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1. Koblenz-Marathon am 03.09.2017


Neustart am Deutschen Eck

„Koblenz richtet einen Stadtmarathon aus!“ Diese frohe Kunde erreichte mich vor einem Jahr, ein weiterer Marker auf meiner Laufliste 2017 war die zwangsläufige Folge. Denn selbstverständlich bin ich als Kowelenzer Jung, der in der Rhein- und Moselstadt nicht nur geboren, sondern dort nach der übereinstimmenden Aussage zweier unmittelbar Tatbeteiligter auch produziert wurde, bei diesem Ereignis dabei. 200 Jahre Großfestung Koblenz wird heuer gefeiert, und erfreulicherweise werden wir davon auf und neben der Strecke mehr als respektable Reste und vieles mehr sehen können.

Koblenz ist marathontechnisch durchaus kein unbeschriebenes Blatt. Der Ausrichter Mittelrhein-Marathon e.V., der uns Läufern sowie Zuschauern ein außergewöhnliches Erlebnis und eine ideale Infrastruktur verspricht, bringe eine elfjährige Marathon Erfahrung mit, entnehme ich einer Pressemeldung. War da nicht etwas? Wer erinnert sich an den Mittelrhein-Marathon? Bei mir ist eine tolle Strecke von Oberwesel über die Loreley, vorbei an etlichen Burgen, über Boppard, verschiedenen kleineren Orten, Rhens und Stolzenfels nach Koblenz in Erinnerung.

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Dessen ungeachtet aber auch der beispiellose Niedergang der Veranstaltung mit einer Teilnehmerentwicklung von 3.365 Marathonfinishern im ersten Jahr auf deren 226 im elften und letzten. Über die aus meiner Einschätzung verbesserungswürdigen Punkte hatte ich in meinen Laufberichten mehrfach, letztlich aber offensichtlich erfolglos, hingewiesen. Läufer stimmen mit den Füßen ab.

Mit wachem Auge

Neues Spiel, neues Glück! Ich freue mich auf diese Erstausgabe, beobachte aber auch mit wachem Auge die Entwicklung ab der ersten Verlautbarung über die Monate hinweg. Da ist zunächst der Termin: Erst lediglich vage angekündigt, gibt es dann Aufregung mit einem terminlich konkurrierenden Laufveranstalter, der die älteren Rechte besitzt (dazu gibt es Regeln). Es folgte ein Vermittlungsversuch unter Leitung des Leichtathletik-Verbandes Rheinland (LVR), der das Problem aber nicht lösen konnte, und daher letztlich doch die Festsetzung auf den 3. September. Dies deshalb, weil die Stadt ein sehr hohes Interesse an der Durchführung hatte, den Lauf aber nur an diesem Tag genehmigen konnte.

So findet er also ohne den Segen des LVR (mit Sitz in Koblenz) statt, der das zwar nicht witzig findet, die Veranstaltung aber ausdrücklich auch nicht boykottiert. Das ist der Grund, weshalb dieser Marathon in keiner Terminliste des LVR und demzufolge auch nicht des DLV erscheint, obwohl der Verein Mittelrhein-Marathon Mitglied des LVR ist. Dies spart zwar die Genehmigungsgebühr von 50 Cent pro Teilnehmer als Anerkennung der Genehmigungshoheit der Sportverbände für die regelkonforme Wettkampfpraxis, hat aber auch Nachteile für uns Läufer: Die Strecken sind zwar offiziell vermessen und somit auch weltrekordtauglich, aber, weil nicht genehmigt, nicht bestenlisten- und (Altersklassen)rekordfähig. Der Begriff weltrekordtauglich bezieht sich lediglich auf die Vermessung, für einen Weltrekord müssen aber mehrere Kriterien erfüllt werden. Und da ist zur Zeit eben nur der Teilbereich Vermessung erfüllt. Wofür dann doch 50 Cent zusätzlich zur Startgebühr eingezogen werden, bleibt mir unklar. Das aber nur am Rande.
Der LVR hofft – zusammen mit dem Veranstalter des Koblenz Marathons -, daß ab 2018 eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden wird. Ob es dann hilfreich ist, dem LVR einen Tag vor der Terminbörse, an dem sich die Veranstalter fürs nächste Jahr abstimmen, per E-Mail mitzuteilen, daß der Koblenz-Marathon 2018 am gleichen Termin stattfinden soll, lasse ich mal dahingestellt. Die Lebenserfahrung lehrt, daß miteinander persönlich zu sprechen immer noch die meiste Aussicht auf Erfolg hat.

