“ fällt mir „Armeinsatz“ ein und damit sind wir bei den Kamerad(inn)en der wandernden Zunft. Mit und ohne Gehhilfen. Diese sind heute, schon früher auf die Strecke gelassen, auffallend zahlreich vertreten und mit einem Rückenschild „Walk“ gekennzeichnet.

Zwischen km 14 und 17 geht es einiges bergab, bevor wir uns mit Verlassen des Waldes in Richtung B 258, dem 2. Staffelwechsel und der Halbmarathonmarke nähern. Eine große Straße gepaart mit einem Wechsel- und Verpflegungspunkt verspricht Zuschauerinteresse und so ist es auch. Ein dichtgedrängtes Menschenspalier verschafft ein kurzfristiges Tour de France-Gefühl in der Eifel. Viele Windräder, auch an anderen Stellen zeugen davon, daß es wettermäßig nicht immer so friedlich wie heute zugeht. Halbzeit ist bei etwa 2:06 Std. und ich beginne mich schon gedanklich in Anbetracht noch kommender Steigungen auf 4,5 Stunden einzustellen.

„Und jetzt lässig beschleunigen“ hat ein Witzbold auf ein Plakat gepinselt. Die nächsten 5 bis 6 km verlaufen wieder unter Bäumen und das Umfeld ist doch merklich ruhiger geworden. Interessant und neu für mich ist, bei einem Landschaftslauf ab einer gewissen Streckenlänge nicht alleine unterwegs zu sein. Sicher, ich bin etwas weiter hinten im Feld unterwegs als sonst üblich, aber ich empfinde es als angenehm, immer ein paar Mitläufer im Auge zu haben.

Bei etwa km 28 tippt mich jemand von hinten an. Ich drehe mich um und blicke in das Grinsen von Thomas Wenning, dem bekannten Extremläufer, der heute fotografierend für die Runner’s World unterwegs ist. Ich freue mich, daß er mich wiedererkennt und nett gemeinsam plaudernd läuft es sich doch – zumindest für mich – gleich viel leichter. Und auch direkt deutlich flotter, aber das merken wir erst nach ein paar weiteren km. Seine Claudia ist heute jedenfalls schon auf und davon und wird erst im Ziel gesehen.

Wie oft schon habe ich in Jörg Kachelmanns Wettervorhersagen den Namen „Kalterherberg“ gehört und nicht zuordnen können. Jetzt laufe ich durch das wunderschöne Eifeldorf und bin ganz begeistert vom Eifeldom und einigen, toll hergerichteten  historischen Bauerhäusern, die Stall und Wohnung unter einem Dach vereinen. Dieses ist jeweils, vermutlich gegen die Kälte, tief heruntergezogen. Die Temperatur ist heute übrigens absolut super. Wir sind bei ca. 14° losgelaufen und viel wärmer als 17-18° dürfte es unterwegs nicht geworden sein. Und es ist heute trocken. Nässe wäre schon sehr unangenehm geworden, der Klaus hat es ja 2005 genießen dürfen. Thomas und ich machen gegenseitig noch Fotos – klar, Heldenbilder müssen dabei sein – und dann lässt er sich etwas zurückfallen, um noch ein paar neue Gesichter zu knipsen.

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Eigentlich wollte ich mir bei km 30 schon das zweite oder dritte Gel einflößen, aber der Gedanke an den süßen Papp lässt Widerwille aufkommen. So halte mich lieber an das flüssige Angebot und kippe fröhlich Wasser, Iso, Tee und Cola durch- und hintereinander in mich hinein. Auch das reichhaltige Obstangebot verschmähe ich nicht. Geschadet hat mir das zum Glück nicht.

Hinter Kalterherberg, es geht wieder überwiegend abwärts, stoße ich zum wiederholten Mal auf zwei Läufer, die sich englisch unterhalten. Der eine ist ein Engländer aus Düsseldorf, der andere kommt aus Boston. Meine Begeisterung über den Boston-Marathon 2008, über den ich auch berichtet habe, ist ungebrochen. Er hat den mindestens schon 15 Mal gelaufen und so haben wir ein ergiebiges Thema, bis ich wieder davonziehe. Erstaunlicherweise läuft es bei mir noch ziemlich rund und einige km-Zeiten haben eine 5 vorne stehen. Das wird sich aber noch ändern.

