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15. Königsschlösser Romantik Marathon am 19.07.2015
 

Nr. 100: Läuft bei mir

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Ab einem gewissen Alter genießt man die Gnade, sich nicht mehr für alles rechtfertigen zu müssen. Manchmal ist es einfach ein gutes Gefühl, älter als ein halbes Jahrhundert zu sein und immer noch voll dabei, mit leichten Abnutzungserscheinungen und ein paar Narben vielleicht, aber immer noch auf der Höhe, und wo Kraft und der Elan der Jugend fehlen, kommt man mit Tricks und Routine ins Ziel." (James Lee Burke in „Weißes Leuchten“).

Mit dem Laufen ging’s mir wie wahrscheinlich vielen Spätberufenen: Als Jugendlicher v.a. mit Turnen und Schwimmen sportlich aktiv gewesen, in der Dekade zwischen 30 und 40 wegen Familie, Beruf, Hausbau und natürlich „keine Zeit“ höchstens am Strand liegend geschwitzt, stelle ich eines Tages fest, daß es selbst mit der schon nächsten Konfektionsgröße 48 im wahrsten Sinne des Wortes sehr eng wird. Es erfolgen erste (Wiederan)Laufversuche, gefühlte Desaster zwar, trotzdem lecke ich Blut. Ein Wohnortwechsel, verbunden mit privater Neuorientierung, bringt die Aufnahme in den Lauftreff des VfL Waldbreitbach. Erste Wettkämpfe folgen, die ich erstaunlicherweise nicht als Letzter beende. Zufriedenheit, zehn lange km am Stück zurücklegen zu können, stellt sich ein, und nach ein paar Monaten passen die Klamotten sogar in 46 wieder. Tschacka!

Dann kommt die Anfrage der Laufkumpane, den Löwenburglauf zu bewältigen. 15,6 km bei 400 Höhenmetern lautet die Herausforderung. Die Anfrager erkläre ich für bekloppt, viel zu weit, viel zu hoch. Kneifen will ich dann aber doch nicht, mache mit und werde wieder nicht Letzter. Es folgt der Drachenlauf mit 26 km und 1.000 Höhenmetern. „Ihr seid verrückt!“, höre ich mich noch verzagt jammern, das Ende ist jedoch wie gehabt. Zum damaligen Siebengebirgscup gehörte zu allem Überfluß auch ein Lauf über 42,195 km, gespickt mit 780 Höhenmetern. Wahrscheinlich so fit wie noch nie in meinem Leben wage ich es, mich mit randvoller Hose in Aegidienberg zum Siebengebirgsmarathon anzumelden. Einmal im Leben einen Marathon zu laufen, das wäre es doch! Und komme in respektablen 4:04 Std. rein, um mich, unerfahren und blöd wie ich bin, über die nicht geknackten 4 Std. zu ärgern. Das hätte es bei einem vernunftbegabten Menschen mit dem langen Laufen doch eigentlich gewesen sein können.

Aber ich lasse es nicht sein, da alle anderen auch weitermachen. Beginnende Demenz führt zu einer zweiten Marathonanmeldung und Mainz wird in 3:38 Std. gerockt. Unregelmäßig erfolgen im Rahmen des zuhause Sozialverträglichen weitere Läufe, teils traumhafte Abenteuer werden bestanden, an die ich mich gerne erinnere, z. B. an Palermo (erstmals unter 3:30 Std.), Washington D.C., Hamburg, Berlin, Boston, Sondershausen, Köln, Helgoland, Rom, Interlaken, Zermatt, Biel, Davos, Nairobi, Rennsteig, Prag, Zugspitze, Stockholm, New York, Las Vegas, und und und. Ohne daß mir das wichtig ist, geht der Marathonzähler immer höher. Und dann ist der große Tag auf einmal da und auf den freut man sich schon: Nämlich den hundertsten Marathon- bzw. Ultralauf, im schönen Allgäu, peinlicherweise terra incognita für mich, zu absolvieren.

Entsprechend euphorisiert reisen Elke und ich bereits am Freitagmorgen nach Füssen, der auf max. 808 m höchstgelegenen Stadt Bayerns mit knapp 15.000 Einwohnern. In mittlerweile bewährter Manier (schönes Hotel, jede Menge Sightseeing, lecker Happahappa, Elke wird den Zehner laufen, ich den Marathon) begehen wir ein verlängertes Wochenende und nutzen natürlich bereits den Freitagnachmittag zu einer ausgiebigen Erkundung der unmittelbaren Umgebung: Der Lechfall, die guterhaltene Stadtmauer, das gotische Hohe Schloss der Bischöfe von Augsburg als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Burganlagen Bayerns, das barocke vierflügelige Benediktinerkloster St. Mang, die Berge und die zahlreichen Seen in der Umgebung bieten reichlich Besichtigungsstoff.