Die Marathonmesse findet, wie beim Mittelrhein-Marathon seligen Angedenkens, wieder in der CONLOG-Arena - vulgo: Sporthalle Oberwerth -  statt. Ich bin bereits am Freitagnachmittag da, um am Sonntag nicht in Hektik zu geraten. Alles funktioniert reibungslos, die zahlreichen Helfer sind ausgesprochen freundlich. Der Starterbeutel enthält neben Informationen Gutscheine, Gastgeschenke, Giveaways und einen direkt einlösbaren 10 € Gutschein beim Hauptsponsoren Intersport Krumholz. Und schon marschiert der Herr Bernath zufrieden mit zwei sehr günstigen neuen Paaren Laufschuhe wieder hinaus.
 

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Leider liegt die CONLOG-Arena aber weit außerhalb der Stadtmitte im Süden, hat dafür allerdings viele kostenlose Parkplätze und noch mehr Platz für die Stände, wird aber wohl nur von denen angefahren und besucht werden, die auch laufen wollen. Nicht Laufinteressierten bleibt die Veranstaltung damit im Vorfeld ziemlich verborgen. Selbst vor der Halle habe ich keinen einzigen Hinweis auf das Ereignis des Wochenendes entdecken können. Das ist z.B. in Bonn völlig anders, wo die Messe für alle, also auch die Nichtläufer und potentiellen Fans an der Strecke, unübersehbar in einem großen Zelt mitten auf dem zentralen Münsterplatz logiert. Das könnte auch in Koblenz so sein, z.B. drängt sich hierfür aus meiner Sicht der Münzplatz auf. Evtl. Parkplatzprobleme wären hinzunehmen, die gibt es auch in Bonn, und dort kommt man damit zurecht.

Es wird ernst

Die Festungsstadt Koblenz ist für rheinische Westerwälder gerade mal eine gute halbe Stunde entfernt, daher reise ich maximal entspannt an und habe dank des riesigen Parkplatzes an der Sporthalle überhaupt kein Problem, das Auto abzustellen. Ein echtes Pfund! Das war beim Mittelrhein-Marathon, für den man zwecks Anfahrt erst einmal zum Hauptbahnhof mußte, deutlich ungünstiger gewesen. Mit meinen Lauftrefflern Harald, Tobias und Sebastian (Premiere!), die beim Halben starten, vertreibe ich mir die restliche Zeit in der Halle, die im Falle eines Falles eine optimale Schlechtwetterlösung darstellt. Gut ist die Kleiderbeutelabgabe in den Katakomben, aber man steht im Stau zu lange an. Lösungsvorschlag: Im Aufbewahrungsraum eine Gasse zum Durchgehen schaffen und dann die Leute an der einen Seite rein- und an der anderen rausgehen lassen, schon fluppt es.

Die Zehner sollten sich eigentlich um 9:40 Uhr auf die Socken machen, aber der Start muß verschoben werden, die Strecke sei nicht frei, hören wir. Zwanzig Minuten später ist es dann so weit und gute zehn Minuten später heißt es für uns rund 250 vorangemeldete Marathoner (darunter mit Sicherheit einige, die dem Hunsrück-Marathon vor einer Woche gefehlt haben), die Staffelläufer und die Halblinge: Ab die Post! Auf der 21,1 Kilometer langen Runde verspricht man uns viele Sehenswürdigkeiten der vor über 2000 Jahren von den Römern gegründeten Stadt zu sehen: etwa das Kurfürstliche Schloß, die Basilika St. Kastor, die Festung Ehrenbreitstein, das Deutsche Eck mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal, Rhein- und Moselufer, die Altstadt mit Plätzen, Brunnen und historischen Gebäuden. Die Strecke führt über die mittelalterliche Balduinbrücke (Mosel) in die eingemeindeten Rheindörfer. Stimmungsnester sollen uns Läufer dort besonders motivieren. Ich bin gespannt und freue mich auf das, was mich im Detail erwartet.
 

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Eigentlich hätte der Start ja im unmittelbar an der CONLOG-Arena liegenden Stadion stattfinden sollen, aber dieses wird zur Zeit für die Leichtathleten und die Fußballer der hier beheimateten TuS Koblenz generalsaniert. Na, dann haben wir doch schon mal etwas, auf das wir uns im kommenden Jahr freuen können. Unvergessen sind die zahlreichen internationalen Sportfeste, die der Koblenzer Fredy Schäfer hier organisierte. Was waren das für Duelle über 400 m Hürden zwischen Edwin Moses und Harald Schmid gewesen! Sogar Weltrekorde wurden hier erzielt. Ach ja...
 

