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10. Edinburgh-Marathon am 27.05.2018
 

Zu kalt für 'n Kilt

Auch wenn sich derzeit die Sympathien für die Bewohner Großbritanniens bei vielen Mitmenschen angesichts des Possenspiels um den sog. Brexit in engen Grenzen halten, können Elke und ich eine gewisse Zuneigung gegenüber den Briten und ihrem way of life nicht verhehlen. Mehrfach waren wir schon zu verschiedenen Gelegenheiten an unterschiedlichen Orten auf der Insel präsent, aber auch marathontechnisch gibt es bereits einen Anknüpfungspunkt: Vor eindreiviertel Jahren, exakt am Tag der Pro-Brexit-Entscheidung, überquerten wir den Ärmelkanal, um beim Wales-Marathon bzw. dem Zehner in Tenby erstmals unsere Visitenkarte abzugeben.

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Und es gefällt uns hier. Selbst wenn sich dem einen oder anderen der Magen herumdrehen sollte: Weder schreckt uns das typisch britische Frühstück mit warmen Bohnen, Rühr- oder Spiegelei, Frühstücksspeck, Würstchen, warmer Tomate und Toast, noch das Wetter, das häufig nicht ganz so den Erwartungen entspricht; auch nicht, daß alle auf der falschen Seite fahren. Nein, die Insel mit ihren Besonderheiten hat in unseren Augen etwas. Uns treibt es diesmal allerdings nicht in den Westen, nach Wales, sondern in den Norden, Schottland ist diesmal unser Ziel. Und das ist gegenüber England und Wales auch wieder etwas Besonderes.

Bereits seit 1603 mit England durch eine Personalunion vom selben Monarchen regiert, wurden die Königreiche Schottland und England 1707 zum Königreich Großbritannien vereinigt. Die Begeisterung vieler Schotten hält sich darüber nach wie vor in engen Grenzen, das hat auch die Wiedereinführung eines eigenen Parlaments 1999 nicht ändern können. Wir sind gespannt, wie sich das mit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU weiterentwickeln wird. Bereits donnerstags kommen wir jedenfalls voller Neugier im Herzen der Hauptstadt Edinburgh an, in der nach Glasgow mit einer knappen halben Million die zweitmeisten der 5,3 Millionen Schotten leben. Nur 13 km sind es zwischen Flughafen und Stadt, die mit dem Flughafenbus Airlink 100 in 30 Minuten schnell zurückgelegt sind. Rund um die Uhr ist er alle zehn Minuten unterwegs, die 7;50 Pfund für die Rückfahrkarte sind gut angelegt.

Die Stadt der sieben Hügel, von Theodor Fontane aufgrund ihrer beeindruckenden Architektur als „Athen des Nordens“ bezeichnet, hat sowohl in der Alt- als auch der Neustadt wahrlich viel zu bieten: Das Edinburgh Castle, St Giles‘ Cathedral, Holyrood Palace, University of St Andrews, Princess Street mit ihrem Denkmal für den Schriftsteller Sir Walther Scott (u.a. „Ivanhoe“) und Arthurs‘ Seat sind nur einige der echten Hingucker. Und weil München eine ihrer Partnerstädte ist, sind auch unsere Freunde Barbara und Klaus wieder mit von der Partie. Gemeinsam mit ihnen besuchen wir am Freitag die im Informationszentrum Dynamic Earth abgehaltene Marathonmesse.
 

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Die Wahrscheinlichkeit, mit Fragen zur Messe zu kommen, geht allerdings gegen null: Bereits im Vorfeld wird man mit einer derartigen Fülle Informationen zugeschüttet, wie ich es noch nie und nirgends erlebt habe. Das beginnt schon mit den FAQ (Häufig gestellte Fragen) auf der Internetseite, deren Zahl die 100 sicher übersteigt und selbst bei mir abwegig erscheinenden vermeintlichen Unklarheiten Licht ins Dunkel bringt. Der Hammer ist jedoch die zwei Wochen vor dem großen Tag per E-Mail übersandten, sensationellen Startinformationen: Wer da noch eine Frage hat und sich bei klarem Verstand wähnt, ist nicht zu helfen.