Sehr freuen wir uns, daß unsere Freunde Markus mit Familie und die Münchner Barbara und Klaus mit von der Partie sind und die Männer mich auf den 42 Jubelkilometern begleiten werden, der Rest als mobiler Fanblock.

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Der Titel zu diesem Bericht war auch schnell gefunden: In Anlehnung an "Läuft bei dir", dem Jugendwort bzw. -satz des Jahres 2014, das laut Jury des Langenscheidt-Verlags, bestehend aus Jugendlichen, Journalisten und Sprachwissenschaftlern, eine für Jugendliche (!) typische Situation perfekt beschreibt. Glaubt man ihr, dann ist "Läuft bei dir" eine andere Redewendung für: "Du hast es drauf!" Dann ist es ein Synonym für "cool" und "krass", kann aber auch ironisch verwendet werden. Also ehrlich, auch wenn mir die Zahl „100“ nicht das allerwichtigste ist, finde ich es schon cool und krass, dies erreicht zu haben. Natürlich ist mir aber auch klar, daß viele von Euch in Anbetracht ihrer eigenen Leistungen darüber nur müde lächeln werden.

Wirklich gespannt sind wir aufs Allgäu, denn, ich traue es mich kaum zu wiederholen, wir waren tatsächlich noch nie hier. Das allerdings nagt schon länger in uns, zudem macht mir mein Lauffreund Peter Jahn als regelmäßiger „King Lui“-Fan jedes Jahr die Nase lang. Und die Begeisterung ist – wie nicht anders zu erwarten war – groß. Dazu kommt noch die unmittelbare Lage an Tirol, in wenigen Minuten bist Du bei den Ösis. Zu Fuß, wohlgemerkt! Einen Teil unseres Touri-Programms, vor allem die Innenbesichtigung von zumindest Schloß Neuschwanstein, planen wir für Montag in der Hoffnung ein, daß der Andrang außerhalb des Wochenendes nicht ganz so doll sein wird. Weit gefehlt, die Besuchsmöglichkeiten sind auf Tage hinaus ausgebucht, keine Chance. Wir müssen also nochmals herkommen, was uns leichtfallen wird.

Im Eventzelt auf dem Parkplatz an der Morisse, einem künstlichen Felsendurchbruch zwischen Füssen und Bad Faulenbach, händigt man mir u.a. die für morgen passende Startnummer, nämlich die 100 aus. Ich freue mich sehr, daß das für den Veranstalter, das Sportstudio Füssen, überhaupt kein Thema war und meine zarte Anfrage sofort positiv beschieden wurde. Danke, Maria P.! Um 17 Uhr findet auf einem 3,3 km-Rundkurs in der Stadt der Citylauf statt, bei dem wir Elkes Einsatz, für den sie sogar eine Medaille für den stolzgeschwellten Busen erhält, lautstark unterstützen. Die gemeinsame Pastaparty als Belohnung beschließt einen schönen Tag.
 

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Zum Start auf der Kemptener Straße am Rande der Altstadt müssen wir früh aufstehen, denn der findet bereits um 7:30 Uhr statt. Für mich ist das prima, denn einerseits muß mitten im Juli grundsätzlich, so auch heute, mit brütender Hitze gerechnet werden, da läuft es sich morgens einfach besser, andererseits habe ich erfreulicherweise mittags schon fertig und kann den Nachmittag noch touristisch nutzen. Mit dem Fahrrad legen Klaus und ich die gerade mal zweieinhalb km zwischen Hotel und Startbereich zurück und können daher auf den letzten Drücker erscheinen. Gerade ist noch Zeit für ein Hallo in zahlreiche Richtungen, da geht es schon los.
 