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Die ersten Meter gleichen denen des Traditionslaufs „Rund um die CONLOG-Arena“, dann aber wird am Wasserwerk links in Richtung Oberwerth, das zu früheren Zeiten bis zur Teilaufschüttung eine Rheininsel war, abgebogen. Wir unterqueren die hoch über uns liegenden Bundesstraßen B 49 und 327, die als Südbrücke über den Rhein in den gegenüberliegenden Westerwald führen. Die Eisenbahnstrecke wird durch ein uraltes Viadukt unterquert und schon sind wir im zumindest preislicher Hinsicht begehrtesten Koblenzer Stadtteil. Die Schillerstraße bringt uns zum Mozartplatz, an dessen Kreisel  wir Richtung Südstadt aufs „Festland“ abbiegen. Nicht jedoch, ohne einen Blick auf die Rheinlache, den jetzt toten Rheinarm (der Oberwerth als Insel früher umfloß), geworfen zu haben. Hier wurden in den 50er und 60er Jahren hochbeliebte Operetten auf dem Wasser gegeben, die aufgrund einiger weniger klagender Anwohner zum Leidwesen vieler Koblenzer wieder eingestellt werden mußten.

Schon geht es rechts auf die breite Mainzer Straße, die in ihrem hinteren Teil schon mal den Zieleinlauf bei der Sperrung des Deutschen Ecks gegeben hatte, übrigens auch schon für eine Etappe der Tour de France. Parallel der Rheinanlagen, die hier auch das Kaiserin Augusta-Denkmal beherbergen, kommen wir unter dem Beifall einiger Zuschauergruppen gut voran. „Laufend etwas Gutes tun“ - unter diesem Motto kommt hier und jetzt in Koblenz erstmals bei einer Laufveranstaltung eine Spendenmatte zum Einsatz. Mit dem freiwilligen Überqueren können Läufer zwei Euro zugunsten der Rhein-Zeitungs-Initiative HELFT UNS LEBEN spenden, die sich für Familien in Not einsetzt. Unterstützt wird die Aktion von den Cheerleadern der CTG Koblenz: Sie belohnen jeden Spender mit einem persönlichen Jubel und motivieren ihn für die weiteren Kilometer. Leider gelingt mir ein Foto von den Mädels erst auf der zweiten Runde.

Leider sehen wir, da es nicht durch die Rheinanlagen geht, auch das hübsche, traditionsreiche Weindorf nicht. Dafür aber die markante, gläserne Fußgängerbrücke, welche die beiden ehemaligen Gebäude des ebenso ehemaligen III. Korps der Bundeswehr über unseren Köpfen verbindet. Hier geht es quasi durchs Mainzer Tor der ehemaligen, natürlich längst niedergelegten mittelalterlichen Stadtbefestigung. Damit ist die Südstadt Geschichte und kurz vor der sog. Neustadt erfolgt die Unterquerung der B 9, die einzige Möglichkeit, eine Sperrung dieser Hauptverkehrsader zu vermeiden. Rechterhand erscheint das nach dem Krieg äußerlich wiederhergestellte kurfürstliche Schloß, das der letzte Trierer Kurfürst, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, bauen ließ. Im Rahmen der äußerst erfolgreichen Bundesgartenschau 2011 hat man es, v.a. auch auf der Rückseite (am Rhein), nochmals herausgeputzt. Auf seinem Vorplatz wurde eine Tiefgarage angelegt und bei dieser Gelegenheit dem nach 1945 nur zugeschütteten Thingplatz aus brauner Vergangenheit der Garaus gemacht.

Linkerhand bietet der Deinhardplatz ein schönes Gebäudeensemble aus ehem. Reichsbank, dem Stammsitz der Deinhard-Sektkellerei mit riesigem Keller, dem Stadttheater, dem hierher umgesetzten Brunnen-Obelisken („Clemens Wenceslaus Elector Vicinis suis 1791“  zu deutsch: Clemens Wenzeslaus, Kurfürst, seinen Nachbarn 1791)  -  und mehr. Rechts liegt, durch die Bäume kaum zu sehen, das Oberlandesgericht im Gebäude der ehemaligen preußischen Rheinprovinz. Die Straßen sind alle vorbildlich gesperrt, immer auf der Jagd nach dem nächsten Motiv vergeht mir die Zeit wie im Fluge. V.a. durch die Schar der über tausend Halbmarathonläufer zieht sich ein ansehnliches Feld durch die Stadt. Die Pfuhlgasse (man hat sie nach dem Krieg stark verbreitert) bringt uns der zentralen Innenstadt mit ihren vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten näher. Links liegt das neue Forum mit seinen zahlreichen Geschäften und Restaurants auf genau dem Platz, an dem mit der Mehrheit von einer Stimme der damalige Stadtrat 1964 mit der Wasserturmmauer die letzten Reste der mittelalterlichen Stadtmauer zugunsten einer Tiefgarage abreißen ließ.
 

