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1. Schängelland-Ultramarathon am 27.02.2022
 

Koblenz für Genießer

Auf so manchem gemeinsamen Lauf haben wir die Köpfe zusammengesteckt,wir beiden Koblenzer. Ich als zwar in den rheinischen Westerwald „ausgewanderter“, aber meiner Geburtsstadt immer noch emotional stark Verbundener, Benni als „aktiver“ Schängel. „Ich müßte auch mal selber etwas anbieten“, hatte ich ihn noch im Ohr. Und da, kaum sind einige Jahre vergangen, kommt er schon aus dem Quark. Ein Fünfziger durch zahlreiche Stadtteile rund um Koblenz, der etliche Sehenswürdigkeiten und tolle Aussichten bietet, das ist sein Angebot als Probeveranstaltung an zunächst einmal vierzig Handverlesene. Noch packe ich das altersmäßig, daher ist es überhaupt keine Frage, dabei zu sein.

Mit Markus, der extra aus Bad Driburg angereist ist, Tobi aus dem Lauftreff und Katja, die selber Läufe anbietet, finden wir uns am halb neun am Gülser Sportplatz ein. Gegen den Nachweis der dreifachen Impfung plus aktuellem Testergebnis gibt’s sofort von Bennis Frau die Startnummer. Der nachnamensbedingte erste Platz auf der Starterliste ist gleichbedeutend mit der Startnummer 1, die Aufmerksamkeit garantiert, aber auch Verpflichtung zum Durchhalten ist. Nach der Begrüßung bei Kaiserwetter geht’s auch um 9 Uhr direkt los.

Zunächst durch ein Gülser Neubaugebiet und den Ortskern dürfen wir hinauf auf den Heyerberg. Erste Steigung, gehend Kraft sparen, gleich eine schöne Aussicht. Überm Dorf grüßt am Horizont zum ersten Mal der Fernsehturm auf dem Kühkopf.

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Durch einen Wingert kommen wir auf die Höhe, noch ist der Boden von der Nacht gefroren. Schon sind wir an der Metternicher Eul, einem preußischen Kriegerdenkmal auf dem Kimmelberg. Eine phantastische Rundumsicht belohnt den Aufstieg. Steil bergab erreichen wir die Mosel, einen der beiden Koblenz prägenden Flüssen. Apud Confluentes (Bei den Zusammenfließenden), nämlich Mosella und Rhenus Fluvius, so nannten die Römer ihre Siedlung, Kowwelenz nennen wir Einheimischen die gute 100.000-Einwohner zählende Stadt heute.

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Auf dem Moselradweg, vorbei an der Pionierkaserne, nehmen wir Kurs auf die Stadt und unterqueren mit der Europabrücke und der über sie verlaufenden B9 die deutschlandweit angeblich verkehrsreichste Bundesstraße. Hinauf geht es zur Feste Franz, einem vernachlässigten Teil der ehemaligen Großfestung Koblenz, von der die Festung Ehrenbreitstein der wohl bekannteste erhaltene Teil sein sein dürfte. Wunderbar sind die zahlreichen blauen Kroketten als frühe Frühlingsboten anzusehen und passen hervorragend zum stahlblauen Himmel. Wieder abwärts ist Wallersheim das nächste Zwischenziel, kurze Zeit später blitzt am Wegende zum ersten Mal Wasserblau auf. Wir haben den Rhein erreicht, den deutschesten aller deutschen Flüsse. Herrlich ist der Weg an ihm entlang, zur Rechten präsentiert sich Neuendorf mit tollen alten Fassaden und neuem Hochwasserschutz.