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Die Sonne bescheint bereits jetzt schon unser frühmorgendliches Treiben, keine Spur ist von den hartnäckig angekündigten Wetterkapriolen mit Sturm, Starkregen und Hagelschlag zu sehen. Glücklicherweise wird sich das auch nicht ändern, solch eine falsche Wettervorhersage nimmt man doch gerne in Kauf. Über den Luitpoldplatz mit dem Denkmal des Prinzregenten (Luitpold von Bayern war vor 1886 bis zu seinem Tod Prinzregent von Bayern) verlassen wir bereits nach zwei km die Stadt in Richtung Hopfensee und umrunden dabei die bald dreihundert Jahre alte Feldkirche St. Ulrich und Afra. Auf dem flachen Radweg parallel der Hopfener Straße läßt es sich sehr gut einrollen, man hat einen großen Teil der Läufer im Blick.

Vom asphaltierten Radweg auf eine gut zu belaufende Schotterstrecke abgebogen erschrecken wir eine Herde Kühe beim Grasen, aufgeregt begleiten sie uns, soweit es ihnen möglich ist, im Schweinsgalopp, ein erfreulicher Anblick artgerecht gehaltener Tiere vor malerischer Kulisse. Vor und hinter mir sehe ich einige der heutigen im Viertelstundenabstand von 3:30 bis 4:30 Std. eingesetzten Zug- bzw. Bremsläufer, von denen ich zwei sogar kenne: „Kraxi“ (Hannes Kranixfeld), der superschnelle und ausdauernde Steirer Bub, ist für die dreieinhalb Stunden zuständig und könnte in dieser Zeit, wenn er alleine liefe, locker ein Mittagschläfchen unterbringen. Der läuft mal gerade so drei Maras in drei Tagen in drei Ländern. „Magic“ (Martin Schöll) als Team TOMJ-Mitglied Spezi vom Greppi und Bernie, hat im letzten Jahr schon den Anton in 3:59 „durchgeschleppt“. Mal schauen, ob er das heute bei mir auch schaffen wird. Ja, da trägt der eine hohe Verantwortung!
 

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Den ersten VP bietet man uns, wie fast überall sonst auch, bei km 5. Interessiert der mich zu diesem Zeitpunkt in der Regel nur peripher, ist er heute bei der schon jetzt großen Wärme hochwillkommen. Und da hat man sich etwas wirklich Cooles einfallen lassen: Die Helfer haben Schilder umgehängt, anhand derer man ihr jeweiliges Angebot (u.a. Wasser bzw. Iso) erkennen kann, ein toller Service. Hopfenblütentee kann ich noch nicht entdecken, das kommt wohl später, es ist ja auch noch früh, selbst für einen Frühschoppen.

Michael-Josef wird über mein Shirt auf mich aufmerksam und erzählt von seinen bisherigen Laufabenteuern, die er im ständigen Wechsel zwischen Hamburg (Wohnsitz) und Berlin (Arbeitsplatz) in den Griff bekommt. Die beiden großen Marathons hat er x-mal geschafft, heute ist es Zeit für etwas Neues. Durch die Uferbepflanzung und über einen breiten Schilfgürtel erblicke ich erstmals Wasser, von dem dieser Lauf sehr viel bietet, denn fast zwei Drittel unseres Weges verlaufen am kühlen Naß, so liebe ich es. Der Blick auf die spiegelnde Oberfläche wird freier und wir beginnen die 6,8 km lange Umrundung des mit max. 10 m Wassertiefe recht flachen Hopfensees, der sich wegen der geringen Tiefe schnell erwärmt und in dem daher bereits im Mai die ersten mehr oder weniger Nackerten planschen. Die km 6 – 13 absolvieren wir hier.
 

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Über etliche Holzbrücken, die die Zuflüsse überspannen, kommen wir dem touristisch genutzten Uferbereich näher. Die Jungs am zweiten VP bei km 10 in Hopfen, strahlen über alle vier Backen und reißen sich darum, uns zu versorgen, ein freundlicher und vorbildlicher Einsatz. Auf die Idee, im Füssener Ortsteil Hopfen ein Hopfengetränk anzubieten, ist allerdings leider keiner gekommen, dabei würd’s doch so schön passen! Jetzt unmittelbar am Ufer laufend, erfreuen uns drei Alphornbläser mit Dame in der Mitte, könnte es hier und jetzt etwas Schöneres geben? Wohl kaum. Viel zu schnell muß ich weiter, kann sie aber noch eine kurze Weile vernehmen, während wir entlang der Seepromenade eine Allee weißer Zelte vom Fischerfest des Wochenendes passieren. Zum zweiten Mal entlang des südlichen Seeufers machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach Füssen.