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Jetzt betreten wir endlich die Altstadt über die Görgenstraße, und durch den Entenpfuhl den aus meiner Sicht schönsten Koblenzer Platz, den Jesuitenplatz, den man glücklicherweise doch noch in den Lauf integriert hat. Hier steppt auch zum Karneval der Bär! Links liegt mit dem alten Rathaus das ehem. Jesuitenkolleg, davor das Johannes-Müller-Denkmal, die  Jesuitenkirche – ein Traum in Stein. Eigentlich müßte ich hier ein 360°-Panoramafoto machen! Die attraktive Firmungsstraße (leider vergesse ich die in einem Hausgiebel hängende Hygieia, die kein Tourist und vermutlich auch kaum ein Einheimischer (er)kennt, zu fotografieren) bringt uns, zum Görres-, dem ehem. Goebenplatz, einem ehemaligen Exerziergelände. Auf ihm steht das Geschenk des Landes zum 2.000 Geburtstag der Stadt: Die Historiensäule, welche die lange Geschichte der Stadt darstellt. Dem Görresplatz gegenüber liegt mit dem ehem. jüdischen Kaufhaus (seinerzeit natürlich enteignet) heute eine der schönsten Adressen zum gepflegten Spachteln.

Auf dem Weg zum Rhein passieren wir die modernen Teile des damaligen Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung, in denen ich viele Jahre arbeitete. Unmittelbar am Rhein - kaum einer hat ein Auge dafür, denn man hätte in die falsche Richtung, nach rechts schauen müssen - liegen das ehem. Grand Hotel Koblenzer Hof (und ehem. Hauptgebäude des BWB) und das ehem. Regierungsgebäude der preußischen Rheinprovinz. Nein, Herr Ordner, ich weiß wohin ich muß! Aber wenigstens auf der zweiten Runde muß ich dieses Bild doch für Euch einfangen! Weiter geht die Koblenzer Stadtführung auf der Rheinpromenade mit wenigen Resten an historischen Gebäuden. Es kommt die Talstation der zur BuGa errichteten Seilbahn. „Hilfe, ein Verbrechen!“ schrie ich, als die Planung bekannt wurde. „Hoffentlich reißt man die nie wieder ab!“ folgte die Abbitte auf dem Fuße, als sie stand. In idealer Weise verbindet sie nämlich die Stadt mit der Festung als Teil der Koblenzer Großfestung über dem gegenüberliegenden Ehrenbreitstein. Auch sie hat man als Touristenmagneten hergerichtet. Gemeinsam mit den Nachbarfestungen auf den drei gegenüberliegenden Höhen bildete sie die Großfestung Koblenz, von denen trotz der Folgen des Versailler Vertrages noch einiges erhalten ist. Ich muß mich bremsen, sonst werde ich heute nie fertig, so viel drängt es mich zu erzählen...

Vor uns liegt das Deutsche Eck vor den letzten Teilen der Stadtmauer mit Tor ins Ludwigmuseum, dem ehem. Besitztümern des Deutschherrenordens. Hier sieht man unmittelbar, wo der Name dieser Stadt herrührt, nämlich von den zusammenfließenden beiden Flüssen Rhein und Mosel, lat. „Castellum apud confluentes“, woraus sich der heutige Name bildete.  Auch erkennen Eingeweihte, daß Koblenz – geologisch gesehen – Teil des Hunsrücks ist: auf einem meiner Stahlstiche sieht man noch an der später aufgeschütteten Stelle eine als „Hundsschwanz“ bezeichnete Sandbank. Heute grüßt hier, als größtes Reiterstandbild der Welt, hoch vom Roß majestätisch Ihro Gnaden, Kaiser Wilhelm I., der mit Koblenz auf besondere Art und Weise verbunden ist. Was war das anfangs der Neunziger Jahre eine unwürdige, zutiefst deutsche Posse um die Wiedererrichtung gewesen! Das Geschenk eines Koblenzer Verlegers ist heute DER Knüller im Fremdenverkehr. Alleine das Szepter mißt 2,70m, und der Pferdearsch zeigt natürlich in Richtung des damaligen „Erbfeindes“ Frankreich.
 

