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19. Reschenseelauf am 14.07.2018


Endstation See(h)nsucht

Unsere tolle Urlaubswoche in Südtirol neigt sich leider unwiderruflich dem Ende zu. Der Brixen-Dolomiten-Marathon war anfangs schon der Hammer, die vielfältigen Aktivitäten inkl. der Umrundung der legendären Drei Zinnen traumhaft. Wer jedoch glaubt, das sei es gewesen, irrt, denn der Herr Bernath hat noch ein As im Ärmel.

Schon immer hatte er mir in der Nase gelegen, denn bekanntermaßen liebe ich das Laufen am Wasser genauso wie das in den Bergen. Doch standen die 700 km Anfahrt bisher zwischen mir und dem Lauf um den Reschensee, denn eine Marathonlänge bietet er nicht im Ansatz. Dank strategischer Planung und erfolgreicher Bearbeitung der Gattin führt uns eine Querverschiebung in Südtirol von Ost nach West quasi auf dem Nachhauseweg endlich an den Ort meiner langgehegten See(h)nsucht.

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Im Drei-Länder-Eck mit der Schweiz und Österreich liegt er also, der Reschensee. Eingebettet in eine Berglandschaft wie aus dem Bilderbuch wird man uns 15,3 km einmal um ihn herumführen. Und die werden es in sich haben. Nicht umsonst ist die  Veranstaltung einer von drei (!) Unterdistanzläufen, die bei M4Y gelistet sind. Friedlich liegt er da, der See, die Sonne scheint, Heerscharen gutgelaunter Menschen freuen sich auf sportliche Aktivitäten oder zumindest aufs Anfeuern und bewundern den Kirchturm, der da aus dem See schaut. Doch das, was heute für den Betrachter wirklich etwas fürs Auge ist, war für die Bewohner des gastgebenden Ortes einmal furchtbar gewesen. Das Grau'n für Graun, sozusagen.
Die ganze traurige Geschichte, höchst interessant, ist vielerorts umfangreich zum Nachlesen verfügbar, daher hier nur das Nötigste, das uns die Vinschgauer im Internet wissen lassen: Das romanische Kirchlein aus dem 14. Jahrhundert ist stummer Zeitzeuge einer verantwortungslosen See-Stauung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Seit 1922 wütete in Italien und somit auch in Südtirol der Faschismus. Im Jahre 1939 reichte der Großkonzern "Montecatini" ein Projekt ein, den Reschen- und Graunersee um 22 Meter zu stauen. Die Bevölkerung von Reschen und Graun wurde dabei völlig übergangen. Der ausgebrochene zweite Weltkrieg verzögerte dann allerdings das bereits angefangene Bauvorhaben. Die Bewohner des Oberen Vinschgaues glaubten damit, dieses Schreckgespenst für immer los zu sein. Doch zur Bestürzung der betroffenen Einwohner wurde 1947, nur zwei Jahre nach Kriegsende, von Seiten der Montecatini bekannt gegeben, dass die Arbeiten am Stauprojekt unverzüglich wieder aufgenommen werden.

1950 im Sommer war es soweit. Die Schleusen wurden geschlossen und der Reschensee gestaut. 677 Hektar Grund und Boden wurden überflutet, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt, und die Hälfte davon zur Auswanderung gezwungen. Die Entschädigungen waren sehr bescheiden. Die Bewohner von Graun hatte man dann notdürftig in ein Barackenlager am Ausgang des Langtauferertales, das man eiligst aufgestellt hatte, untergebracht. Durch das faschistische Stauprojekt verloren hunderte Familien aus Graun und Reschen ihre Existenz.
Daß der Turm (im Gegensatz zum Kirchenschiff) schon damals unter Denkmalschutz stand, hat ihn überleben und zum stummen Ankläger und Mahnmal für zu Unrecht angerichtetes Leid werden lassen. Heute ist er Wahrzeichen nicht nur der Gemeinde Graun insgesamt, sondern natürlich auch des Laufs, und ein Publikumsmagnet. Wie man auch an den Zahlen erkennen kann: Gute 2.000 Voranmelder im Haupt- und knapp 800 im Just-For-Fun-Lauf (wodurch sich der vom Hauptlauf unterscheidet, außer daß man kein Gesundheitszeugnis benötigt und keine Plazierung erfolgt, weiß ich nicht) haben neben zahlreichen Kindern gemeldet, sodaß der Lauf mit rund dreieinhalbtausend Läufern vermutlich der teilnehmerstärkste in Südtirol sein dürfte.
 