Allerdings zeigt der gemeine Schotte sein wahres Antlitz bereits bei der Startnummernausgabe: Nicht nur gibt es lediglich eine (1) große Schlange zum Empfang der Startnummern, sondern der Starterbeutel ist gähnend leer, um nicht zu sagen nicht einmal vorhanden. Mehr als einen Umschlag mit der Startnummer, Nadeln und Gepäckanhänger gibt es bei den sparsamen Nordbriten nicht. Und das setzt sich mit der „Messe“ fort: Es gibt genau einen (1) Stand mit Fanartikeln und ein wenig mehr, das ist alles.

Am Samstag, dem Vortag des Marathons, steht u.a. zunächst der Zehner an, an dem sich meine bekanntermaßen deutlich bessere Hälfte erfolgreich versucht. Beim Lauf rund um den Hausberg Arthurs' Seat gibt’s eitel Grund zur Freude, denn mehrere hundert Läufer gelingt es ihr gnadenlos zu versägen. Neben div. Kinderläufen locken noch ein Fünfer, und morgen ein Halbmarathon sowie eine Marathonstaffel zu viert. Am Sonntag wird es wieder mal ernst: It’s Marathon time! Mir gefällt die heutige Aufgabe beim nach London (allerdings mit großem Abstand) teilnehmerstärksten Lauf über 42,195 km in Großbritannien. Sind die ersten drei Meilen noch im Städtischen zu nehmen, haben wir nach zwei weiteren die See erreicht, die wir auf dem restlichen Weg grundsätzlich nicht mehr verlassen werden. Nach zwölf weiteren Meilen und einer kleinen Schleife geht es auf dem gleichen Weg zurück, bis im Städtchen Musselburgh das Ziel erreicht ist. Mit dem Bus wird man uns dann an den Start zurückbringen.
 

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Every journey begins with a single step: Durch das Herz der Altstadt

Wir starten um 10 Uhr, als die Halbmarathoner schon zwei Stunden unterwegs sind, an einem spektakulären Ort, nämlich vor einer der ältesten Universitäten der Welt. Offiziell 1583 eröffnet, rühmt sie sich, zahlreiche kluge und erfolgreiche Köpfe hervorgebracht zu haben, wie Nobelpreisträger, Olympiasieger, Weltraumfahrer und Premierminister. Sir Arthur Conan Doyle inspirierte der Ort zur Erfindung seines Detektivs Sherlock Holmes. Leider ist ausgerechnet der Lauftag derjenige mit dem miesesten Wetter unseres Aufenthalts, denn die von mehreren Apps versprochenen 14 Stunden Sonne entpuppen sich letztlich als Fake News: Ganz am Ende erst wird der kalte Nebel durch etwas Wärme abgelöst, wir bibbern bei 9 Grad dem Start entgegen. Doch Klaus und ich haben Glück im Unglück: Erstens regnet es nicht und zweitens können wir Läufer des rosa (drittletzten) Startblocks uns in ein Uni-Gebäude verkrümeln, das auch vernünftige Toiletten bereithält.
 

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Rund elf Minuten nach dem Startschuß geht es für uns endlich los. Es ist wirklich ein Jammer, daß die vielen schönen Gebäude der Stadt, von denen über zweieinhalbtausend denkmalgeschützt sind – seit 1995 ist Edinburgh (übrigens Edinborou gesprochen) UNESCO-Weltkulturerbe – so nebelverhangen und die Fotos so diesig  sind. Zum Trost gibt’s am Ende als Entschädigung eine kleine Galerie von Aufnahmen unter besseren Bedingungen. Linkerhand grüßt erst einmal das Denkmal und der Pub zu Ehren Greyfriar Bobbys. Bobby war allerdings kein Mensch, sondern ein Terrier, der durch die sagenhafte Treue zu seinem Herrn, dem Polizisten John Gray, bekannt wurde. Nach dessen Tod im Jahr 1858 hat er angeblich die übrigen 14 Jahre seines eigenen Lebens an Grays Grab auf dem Kirchhof der Greyfriars Kirk in der Altstadt von Edinburgh verbracht und seinen Platz nur zu den Mahlzeiten verlassen, die ihm im nahe gelegenen „Coffee House“ gereicht wurden. Was für ein Leben!