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Weiter entlang des nach Peter Altmaier, dem ersten rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten (Koblenz war die ersten zwei Jahre nach Wiedererlangung der Souveränität Landeshauptstadt gewesen) benannten Moselufers, liegt links ein im Krieg komplett vernichteter Stadtteil, Die heutigen Häuser stehen auf zwei Metern Kriegsschutt und damit relativ hochwassersicher. Einen traumhaft passenden Anbau hat man dem schönen Gasthaus Deutscher Kaiser zur Stabilisierung spendiert, der ein wunderbares Beispiel der Spätgotik darstellt. Durch die Kornpfortstraße wieder stadteinwärts laufen wir durch die Straße Danne, die erst nach dem Krieg durchbrochen wurde, und kommen, an der Florinskirche vorbei, zum alten Kaufhaus. Wer hat den Augenroller unterhalb des Ziffenblattes der Uhr entdeckt? Bei jedem Stundenschlag streckt er die Zunge heraus. Links liegen die schönsten Altstadtgassen und am Ende der Straße steht eine Residenz hart arbeitender weiblicher Bevölkerungsanteile. Gegenüber steht die Burg der Kurfürsten. Koblenz wollte eine Stadtmauer und die Genehmigung des Kurfürsten war an die Bedingung geknüpft, eine sichere Behausung innerhalb dieser Mauern zu erhalten. Wahrscheinlich hatte er nicht zu Unrecht Bedenken, daß man ihn vor der Mauer hätte stehen lassen.

Rechst abgebogen, betreten wir die von Ordnungsdiensten gut gesicherte, älteste erhaltene, aus dem 14. Jahrhundert stammende Koblenzer Brücke, die nach dem Kurfürsten Balduin benannt ist.  Übrigens können wir von Glück reden, daß wir heute überhaupt am Laufen sind, denn am gestrigen Tag fand die Entschärfung einer 1,4 t schweren Fliegerbombe auf der Karthause, einem linksrheinischen Höhenstadtteil, statt. 21.000 Einwohner inkl. eines Krankenhauses und 160 Knackis der Karthäuser JVA mußten evakuiert werden. Dies band alle verfügbaren Ordnungskräfte und dem ist leider der vorgesehene Minimarathon zum Opfer gefallen.

Am Ende der Balduinbrücke steht nicht nur Thorsten Holler, unser Haus- und Hoffotograf, sondern auch wieder Mal mein persönlicher Fanblock. Nein, heute nicht Elke, sondern diesmal unser Sohn Jan Philipp, der in einer Nebenstraße wohnt. Danke, Jane, fürs Aufstehen zur Unzeit und Anfeuern! Es folgt der Lauf durch die Stadtteile Lützel, Neuendorf und Wallersheim. Ich bin mehr als positiv überrascht von der zahlreichen Unterstützung, die uns von ungezählten Balkonen und aus vielen Fenster zuteil wird, vielen Dank! Dasselbe übrigens auch an die unglaublich große Anzahl Polizisten, die teilweise sogar die Aufgabe von Streckenposten übernehmen. In Wallersheim erwartet uns eine kurze Begegnungsstrecke, an deren Ende es um zwei, ganz wenige Meter auseinanderliegende (M und HM) Punkte geht. Keine Zeitnahme, kein Videogerät, kein Streckenposten, ja nicht einmal ein Lübecker Hütchen hat man hier aufgestellt. Da ist natürlich den Taten böser Menschen Tür und Tor geöffnet. Km 10 ist erreicht.
 

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Jetzt wird’s langweilig, das Industriegebiet fordert auf langen Geraden mentale Härte. Ok, ohne sog. Füllkilometer kommt kaum ein Marathon aus, egal wo er stattfindet. Gut, daß schon bald Wolfgang Scholz und seine Mannschaft vom Koblenzer Laufladen Meddy's einen von einem DJ gut beschallten Verpflegungspunkt betreibt. Aber irgendwann ist auch diese Länge überstanden, zudem dürfen wir uns über die endlich durchgebrochene Sonne erfreuen, auch wenn es natürlich gleich gut warm wird. An der traditionsreichen Rhein-Kaserne vorbei, die daran erinnert, daß Koblenz lange Jahre Deutschlands größte Garnisonsstadt war, kommen wir langsam wieder in die Zivilisation und erneut zur Balduinbrücke, die uns wieder über die Mosel bringt. Am Ende kommt gerade mit Tatütata der gut gelaunte Führende, der Äthiopier Solomon Amdebirhan Gebreselassie (so heißt da offensichtlich jeder Zweite), zum zweiten Mal Richtung Lützel eingebogen. Er wird die Sache mit knappem Vorsprung in 2:46 nach Hause schaukeln.
 