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Ein großes Veranstaltungsgelände und ein noch größerer Parkplatz, auf dem man auch im Wohnmobil übernachten kann, zwischen See und Ortschaft erwarten uns und machen die Dimensionen klar. Ein großes Festzelt und viele kleinere Zelte sowohl als Läufermesse als auch zu Verpflegungszwecken lassen weder Langeweile noch Hungergefühle aufkommen. Ungezählte Helfer sind überall anzutreffen, daß man den Eindruck hat, das komplette Dorf mit seinen knapp 350 Einwohnern wäre in den Lauf involviert, was vermutlich auch so stimmt.

Viel zu früh sind wir eingetroffen, empfangen unsere Startunterlagen nebst gut gefüllter Startertüte höchstpersönlich von der Gattin des OK-Chefs, Gerald Burger, und schauen uns im Vorfeld von einem schattigen Plätzchen u.a. die diversen Kinderläufe an. Die Kleinsten bleiben 150 m auf dem Veranstaltungsgelände, die Größeren drehen bis zu zwei Runden 2.200 m um das Mahnmal. Der See hat nämlich deutlich Niedrigwasser, daher steht der Kirchturm nur mehr in einer besseren Pfütze und ist vom Rest des Sees durch eine Landbrücke getrennt, über die heute gelaufen werden kann.
 

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Auch wir dürfen bald darauf los, allerdings erst nachdem einige Handbiker in einem separaten Rennen auf und davon sind. Fünf Startgruppen gibt es, in die sich die Teilnehmer anhand einer Selbsteinschätzung einsortieren sollen. Der dritte Block ist für eine Zielzeit zwischen 1:10 und 1:20 Stunden vorgesehen. Ausgeruht sollten 1:15 kein Thema sein, genau das aber bin ich nach einer Woche strammer Bewegung mit über fünftausend Höhenmetern nicht. 1:20 sollten aber passen, also stelle ich mich dort ganz hinten an. Eine taktische Meisterleistung, allerdings im negativen Sinne. Nachdem die Stars, u.a. mit Hermann Achmüller, und auch der zweite Block losgezogen sind, machen  wir uns, verabschiedet von einer Samba-Gruppe, um 17:10 Uhr im Uhrzeigersinn aus dem Staub. Oder besser gesagt in den Staub. Denn der pupstrockene Untergrund (zunächst Schotter, später 80% Asphalt) bietet das Bild einer stürmenden Gnuherde in der afrikanischen Savanne. Hüstelhüstel.
 

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Sehr schnell zeigt sich auch mein Anfängerfehler, der nur der realistischen Selbsteinschätzung geschuldet ist: Fast drei km lang sammele ich jede Menge Läufer ein, die definitiv nicht nach vorne gehören, teilweise sogar Walker, für die ganz klar der letzte Startblock vorgesehen ist. Auch verjüngt sich der Weg an der ersten kleinen Brücke und verursacht einen veritablen Stau. Natürlich liegt mein km-Schnitt zunächst deutlich über den Sechsermarke. Merke: Meinst Du, hier etwas reißen zu sollen, stelle Dich in Deinem Block ganz vorne hin, sonst wirst Du ausgebremst.

Zunächst versuche ich, den Weg vermeidend, mit einigen Artgenossen Land zu gewinnen, was mir leidlich gelingt. Wunderschön anzuschauen ist der bunte Läuferlindwurm, der sich vor mir langschlängelt. Ich überhole Renate, die in großen Ehren altgediente Ex-Ultraläuferin, die auf dem zweiten km schon am Gehen ist. Ich befürchte das Schlimmste und beschließe spontan, die sympathische Offenburgerin gar nicht erst zu erwähnen und das Foto zu löschen. Wie froh werde ich nachher sein, als ich sie später zwar am Ende des Feldes, aber doch das Ziel sicher erreichend wiedersehe. Jetzt laufen wir auf dem Spazier- bzw. Radweg parallel der Landstraße zur Linken, den See zur Rechten durch einige Einhausungen, die der Strecke ein ganz eigenes Flair geben. Überholen ist hier gleichermaßen zweck- wie sinnlos, daher gilt meine ganze Aufmerksamkeit der traumhaften Landschaft.
 