Linkerhand ist bereits die Festung Ehrenbreitstein zu sehen samt Bergstation der Seilbahn, die anläßlich der Bundesgartenschau 2011 installiert wurde und eine sensationelle Bereicherung der Stadt darstellt, verbindet sie doch Festung und Innenstadt auf kürzestem Wege. Voraus sehen wir das Deutsche Eck mit dem Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I, erneuert nach der sinnlosen Zerstörung durch die Amis 1945 vom Verleger der Rhein-Zeitung. Was haben zahlreiche Spinner seinerzeit einen Aufstand ob der Wiedererrichtung veranstaltet! Es mutet wie ein Wunder an, daß er tatsächlich wieder hoch zu Roß über der Rhein-/Moselmündung thront. Wahrscheinlich ist es die Touristenattraktion schlechthin geworden. Wir „biegen“ zur Mosel ab, über dieselbige grüßt die Altstadt-Skyline mit ihren Kirchen und der Alten Burg. Aus heutiger Sicht optische Verbrechen stellen die Hochhäuser Riesenfürstenhof, Stadtverwaltung und Polizeidirektion dar.
 

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Kurz hinter dem Lützeler Hafen steht nach 15 km der erste von zwei Verpflegungspunkten. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Schöne Lützeler Hausfassaden strahlen in der Sonne, über eine runde Rampe schrauben wir uns in die Höhe und sind schon gleich auf der Balduinbrücke, dem ältesten erhaltenen Moselübergang. Noch auf der Lützeler Seite glänzt das gut gemachte Frauenbildnis dort, wo jahrzehntelang ein Umzugsunternehmen beworben wurde: „Willst Du Deine Möbel schonen, ziehe aus und ein mit Bohnen!“ Im gleißenden Sonnenlicht überqueren wir die Brücke, vorbei am Brücken“heiligen“, dem ehem. Trierer Kurfürsten Balduin. Auf der Koblenzer Seite sehen wir zunächst die Alte Burg, auf deren Errichtung der damalige Kurfürst im Gegenzug zu seiner Genehmigung der Vergrößerung der Stadtmauer bestand. Er befürchtete wohl nicht zu Unrecht, daß ihn die Schängel im Zweifelsfall draußen hätten stehen lassen.

Warum eigentlich Schängel? Ende des 18. Jahrhunderts versetzte Napoleon mit seiner Eroberung der Stadt dem Trierer Kurfürstentum den Todesstoß. Die zwanzigjährige Besatzungszeit brachte viele Franzmänner in die Stadt, nicht wenige hießen Jean. Was der gemeine Kowwelenzer natürlich nicht aussprechen konnte, für ihn war das schlicht Schang. Und wenn solch ein Schang ein einheimisches Mädchen beglückt hatte und auch erfolgreich war, gab's einen kleinen Schang, also einen Schängel. Hinter der Balduinbrücke auf dem Weg zum Moselufer Richtung Deutsches Eck eine weitere Attraktion, wo sich bestimmte Bevölkerungsgruppen durch kluges Zurücklegen einiges zurücklegen. Nicht kapiert? Ich spreche vom Koblenzer Puff. Eine Unterführung entlang des Irish Pubs bringt uns in die zentrale Altstadt, denn Koblenz ist ursprünglich eine reine Moselstadt gewesen.
 

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Über den Florinsmarkt mit selbiger, heute evangelischer Kirche (ich bin mir immer noch nicht sicher, was für uns katholische Rheinländer die größere Katastrophe war: Die gottlosen Franzosen oder die evangelischen Preußen), grinst der Augenroller am Kauf- und Danzhaus, heute Mittelrhein-Museum. Der seinerzeit frisch Geköpfte soll nämlich seinem Schlächter noch die Zunge herausgestreckt und mit den Augen gerollt haben. Das tut er jetzt stündlich an der Fassade unterhalb der Uhr. Über das Peter-Altmeier-Ufer – er war der erste Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und der bis heute am längsten ununterbrochen amtierende Länderchef der Bundesrepublik – sind wir endlich unmittelbar beim alten Willi I. Alleine sein Szepter mißt 2,70 m! Und seinen Allerwertesten hält er nicht zufällig in Richtung Frankreich. Weiter am Rheinufer passieren wir die Reste der Deutschordensgebäude, Stadtmauer und die Basilika St. Kastor. Im Juni 860 trafen sich hier die karolingischen Herrscher der drei Teilreiche zur Beilegung ihrer Streitigkeiten und handelten den Frieden von Koblenz aus.