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Am Eingang der Straße Altengraben vermisse ich den Goldenen Stern, der einem Thai-Imbiß Platz gemacht hat. Hier stand bis in ihr achtes Lebensjahrzent hinein eine Koblenzer Institution, et Brigittche. Ihr „Kommst mit nuff?“ ist unvergessen. An der Kreuzung Altengraben-Plan-Löhrstraße steht mit den 4 Türmen (vier gegenüberliegende Hauserker) eines der schönsten Gebäudeensembles der Stadt.  Durch die Fußgängerzone  Löhrstraße, vorbei an Herz-Jesu-Kirche, Löhrrondell und Löhrcenter geht’s wieder in Richtung kurfürstliches Schloß. Die vollständig kriegszerstörte ehem. Prachtstraße Schloßstraße hat man als Fast-Fußgängerzone stark aufwerten können. Km 17 ist erreicht. Über das dem Schloß  gegenüberliegende Halbrondell Neustadt wechseln wir auf die Rizzastraße und unterqueren erneut die innerstädtische B 9. Aber nicht über die Mainzer Straße geht es zurück, sondern erfreulicherweise über die Kurfürstenstraße, in der meine Schwiegertochter Kathrin mit ihrem Gatten Daniel (meine Güte, ist der Bengel auch schon verheiratet, kaum daß er sich alleine anziehen kann) Fanblock Nr. 2 bildet. Schade, daß die früher im Markenbildchenrondell stehende Kapelle im Krieg einen Volltreffer abbekam.
 

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So befinden wir uns schon wieder in der Südstadt. Den Schenkendorfplatz mit St. Josefskirche, wo meine Ticktack-Oma (Uhr-Oma...) viele Jahre ihres Lebens verbrachte, haben wir zur Rechten. In ihrem hinteren Teil wird auf die Mainzer Straße gewechselt, jedoch bevor wir wieder auf den Oberwerth laufen, ist noch eine kurze Begegnungsstrecke zu deren Ende zu absolvieren. Anstelle des ehemaligen Schützenhofs steht heute ein kleines Lokal, an dem wir wenden und über ein kurzes Stück Mainzer Straße kehren wir über den Oberwerth zur CONLOG-Arena zurück. Eingangs der kurzen Zielgeraden stehen Tobi und Sebi, bereits als HM-Finisher (1:54 Std.) medaillendekoriert, Harald ist mit rund neun Minuten mehr (PB) ebenfalls schon im Ziel. Lutz aus unserem Nachbardorf Niederbreitbach hat die Ak 45 in glatten 1:26 Std. für sich entschieden, großer Respekt! Dann heißt es: Nach rechts zum Ziel, und da ich noch eine Runde dranhängen möchte, für mich, 2:13 Std. nach dem Start: ab nach links.
 

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Halbzeitanalyse

Ihr braucht heute Geduld mir mir, ich weiß. Seht es mir bitte nach, ich liebe meine Heimatstadt und könnte Euch problemlos doppelt so viel erzählen, ohne mich zu wiederholen, aber dazu wird es ja wohl in den nächsten Jahren noch Gelegenheit geben. Wie erwartet habe ich als Ortskundiger einige Zeit beim Fotografieren liegengelassen, aber das habe ich ja vorher schon gewußt. Wie gefällt die Strecke nun einem, der behauptet, sich auszukennen? Nicht schlecht, das sei direkt und auch ehrlich gemeint gesagt, aber selbstverständlich habe ich so meine eigene Idealvorstellung. Natürlich bin ich bei den Planungen nicht dabeigewesen und kann daher die Überlegungen, das Abwägen der vielen Für und Wider, nur erahnen. Trotzdem erlaube ich mir auf einige Abschnitte hinzuweisen, die ich gerne gesehen und Besuchern gezeigt hätte: Ich vermisse die Rheinaue/Kaiserin-Augusta-Anlage (ersatzweise für die Mainzer Straße), demzufolge das Weindorf, die attraktive Rückseite des Schlosses (die Vorderseite sieht man ja auf dem Rückweg) mit Josef-Görres-Denkmal, das Konrad-Adenauer-Ufer mit den Verwaltungs-Prachtbauten und dem Rheinkran (das Kopfsteinpflaster muß man eben aushalten), die Basilika St. Kastor (in der die fränkische Reichsteilung 842 in Westfrankenreich, Lotharingien und Ostfrankenreich, letztlich der Urformen von Frankreich und Deutschland, verhandelt wurde) und natürlich die zentrale Altstadt mit dem wenigen im letzten Krieg Verbliebenen wie Florinspfaffengasse, Mehlgasse, Liebfrauenkirche, Plan (Platz) Gemüsegasse, Münzstraße und Münzplatz. Ja, natürlich sind mir die teils schwierigen Untergründe und Umstände bewußt und an der Streckenführung müßte man auch weiter feilen, aber grundsätzlich machbar wäre es. Meint der Kowelenzer Jung.