Bei km 34 unterqueren wir das imposante Eisenbahnviadukt der Vennbahn und eine zu diesem Zeitpunkt unangenehme Steigung bis km 35,5 erinnert mich wieder nachhaltig daran, heute keine Bäume ausreißen zu wollen. Ob ich es denn gekonnt hätte, will ich mal besser nicht beleuchten. Entgegenkommender Verkehr auf dem nächsten Streckenabschnitt überrascht mich und ich muß an der Straßenseite laufen.

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Sehr schön anzuschauen und für mich bisher unbekannt sind die teilweise geschätzte 6 m hohen Hecken, mit denen (vermutlich traditionsgemäß und als Schutz gegen kalte Winde) einige Häuser umgeben sind. Ab km 38 geht es weitestgehend abwärts, was mir aber zu diesem Zeitpunkt nichts mehr nützt. Habe ich je einen Ultraschlappschritt an mir beobachtet, ist er heute nicht mal mehr zu überhören. Ich muß die Füße bewußt hochziehen, um nicht ständig über den Asphalt zu schleifen.

Die letzte Steigung beim km 41 über einen schwierigen Schotterweg begeistert mich, weil ich weiß, daß sie die letzte sein wird. Da kommt auch schon der Konzener Kirchturm in mein Visier und ich realisiere, daß ich es gleich geschafft haben werde. Kaum sehe ich die Zuschauer, die einem ein schönes Geleit auf den letzten paar hundert Metern geben, strafft sich der Körper (zumindest versuche ich das) und unterquere den Zieltunnel. Die namentliche Begrüßung nach der Strapaze tut gut. Und eine Rose, wie sie jedes Mädel erhält, hätte ich auch genommen!

Ich verbringe noch einige Zeit im Zielbereich, fotografiere ein wenig, unterhalte mich lange u.a. mit Stefan Vilvo vom Monte Sophia-Lauf, den ich immer wieder mal treffe und bewundere sein Shirt, mit dem man ohne Brustwarzenpflaster laufen kann. Muß ich mal testen. Eine nette Medaille gibt’s auch noch und als ich die genau betrachte fällt mir auf, daß ich heute bei der 33. Auflage des Monschau-Marathons meinen 33. Lauf über mindestens 42,195 km absolviert habe. Witzig. Gut, 4:10 Std. ist schon eine relativ lange Zeit, aber der Kurs ist auch wirklich nicht ohne. 757 Frauen und Männer, dazu noch etliche Staffeln und Wanderer, können es bezeugen.

Kaum bin ich im Ziel, kommt die Sonne heraus und wärmt den saft- und kraftlosen Körper. Eine Soforturkunde kann ich mir auch noch mitnehmen und ziehe nach einem gelungenen Tag vollkommen zufrieden von dannen.

Diesen Bericht gibt es mit vielen Bildern auch auf marathon4you.de!

Sieger

Frauen
1. van Bergen, Inge (NEL), UNITAS, 03:22:23  Std.
2. Rütters, Monika (DEU), TV Roetgen, 03:28:23  Std.
3. Croon, Agnes (DEU), DJK Gillrath, 03:30:40 Std.

Männer
1. Collet, Andre (DEU), ATG Aachen, 02:38:22 Std.  
2. Peters, Helmut (DEU),  SV Bergwacht Rohren, 02:50:34 Std. 
3. Werker, Markus (DEU), TV Konzen, 02:52:29 Std. 

Streckenbeschreibung:
Interessanter, abwechslungsreicher Landschaftslauf, dem ich mich traue, als (noch) nicht alpiner Läufer das Prädikat „anspruchsvoll“ zu verleihen.

Rahmenprogramm:
Marathonwochenende als Dorffest, Stände, Stimmung, gute Laune.

Startgebühren:
25 € mit Medaille und Baumwollshirt, sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis.

Auszeichnung:
Medaille, T-Shirt, Urkunde als Sofortausdruck und über das Internet.

Logistik:
Alles nahe beieinander und fußläufig gut zu erreichen.

Verpflegung:
Ungezählte offizielle und private Verpflegungsstellen, gut bestückt, engagierte Leute, die Freude an ihrer Tätigkeit ausstrahlen.

Zuschauer:
In Monschau und den Dörfern einiges Interesse, Stimmung auch an den Staffelwechselpunkten. Das Publikum ist erkennbar marathonerfahren (33. Auflage).
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017