Wir passieren die Talstation der Seilbahn, das ehem. Grandhotel Koblenzer Hof, lange Jahre Zentrale des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung, sowie das ehem. Regierungsgebäude der preußischen Rheinprovinz, von außen und innen ein Träumchen. Gegenüber steht der alte, heute als Pegelhaus bezeichnete Rheinkran. Am heutigen Oberlandesgericht vorbei biegen wir in die Stadt ein und erhaschen ein schönen Blick auf den Obelisken, den Trierer Hof, das Stadttheater und das Stammhaus Deinhardt (Sekt). Linkerhand liegt dann das im zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtschloß des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus, das äußerlich wiedererrichtet wurde, die Zirkularbauten allerdings, anders als die beiden Originale, zweistöckig. Ach, ich muß mich bremsen, es gäbe so viel zu erzählen!
 

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Über die Pfaffendorfer Rheinbrücke erreichen wir das gegenüberliegende Rheinufer. Über einen kleinen Hafen mit Hausbooten kommen wir in den heutigen Stadtteil Ehrenbreitstein. Der wurde in den letzten Jahren fein herausgeputzt und die Durchgangsstraße verlegt. Leider sehen wir davon nichts, denn es geht über die Straße hoch in Richtung Festung. Die von Benni angedrohte Bergstraße macht ihrem Namen alle Ehre, mit schweren Schritten stapfen wir nach oben. Auf dem Festungsvorgelände angekommen beeindruckt die zur BuGa errichtete Aussichtsplattform, die einen grandiose Aussicht über die Stadt sowie die aufsteigenden Mittelgebirge Hunsrück und Eifel ermöglicht. Die Festung selber erleben wir nicht und lassen sie auf dem Weg zur Fritsch-Kaserne – hier war ich von 1988 bis 1991 Chef einer Panzerkompanie Leopard 2 – hinter uns. Nach dem Höhenstadtteil Niederberg ist Halbzeit, 25 km sind geschafft. Wir nicht, haben Hunger auf mehr.

Das Landschaftsbild wechselt vom Städtischen ins Ländliche. Über Feldwege genießen wir einen traumhaften Wurzeltrail wie bei uns zuhause: Steil, knorrige, krüppelige Eichen, wunderbar ist der Abstieg ins Mühlental. Wir erreichen die Arzheimer Napoleonshöhe. Die ist beileibe nicht der erste Punkt, an dem ich noch nie war, geschweige denn je davon gehört habe. Auch für mich ist das heute eine Fortbildung in Koblenzer Stadtgeschichte. VP 2 bei km30, wieder das volle Programm. Der Stautsweg bringt uns über die B 49, die u.a. vom Hunsrück in Richtung Montabaur (Mons Tabor, der Tafelberg) und umgekehrt führt. Zarte Erinnerungen an meine Soldatenzeit kommen hoch, als uns der Weg über den Standortübungsplatz Schmittenhöhe führt. Die Standortschießanlage für Handwaffen erkenne ich, die alte Panzerwaschanlage ebenso. Auf einem feinen Waldweg und später durchs Bienhorntal, in dem wir die Hochbrücke der B 49 unterqueren, erreichen wir, lange bergab laufend, in Pfaffendorf schließlich wieder Stadtgebiet. Ein Stück parallel der rechtsrheinischen Eisenbahnlinie hat uns bald der Rhein wieder. An ihm laufen wir unter der Eisenbahn- und der Südbrücke hindurch, eine Rampe hinauf und auf der Eisenbahnbrücke über den Rhein auf die Hunsrücker Seite. Drei der vier versprochenen Brücken sind damit abgearbeitet.
 