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Ein kleines Wäldchen bietet willkommenen Schatten, als wir uns der 1947 aufgeschütteten Staumauer nähern. Sie war für die damalige Zeit ein Unikat: Anstatt der ihrerzeit üblichen Betonbefestigung wurde ein Wall aus festgewalzter Erde errichtet. Die Anlage wurde von rund 7.000 Arbeitern in fünf Millionen Arbeitstagen erbaut, 1950 in Betrieb genommen und ermöglichte durch die Aufstauung des Reschen- und Mittersees die Entstehung des heute 6,5 km langen und 1 km breiten Stausees. In der auf die Mauer führenden Kurve stehen jede Menge Fans und verbreiten gute Laune, genauso wie die vielen Helfer an der ersten von mehreren (!) Verpflegungsstellen.
 

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Hinter dem Ende der Staumauer stehen einige Bauwerke, die wie überdimensionale Salatschüsseln aussehen, deren Funktion sich mir aber leider nicht erschließt. Gut zu überschauen ist der über 176 km² große See, der ein Jahresspeicher ist und seinen höchsten Wasserstand im Herbst erreicht. Im Winter wird das Wasser langsam abgelassen, lerne ich, sodaß im Frühjahr das Becken fast leer ist. Erst im April werden die Schleusen wieder geschlossen und der See mit dem Schmelzwasser der zufließenden Bäche langsam angefüllt. Das Wasser dient natürlich der Energiegewinnung, das ist der Grund, weshalb man den See anlegte. Kaum auf der Graun gegenüberliegenden Seite angekommen, beginnen die angedrohten 90 Höhenmeter in Form mehrerer sanfter Wellen. Natürlich können die mich nach dem Brixen-Dolomiten-Marathon mit seinen +2.450/-600 Höhenmetern nicht aus der Ruhe bringen, aber selbst die kleinen Steigungen sind deutlich zu spüren. Der eine oder andere legt sicherheitshalber direkt den Schongang ein.
 

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Klasse ist der Blick auf die andere Seite mit ihren Bergen, der Straße und natürlich dem See. Alles strahlt friedlich in der Sonne und läßt das Herz auch des Langstrecklers höher schlagen. „Der Reschenseelauf ist zwar kein Marathon und auch kein Trailrun. Aber es ist ein Lauf, der Lust macht auf mehr“, so charakterisiert ihn der Chef zutreffend. „Nämlich auf mehr Landschaft, mehr Berge, mehr Kilometer und mehr Höhenmeter. Er ist ein Appetithappen für Straßenläufer und Zeitenjäger. Wer hier nicht Feuer fängt, wird nie ein Bergläufer oder Trailrunner.“ Und deswegen bringen wir ihn an dieser Stelle. Selbst nur eine Woche nach einem grandiosen Bergmarathon ist es schon wieder die pure Lust, hier zu laufen.
 

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Das muntere Auf und Ab setzt sich fort, wird überwiegend mit dem Einsammeln weiterer Mitläufer begleitet. Auf dem achten km schon ist die Zielmoderation vom gegenüberliegenden Ufer gut zu hören. Wer hier bereits auf dem Zahnfleisch knautscht, für den ist das wohl eine harte Prüfung. Hilft aber nichts, weiter voran. Der junge Siegburger Marc Schelling spricht mich an und wir stellen belustigt fest, daß wir erst kürzlich den Halben beim Hennefer Europalauf gemeinsam unter die Füße genommen haben. 66 Sekunden war er vor mir im Ziel, eine Frechheit. Haben keinen Respekt vor dem Alter mehr, das junge Gemüse. Wir sehen uns am 10. August beim Malberglauf wieder, Marc! An km 10 habe ich fast 58 Minuten gebraucht, die 1:20 kann ich also, wie eingangs schon erwartet, knicken. Wenn ich ganz ehrlich bin, stinkt mir das schon etwas, daher nehme ich die Beine in die Hand.
 