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Markus, der mit Klaus vorausgeeilt war, hole ich bald darauf wieder ein. Noch strahlt er wie ein Honigkuchenpferd, erwischt heute aber leider einen rabenschwarzen Tag, muß sich sehr quälen, schafft den Lauf am Ende trotzdem und beweist, daß er kämpfen kann. Dafür meinen besonderen Respekt! Am 13. km lassen wir den Hopfensee zurück und überzeugen uns, daß sich die Rindviecher von vorhin beruhigt haben und von der Menschenherde nicht wieder aus der Ruhe bringen lassen. Innerlich hadere ich ein wenig mit dem Veranstalter, weil ich meine, daß man zwischen den VP durchaus noch ein paar Wasserstellen hätte einbauen können. Ich habe noch nicht fertiggedacht, als an km 17,5 genau eine erste von vielen weiteren auftaucht, ich sollte nicht so ungeduldig sein, es ist an alles gedacht. Und wenn ich die Ausschreibung sorgfältig gelesen hätte, wäre ich auch genau informiert gewesen. Kurz danach erreichen wir das im Jahr 2000 eröffnete Festspielhaus. Mit zwei Musicals („Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ von 2000 bis 2003 und „Ludwig – Der Mythos lebt“ von 2005 bis 2007) hat man versucht, auch musikalisch aus dem Kini Kapital zu schlagen, kommerziell letztlich auf Dauer erfolglos. Schade, insbesondere in Anbetracht der Traumlage, aber nicht alles wird zum Selbstläufer.

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Die angesprochene Traumlage läßt mich auf den vom Lech durchflossenen Forggensee kommen, den wir als zweites Gewässer jetzt in Angriff nehmen. Er ist als fünftgrößter bayrischer See zugleich Deutschlands größter Stausee, den wir rechtsumfassend zwischen den km 18 – 27 teilweise belaufen werden. Kaum haben wir sein Ufer erreicht, sticht mir zwischen den Bäumen vor dem Hintergrund der Berge erstmals Neuschwanstein ins Auge. Ich beobachte meine Begleiter und bin anhand der Gesichter überzeugt, daß das Traumschloß zu diesem Zeitpunkt kaum jemandem von ihnen aufgefallen ist. Wieder werden wir verpflegt, ich halte mich heute konsequent an die Iso-/Wasser-Kombination, mit der man nichts falsch machen kann. Ausschließlich Wasser zu trinken kann, insbesondere bei großer Wärme, fatale Folgen wie beim Ironman in Frankfurt haben, bei dem ein Teilnehmer an Hyponatriämie (zu wenig Salz im Blut) zu Tode kam.

Über eine Staustufe wechseln wir auf die andere Lechseite und haben kurze Zeit darauf Halbzeit. Meine Idee, hier in zwei Stunden durchzukommen, gerät zur Punktlandung. Magic als 4 Stunden-Pacer ist weit voraus und nicht zu sehen, hat also wohl schon einen sicheren Vorsprung herausgelaufen. Ganz nah an unserer Unterkunft im Schwangauer Ortsteil Horn sind wir jetzt und passieren etliche wunderschöne Hotels und Ferienwohnungen. Wieder in unmittelbarer Ufernähe muß ich aufpassen, daß ich mich nicht hinlege, denn ich kann kaum den Blick vom Wasser lassen, es ist ein Traum. An der hübschen Waltenhofener Kirche laufen wir leider zu dicht vorbei, daher klappt’s mit dem Fotografieren nicht und ich muß mich mit den Fans vor der Kirchhofmauer begnügen, deren Begeisterung aber allemal ein Bild verdient hat.
 

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Als wir den Forggensee bei km 27 verlassen, blitzt am Horizont erneut Neuschwanstein auf und wieder meine ich, daß es kaum jemand bemerkt. Mit Riesenschritten nähern wir uns dem optischen Höhepunkt dieser Veranstaltung, dem wunderbaren Ensemble aus St. Coloman mittig im Vordergrund und Neuschwanstein sowie Hohenschwangau links und rechts davon, leicht erhöht, im Hintergrund. Die zu Ehren des heiligen Koloman errichtete barocke Wallfahrtskirche St. Coloman an km 30 ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Bayerns. Der irische Pilger soll im Sommer 1012 bei seiner Pilgerreise ins Heilige Land an dieser Stelle gerastet haben. Wenn man mir auf sämtlichen Rastplätzen meiner bisherigen 99 marathonalen Pilgerreisen Kirchen errichtet hätte…