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Über den meist recht mondänen Stadtteil Oberwerth, eine ehemalige Rheininsel (ja, es gibt auch ein Niederwerth) erreichen wir die hochattraktiven Rheinanlagen, die sich letztlich bis zum Deutschen Eck ziehen. Ziehen tun sich natürlich auch die letzten zwanzig km, vor allem auch deshalb, weil keinen dritten VP gibt. Haha, fürs normale Fußvolk vielleicht nicht, aber Vater hat die Familie seines Sohnes, die hier ganz in der Nähe wohnt, für einen privaten VP gewinnen können. Enkeltochter, Schwiegertochter und Sohn sehen uns schon von weitem kommen und winken dienstbeflissen mit gefüllten Bechern. Nein, Ihr Lieben, auf ein paar Minuten kommt es nun wirklich nicht an, daher genießen wir die gemeinsame Zeit. Nach einem Gruppenfoto von uns vier Läufern vor dem Kaiserin-Augusta-Denkmal, der Gattin Willis I (der am Deutschen Eck), steht der letzte lange Aufstieg, diesmal zu „meiner“ Karthause, an, denn ich bin ein Karthäuser Jung aus der Görtzstraße.

Nur schwer können wir uns wieder loseisen, aber die finalen 10 km wollen noch absolviert werden. Durch die im Krieg weitestgehend unzerstört gebliebene Südstadt führt der weitere Weg, vorbei an der Kirche St. Josef und kurze Zeit darauf an der damaligen Wohnung meiner „Tick-tack-Oma“ (Uhr-Oma) in der Schenkendorfstraße. Unter der Bahnunterführung hindurch gelangen wir auf die parallel zur B9 verlaufenden Römerstraße, deren erhaltene, hübsche Häuserzeile seit einigen Jahren durch einen Schallschutz deutlich gewonnen hat. O je, jetzt geht’s den Hasenpfad, eine lange, steile Treppe hinauf. Hier mußte meine arme Mutter ihren drei Jahre älteren Bruder mit teils rabiaten Mitteln verteidigen, der sich gegen „Kunibert, der edle Ritter, hat den Arsch voll Fenstersplitter“ nicht nachhaltig zur Wehr setzen konnte. Bald aber geht’s nach links ab auf einen netten Spazierweg, der uns auf die Höhe bringt. Wohl dem, der sich hier umgeschaut hat, denn ein geiler Blick auf die Südstadt, den Oberwerth und vor allem die Rheinlache (Totarm) belohnt den Aufstieg.
 

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Der Philosophenweg bringt uns zur Uni, wo mein Vater auf seinen Elektriker noch den Elektro-Ingenieur draufgesattelt hat. Übers kleine Einkaufszentrum gelangen wir auf das ehemalige Flugfeld, das, heute vollständig bebaut, mal das war, was heute auf der Winninger Höhe betrieben wird. Natürlich war es ursprünglich mal ein Militärflughafen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie ich als kleiner Panz fasziniert den Fliegern überm großelterlichen Haus in der Görtzstraße zugesehen habe. Ja, alles hat irgendwann einmal ein Ende, und das kündigt sich an, als wir vom Panoramaweg selbiges bewundern: Güls mit seiner Brücke liegen uns zu Füßen. Zu der eiern wir zu meiner Freude (die Straße Hohl bleibt uns erspart) zwischen Schrebergärten partiell sehr steil bergab.
 

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Schon sind wir auf der und über die Brücke, eine Bahn kommt uns fotogen entgegen. Die Brücke unterquerend nehmen wir den Moselradweg in Richtung Winningen, wo meine Tante viele Jahre wohnte. Ein Traumort, zumindest das alte Dorf mit seinen Weinbergen und dem Flughafen. Nur halt evangelisch, willse maache. Am Stammsitz der Gülser Seepfadfinder gibt’s nochmal etwas zum Nachdenken und auch jetzt noch zu betrauern: Zwei von ihnen verloren ihr Leben bei einem Unglück auf dem Zeltplatz in Westernohe, das Seil war beim Tauziehen zerrissen. Letzte Meter durchs Gülser Neubaugebiet, meine Uhr zeigt am Sportplatz 49 km, der Lauf ist trotzdem beendet. Benni will natürlich sofort eine Erstbewertung, die er selbstverständlich auch erhält. An dieser Stelle kommt die gleichlautende Zweitbewertung: Geil war's!!! Das optimale Wetter hat dazu logischerweise mehr als unmaßgeblich beigetragen. Lieber Benni, die Veranstaltung schreit nach Wiederholung!
 

Letzte Änderung am Montag, 28. März 2022