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Aus dem Schatten heraus kommen wir an die der Staumauer gegenüberliegende Seite und haben am Ortseingang Reschen zwei Drittel geschafft. Witzigerweise gehört dieses deutlich größere Dorf zum Verwaltungssitz Graun, ebenso wie die weiteren Fraktionen (Ortsteile) St. Valentin und Langtaufers. Auf einem Schotterweg gibt es erneut Staub zu schlucken, der aber an der Landstraße wieder passé ist. Auf den letzten knapp zwei km läßt es sich gut ausschreiten, dann sehe ich erstmals den Kirchturm von der anderen Seite und weiß, daß der Rest absehbar ist. Das ist es, was ich an diesen sog. Unterdistanzläufen liebe: Ich mache mich nicht kaputt, habe trotzdem viel Freude und das Gefühl, etwas gemacht zu haben.
 

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Ich passiere den Ortseingang Graun, werde selber noch von einigen Spielverderbern passiert und bin nach 1:22 Std. sehr zufrieden im Ziel. Im Gegenzug zur Abgabe meines Chips kann ich mir eine Umhänge- oder Gürteltasche auswählen, ich nehme letztere. Die Zielverpflegung ist für einen Lauf dieses Kalibers gigantisch. Bei nicht wenigen Marathons mußte ich mit sehr viel weniger zurechtkommen. Die Leute raffen teilweise, als gebe es kein Morgen und ich befürchte schon, daß für die hinter mir Kommenden nichts mehr da sein wird. Ich werde angenehm enttäuscht.
 

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Dann müßte eigentlich auch bald Elke eintreffen, der ich versprochen hatte, entgegenzukommen. Schneller als erwartet ist sie in Reichweite und gemeinsam nehmen wir die letzten anderthalb km des längsten Laufs ihres Lebens gemeinsam unter die Füße. So ein zweifacher Zieleinlauf hat doch auch etwas!
 

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Leider ist mit diesem tollen Erlebnis See(h)nsucht Endstation unseres Südtirol-Urlaubs, die Pflicht zuhause ruft uns wieder. Nachmachen, kann ich nur raten: Im kommenden Jahr feiern der Brixen-Dolomiten-Marathon zehnjähriges und der Reschenseelauf zwanzigjähriges Bestehen. Was sie sich in Brixen werden einfallen lassen, weiß ich noch nicht, wohl aber, was im Vinschgau abgehen wird, nämlich ein Nachtlauf! Das verspricht cool zu werden.

Der letzte Spruch des Tages, den wir aus unserem Hotel in Terenten mitgenommen haben, lautet: „Am Ende eines jeden Tages ist nur wichtig, daß ein schöner Moment dabei war.“ Der wunderbare Reschenseelauf bot heute jede Menge davon.
 


Diesen Bericht gibt es mit sehr viel mehr Fotos auch auf Marathon4you.de!



Streckenbeschreibung:
Traumhaft schöne Strecke über 15,3 km einmal um den Reschensee. 90 Höhenmeter.

Startgebühr:
35 €, bei Nachmeldung 50 €. In Italien ist die Mitgliedsbescheinigung in einem Leichtathletikverband, ersatzweise ein Gesundheitszeugnis unabdingbare Startvoraussetzung. Hast Du das nicht, kannst Du in der Wertung „Just for fun“ mitmachen.

Weitere Veranstaltungen:
Nordic Walking, Hand Bike Rennen, Kinderläufe.
 
Leistungen/Auszeichnung:
Eine Gürteltasche oder eine Schultertasche (frei wählbar), gesponserte Produkte (Produkte von Zuegg,  Äpfel von VI.P – Apfelgarten Vinschgau, Trinkjoghurt von Mila, Kekse von Loacker, Produkte von Namedsport und Naturwaren, Riegel von Dr. Schär),     kostenlose Massage, Dusch- und Umkleidemöglichkeiten, Verpflegung im Ziel und auf der Strecke, Urkunde (Download), Zeitmessung mit Real Time und Chip in der Startnummer,  SMS-Service für die Laufzeit. Medaille mit Gravur 10 €.
Logistik:
Im Start-/Zielgelände besteht die Möglichkeit in der Zeit von 15 Uhr bis 20.30 Uhr Kleidungsstücke bzw. Sportsachen im Kleiderdepot während des Rennens, der Preisverteilung oder der Pasta Party gratis abzugeben und aufzubewahren.

Verpflegung:
Reichhaltige Streckenverpflegung bei km 5, 8, 11, 13, 14 und im Zielbereich.

Zuschauer:
Unterwegs immer wieder einige Begeisterte und natürlich jede Menge im Start-/Zielbereich.
 

Letzte Änderung am Montag, 30. Juli 2018