Mittlerweile habe ich Magic wieder eingeholt, sein anfänglicher Haufen von zwanzig bis dreißig Begleitern ist auf zwei Mädels arg dezimiert. Etwa anderthalb Minuten haben sie auf die vier Stunden herausgelaufen, da geht bei mir heute doch was! Es nähert sich km 32, ein Abschnitt, an dem es einem bekanntermaßen schlecht gehen soll, Mann mit dem Hammer, Ihr wißt schon. Klar bin auch ich jetzt langsam müde geworden, aber weit entfernt von einem Einbruch. Offensichtlich habe ich mit meinem jährlichen Pensum von mittlerweile 10 – 12 Marathons und Ultras die für mich richtige Dosis gefunden. Und wenn der Doc bei der Vorsorge von einem Blutdruck 120 zu 80, Puls 51 sowie blitzblanken Arterien spricht und es einem dabei blendend geht, ist doch alles bestens.

Über diese zumindest für mich erfreulichen Gedanken ist es Zeit geworden, mich wieder den optischen Genüssen zu widmen: Neuschwanstein und Hohenschwangau, die beiden Traumschlösser, stehen nur gute 500 m Luftlinie voneinander entfernt und bilden mit St. Coloman in der Mitte eine wirklich schöne Einheit. König Ludwig II. von Bayern, der „Kini“, ließ das heute von jährlich 1,3 Mio. Touristen (davon jede Menge Chinesen, einige davon heute auch auf der Strecke!) besuchte „Märchenschloß“ Neuschwanstein ab 1869 als idealisierte Vorstellung einer Ritterburg aus der Zeit des Mittelalters errichten, lebte aber selbst nur wenige Monate im Schloß und starb noch vor der Fertigstellung der Anlage. Nur einen Katzensprung entfernt liegt das im Kern mittelalterliche Schloß Hohenschwangau, in dem er aufwuchs. Leider kommen wir nicht ganz dicht an beide Sehenswürdigkeiten heran, daher habe ich zwei Aufnahmen vom Vortag unter die Laufbilder geschmuggelt, Ihr werdet es mir nachsehen.
 

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Den putzigen asiatischen Dreikäsehoch, der, besser die mir die nächste Wasserration reicht, hätte ich glatt mitnehmen können und das nicht nur auf dem Weg zum Schwansee, dem dritten heutigen See. Ja, es ist wirklich ein Wasserlauf, wie ich eingangs schon erwähnte, in Kombination mit der faszinierenden Bergwelt und den Schlössern eine einzigartige Mischung, die diesen Lauf zu etwas ganz Besonderem macht. Teilweise im Uferbewuchs verborgen erspechte ich auf dem Rundweg zwischen den km 35 und 37 immer wieder das Wasser. Stellt Euch die Szenerie vor: Durch das Grün hört Ihr übers Wasser kommend zum zweiten Mal die Alphornbläser, die mit ihren getragenen Weisen dem Ganzen ein fast unwirkliches Flair verleihen. Als ich später davon erzähle, habe ich einen Kloß im Hals, so schön ist das.

Und immer noch ist alles gut, unser Vorsprung auf zweieinhalb Minuten angewachsen, kein Anlaß zur Beunruhigung also. Nach km 40 haben wir wieder die Füssener Stadtgrenze erreicht. Den Lech über einen festen Steg überquerend, zeigt uns das tolle Panorama von Stadtmauer, Hohem Schloß und darunterliegendem Kloster St. Mang, daß sich das Ziel in Riesenschritten nähert. Die letzte Verpflegung lasse ich aus, denn was ich jetzt einwerfe, kommt eh nicht mehr an und wirkt nur als Placebo, das ich erfreulicherweise nicht brauche. Klar auf Sub 4 Stunden-Kurs erklimme ich den Weg in die hochgelegene Altstadt, selbst diese späten Höhenmeter nehme ich locker, es geht doch nichts über eine gute Motivation, gepaart mit genügend Kraft in den Beinen. Km 41, 42, viel Vorsprung, sagt Magic. Ich lasse mir Zeit, genieße die letzten Meter durch die Morisse, höre schon den Zieltrubel, schieße noch etliche Fotos und bin ganz auf den Zieleinlauf konzentriert. Magic und seine letzte verbliebene Begleiterin stürmen voran, ich lasse sie ziehen, denn ich habe ja Zeit. Und dann passiert etwas, das ich noch nie erlebt habe und hoffentlich auch nie wieder erleben werde.