Ring frei zur zweiten Runde!
 

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Eingangs der zweiten Runde kommen mir noch viele HM-Läufer entgegen, die es nicht mehr allzu weit zum erlösenden Ziel haben. Eigentlich wollte ich die Kamera ja nicht mehr gezückt haben, aber das eine oder andere Motiv zwingt geradezu, den Auslöser zu betätigen. Auch sieht so manches im Sonnenlicht natürlich deutlich netter als im Dunst aus, dafür fehlen die Läufer im Bild. Naturgemäß wird es bald sehr viel ruhiger, denn letztlich werden es mit 191 nicht mal 200 Leute ins Marathonziel schaffen. Die Rhein-Mosel-Halle kurz vor der Unterführung der B 9 fange ich noch ein, dann geht es wieder durch die Altstadt, vorbei an Vater Rhein und Mutter Mosel, über die Balduinbrücke nach Lützel, Neuendorf und Wallersheim, wo immer noch erstaunlich viele Leute aus Fenstern und von Balkonen und auch vor den Häusern Beifall zollen. Was auffällt ist, daß sich nicht wenige Streckenposten langweilen und mit anderen unterhalten, was dazu führt, daß einige Mitstreiter kurzfristig orientierungslos sind. Das Industriegebiet ist natürlich noch öder als vorher, aber dann ist der Rückweg irgendwann doch geschafft und der inzwischen recht einsame Moderator begrüßt mich nach 4:23 Std. im Ziel. Der Tacho zeigt gute 500 m mehr an, aber das ist meinen kleinen Ausflügen abseits der Strecke geschuldet.

Die Zielverpflegung ist gut und reichlich und mit Kathrin und Daniel klöne ich noch lange, auf den Stufen zur Sporthalle in der warmen Sonne sitzend. Hier erst betrachte ich die Medaille näher, die erfreulicherweise ein sehr typisches Koblenzer Motiv, nämlich den Schängel, zeigt. Einmal noch müßt den Fremdenführer in mir ertragen, aber die meisten von Euch werden die Geschichte nicht kennen. Wer allerdings jemals eine Stadtführung mit dem legendären Manni Gniffke gemacht hat, kann jetzt weghören. Also: Nach der Eroberung durch französische Revolutionstruppen 1794 wurde vieles deutlich anders, eines jedoch blieb gleich, nämlich gewisse körperliche Bedürfnisse. Und da die Koblenzer Damenwelt offensichtlich nicht durchgehend abgeneigt war, kam es zu zahlreichen schicksalhaften Begegnungen beider Geschlechter. Da der Franzose als solcher häufig Jean hieß, der Kowelenzer das aber nicht aussprechen konnte, war das halt der Schang. Und das Ergebnis der deutsch/französischen Koproduktion eben der kleine Schang, also der Schängel. Und der wurde zum Inbegriff des Koblenzer Lausbuben. Ein Denkmal hat man ihm im Innenhof des alten Rathauses mit dem Schängelbrunnen gesetzt, wo er alle paar Minuten die Besucher naßspritzt. Ich komme zur abschließenden

Bewertung

Bei der Streckenauswahl steckt man als Veranstalter in der Zwickmühle und muß sich entscheiden: Tendenziell bedeutet der Hang zu schnellen Zeiten die Erfordernis langer Geraden. Stellt man das Sightseeing in den Vordergrund, kann man keine Rekorde erwarten. Da man in Koblenz sicherlich nichts zu verschenken hat und sich die Höhe der Preisgelder in engen Grenzen hält, kann das Motto nur lauten: Punkten mit einer Strecke, die begeistert. Wie läuft das anderswo, z.B. in Regensburg, einer einwohnermäßig und aus meiner Sicht ähnlich bedeutenden Stadt? „Laufen im Weltkulturerbe“, so heißt dort das Motto nicht nur in der Ausschreibung, sondern das ist es real und wirklich. Ich zitiere den Kollegen Toni Lautner: „Der Kurs führt kreuz und quer durch die historische Altstadt, die seit 2006 … auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht. Eine Schleife führt weiter in den Osten Regensburgs mit einem speziellen Zuckerl. Ein schönes Sammelsurium auf der Piste findest du da. Von Musik aus allen Richtungen, vielen Zuschauern und Remmidemmi in der Altstadt bis hin durch eher ruhigere Teilen an der Straubinger Straße und im Businesspark sowie einem Spektakel auf einem Asphaltring. Die richtige Mischung macht's aus“.