Die in ihrem Anfangsbereich völlig neu gestaltete Route führt uns quer über die High Street, die als Teil der Fußgängerzone das touristische Zentrum der Stadt bildet. Etliche Bergabmeter bringen uns auf die Princes Street in der ab 1800 entstandenen Neustadt (New Town), der Hauptschlagader Edinburghs, voran. Rechterhand liegt als grüne Oase der idyllische Princes Street Garden, mit dem Edinburgh Castle, der die Skyline der Stadt dominierende Festung in der Old Town, im Hintergrund. Archäologen haben herausgefunden, daß die ersten Menschen schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. von dem Felsen Besitz ergriffen haben. Vom 12. Jahrhundert bis 1633 war sie eine königliche Festung, drei Viertel aller Besucher zieht es hinauf zu ihr. Selbstverständlich haben wir keine Ausnahme gebildet.
 

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Abstecher durch die Neustadt

Wir passieren das Nationalmuseum und gelangen zum nächsten, nicht nur optischen Highlight, dem weltberühmten Scott Monument. Die Einheimischen nennen es seiner Form wegen „Gothic Rocket“, also gotische Rakete. 1844 für den Schriftsteller Sir Walter Scott (u.a. „Ivanhoe“) fertiggestellt, soll es das weltweit größte Denkmal für einen Schriftsteller sein. 61 Meter hoch bietet es gegen ein stattliches Entgelt von einer Reihe verschiedener Galerien großartige Aussichten über die Stadt, u.a. über die Princes Street. Gerade dies aber wurde Anfang Januar dieses Jahres einer Touristin zum Verhängnis, die sich nach Überwindung von 287 Stufen wohl zu weit herausgelehnt hat und tödlich in die Tiefe abstürzte.

Über die Waverly Bridge am Hauptbahnhof erreichen wir erneut die Altstadt und freuen uns über unsere Fans Barbara und Elke, die den ca. 16,52 m weiten Weg aus unserem super zentral gelegenen Hotel nicht gescheut haben und anschließend wieder zum Frühstücken übergehen. Bei den hier stehenden hohen Mietshäusern soll es sich tatsächlich um die ersten regelrechten Wolkenkratzer handeln, wird uns stolz erzählt. Als wir die sog. Königliche Meile (Royal Mile), die Paradestraße mit zahlreichen mittelalterlichen Häusern, erneut erreichen, stehen gerade mal erst 1,5 Meilen auf unserer Habenseite. Sie ist eine Abfolge zentral gelegener Straßen in der Altstadt, die vom Edinburgh Castle zum Holyrood Palace führt und tatsächlich ca. eine schottische Meile (1,8142 km bzw. 1 moderne Meile plus 107 Yards) lang ist. Die Einheimischen nennen sie auch High Street. Zusammen mit der Princes Street in der Neustadt gilt die Royal Mile als die meistfrequentierte touristische Straße in Edinburgh.
 

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Der Landschaftslauf beginnt

Erstmals grün wird es im Holyrood Park, dem früheren Jagdgelände der Königsfamilie. Hier werden die nächsten Ahs und Ohs fällig: Meine Augen wandern aber zunächst rechts zum erst 2004 fertiggestellten Gebäude des schottischen Parlaments, das zugleich auch regelmäßig für Paraden und Festzüge genutzt wird. Dann entdecken wir mit Vollendung der 2. Meile zwei sehr unterschiedliche Gebäude: Auf der linken Seite den prächtigen Holyrood Palace, der den schottischen Königen und Königinnen seit dem 16. Jahrhundert als Hauptwohnsitz diente und heute für offizielle Anlässe sowie als schottische Residenz der britischen Königsfamilie genutzt wird. Heute ist et Lisbeth allerdings nicht da, daher müssen wir auf ihre huldvollen Grüße leider verzichten. Unter dem ganzen Kitsch, den man hier als Souvenirs erstehen kann, gibt es tatsächlich Figuren der Queen, in denen ein Minimotor ihre rechte Hand zum Gruß hin- und her schwenkt. Unglaublich.