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Als ich um die letzte Rechtskurve komme und auf die Zielgerade einbiege, fallen mir fast die Augen aus dem Kopf, denn die Uhr ist bereits auf 4 Stunden umgesprungen. Damit kann ich im Augenblick überhaupt nichts anfangen und mir schon gar keinen Reim machen, zu groß ist die Überraschung. Erst einmal jedoch freue ich mich über meinen erfolgreichen hundertsten Marathon- und Ultramarathonlauf, lasse mich von meinen Lieben gebührend beglückwünschen und von den beiden adretten Mädels (Mutter und Tochter?) die glänzende Medaille umhängen. Noch klammere ich mich an einen wie auch immer gearteten Irrtum, zumal ich den Zielsprecher noch etwas von „unter vier Stunden“ habe sprechen hören. Aber ist der Unterschied zwischen Brutto und Netto groß genug? Nein, es ist nur eine 4:00:06. Der Abgleich mehrerer GPS-gestützter Uhren zeigt, daß die letzten 195 Meter deren etwa 880 lang waren. Stellt Euch vor, Ihr hättet die PB Eures Lebens vor Augen und würdet über diese Geschichte daran scheitern! Mein Ärger ist verhalten, aber durchaus vorhanden. Auch Magic kann es nicht gewußt haben, sonst hätte er ein noch größeres Polster herausgelaufen. Offensichtlich hat er den Fauxpas im Gegensatz zu mir aber gerade noch rechtzeitig bemerkt und Gas gegeben (jetzt weiß ich auch warum).
 

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Nun gut, meinerseits besteht kein Grund, es zu dramatisieren, ich kann mir eh nichts dafür kaufen. Sensationell ist die Zielverpflegung und dabei vor allem die nicht leer werdende Batterie an leckerem, gut gekühltem Blonden vom Bierwagen, dem ich sehr reichlich zuspreche. Dann habe ich, zunächst auf Klaus, dann auf Markus wartend (nochmals vielen Dank für das schöne Jubiläumsshirt!) reichlich Muße und kann in der Wärme viele schöne Szenen ablichten, die sich während des und hinter dem Zieleinlauf abspielen. Als dann auch Wolfgang Kieselbach vom 100 Marathon Club Deutschland eingelaufen ist, bekomme ich von ihm als Vertreter des Vorstands die offizielle Anerkennungsurkunde überreicht, mit der ich ab sofort Vollmitglied bin und mich somit als neuer Kreisteilnehmer im 100 MC melde.
 

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Glücklicherweise haben wir jetzt noch zwei Tage, um die Gegend weiter unsicher zu machen und viele schöne Sachen zu sehen und Dinge zu erleben. Mein Dank gilt den zahlreichen lieben Menschen, die mich in den vergangenen Jahren auf vielen Strecken begleitet haben. Insbesondere auch der M4Y-Gemeinde, ohne die ich vermutlich nicht so konsequent bei der Stange geblieben wäre. Wer mich kennt, weiß, daß ich in Anbetracht der zahlreichen attraktiven Veranstaltungen in Nah und Fern grundsätzlich kein zweites Mal erscheine. Zu dieser hervorragenden Veranstaltung jedoch mit absoluter Sicherheit. Habe die Ehre.
 

  • Diesen Bericht gibt es auch mit vielen weiteren Fotos auf marathon4you.de
  • Streckenbeschreibung:
  • Fast völlig flacher (80 Höhenmeter) Einrundenkurs.
     
  • Startgebühr:
    Je nach Anmeldezeitraum 39 bis 60 € (bei Nachmeldung).
     
  • Veranstaltungen:
    Kinderlauf, 10 km und Halbmarathon am Vortag, Staffelmarathon für 3 Personen.
     
  • Leistungen/Auszeichnung:
    Nudelparty, Medaille, den Voranmeldern (M, HM) garantiertes Erinnerungsshirt, Zeitnahme mit davengo easychip, Teilnahmemöglichkeit an der Tombola, Urkundendruck im Internet, persönliches Finisher-Video (kostenpflichtig).
     
  • Logistik:
    Optimal bei sehr kurzen Wegen.
     
  • Verpflegung:
    Alle 5 km Verpflegungsstellen und ab km 17,5 alle 2,5 km Wasserstellen.
     
  • Zuschauer:
    Viele im Start- und Zielbereich sowie unterwegs immer wieder mal einige. Sehr viele motivierte und freundliche Helfer.
     

Letzte Änderung am Mittwoch, 20. September 2017