Wie ist es demgegenüber in Koblenz? In meiner Halbzeitanalyse habe ich mich dazu ausgelassen. Wenn man also keinen Kurs für schnelle Hirsche abstecken kann bzw. muß, sollte man möglichst viel von seiner Schokoladenseite zeigen, damit die Leute als Touristen wiederkommen und Geld in der Stadt lassen. Und da gehört der Lauf durch die Rheinanlagen und zentrale Bereiche der Altstadt unbedingt dazu, auch wenn die Streckenführung dadurch aufwendiger wird. Das ist umso wichtiger, als meine Geburtsstadt im Krieg sehr schwer gelitten hat, dazu kommen aus heutiger Sicht gravierende Fehlentscheidungen beim Wiederaufbau und noch später. Umgekehrt könnte man sich die Sperrung der Kurfürstenstraße sparen und die Mainzer Straße halb offen lassen. Hop oder top, das ist halt die Gretchenfrage. Warum nicht auf Längen verzichten und sich – wie z.B. in Mönchengladbach oder Bremerhaven – auf eine 10,55 km-Runde beschränken? Das hätte zudem den Charme, daß die „Zehner“ auf dem Originalkurs unterwegs wären. Und man könnte, quasi in einem Aufwasch, vier parallele Wettbewerbe ohne zusätzlichen Aufwand anbieten: Viertelmarathon (hört sich sowieso besser an als Zehner), Halbmarathon, Dreiviertelmarathon und Marathon. Gerade der Dreiviertelmarathon würde dem Bedürfnis zahlreicher Läufer entsprechen, die so einen betreuten „Langen“ in Begleitung und mit Urkunde absolvieren könnten.

Wie auch immer: Ich freue mich, daß mein Koblenz wieder im Marathonzirkus mitmischt und bin hier und heute sehr gerne und grundsätzlich zufrieden dabeigewesen. Wenn Stadt und Veranstalter weiter so engagiert dabei sind, sich mit dem LVR gütlich einigen und noch die eine oder andere Idee aufgreifen und umsetzen, hat der Lauf die Chance, sich einen festen Platz im Marathonjahr zu erobern. Ich bin gerne weiter mit von der Partie.

Diesen Bricht gibt es gekürzt mit sehr vielen Fotos auch auf Marathon4you.de!


Streckenbeschreibung:
Flache, zweimal zu laufende 21,1 km-Runde. Zielzeit 6 Stunden. Zugläufer für 3:45, 4:00 und 4:30 Std.

Startgebühr:
42 bis 70 €, je nach Anmeldezeitpunkt.
 
Weitere Veranstaltungen:
Halbmarathon, 10 km, 5 km. Der Minimarathon für Schüler am Vortag mußte wegen einer Bombenentschärfung abgesagt werden.

Streckenversorgung:
Neunmal an der Strecke und im Ziel mit Wasser, Iso-Fit, alkoholfreies Bier, Bananen, Äpfel, Salzgebäck, Müsli- und Schokoriegel, Studentenfutter, Laugengebäck, etc.
 
Auszeichnung:
Für alle Medaille, Urkunde und Ergebnisheft zum Herunterladen, kein Shirt (17,50 € bei Vorbestellung). Für die ersten je drei Männer und Frauen (M und HM) Geldpreise, für die beiden schnellsten Koblenzer m/w Sachprämien.

Leistungen/Logistik:
Kleiderbeutel mit Produktproben, Ermäßigungsgutschein für zwei Personen für die Seilbahn Koblenz (Deutsches Eck zur Festung Ehrenbreitsein) und die interaktive Erlebnisausstellung Romanticum (Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal). Alles an und in der CONLOG-Arena: Umkleiden, Duschen, kostenloser Massageservice.

Zuschauer:
Für eine Erstveranstaltung sehr ordentlich.
 

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Letzte Änderung am Montag, 4. Dezember 2017