Über dem Holyrood Park erhebt sich der grasbewachsene Hausberg von Edinburgh, der 251 m hohe Arthur’s Seat. Als höchste Erhebung der Stadt soll er 350 Millionen Jahre alt sein. Mit King Arthur hat der Name aber wohl nichts zu tun. Als Ursprung vermutet man „Archer's Seat“, also den Sitz der Bogenschützen, wofür der Höhenzug wohl prädestiniert war. Auf jeden Fall hat man Reste einiger eisenzeitlicher Hügelforts gefunden. Für uns war es natürlich ein Muß, ihn im Vorfeld zu besteigen, nicht zuletzt wegen der tollen Aussichten. Nicht weniger toll ist die Vorstellung eines langen Traillaufs, den hier zu veranstalten und zu laufen eine Verlockung wäre. An seinem Fuß ist auf dem letzten km des gestrigen Zehners eine kleine Begegnungsstrecke eingebaut. Hier erkenne ich im letzten Augenblick den Kollegen Toni Reiter, zum Grüßen geschweige denn zum Knipsen kommt das aber leider zu spät und zu überraschend.
 

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Neil Kilgour, Cheforganisator des Edinburgh Marathon Festivals (EMF) ist mit seiner neuen anfänglichen Wegführung zufrieden: „Das Wichtigste für uns war, eine Route zu schaffen, die unseren Teilnehmern nicht nur mehr von Edinburgh zeigt, sondern auch seinem weltweit gutem Ruf als eine der schnellsten Marathonstrecken der Welt gerecht wird. Das von der IAAF verliehene Label war für unsere kleine, aber feine Stadt nicht leicht zu erreichen.“ Tatsächlich fällt die Strecke insgesamt 90 Meter zur Seehöhe ab und bleibt völlig flach. „Vielleicht ist sie sogar die schnellste Strecke überhaupt auf der Welt. Wenn Du ordentlich trainiert hast, bietet sie das Potential zur persönlichen Bestzeit!“ Na ja, das haben die Tiroler mit ihrem Speed Marathon – Gott habe ihn selig! - auch mal gedacht. Und, ganz ehrlich, habe ich auch meine gewissen Zweifel daran, denn immerhin geht es Suunto-bewiesen 56 m nach oben und deren 118 nach unten. Wir alle wissen ja, wie das ist: Am Ende mutieren selbst fünf Höhenmeter zum Alpengipfel.
So, die historische Royal Mile haben wir fertig mäandert und die Schokoladenseiten der schottischen Hauptstadt in Alt- und Neustadt gebührend bewundert. Es wird Zeit, den Augen etwas Erholung zu widmen und in Richtung Osten, zur Küste aufzubrechen. Leider, leider verhindert der dämliche Nebel den sonst beeindruckenden Blick in die Höhe. Noch auf Höhe des Holyrood Parks kommen wir an einem kleinen See, St. Margaret's Loch (Loch ja, aber nicht Ness), vorbei. Im Rahmen der landwirtschaftlichen Umgestaltung  nach 1856 wurde u.a. er künstlich angelegt. Erholung, zumindest fürs Auge, bietet auch der nette Lochend Park mit Gebäuderesten und einem weiteren netten, kleinen Loch. An einem zweiten schönen Park namens Leith Links vorbei ist es nicht mehr weit zur See, die wir hinter einigen optisch weniger hübschen Hafenanlagen – hier wirkt der Dunst gnädig - bald erreichen. Die ersten vielen hunderte Meter entlang der so typisch britischen Reihenhäuser haben wir schon hinter uns.
 

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Firth of Forth

(gälisch Abhainn Dhubh) heißt der etwa 80 km lange und bis zu 21 km breite Meeresarm, der gleichzeitig die Mündung des Flusses Forth in die Nordsee bildet, und der die nächsten Stunden quasi unser Zuhause sein wird. Das englische Wort Firth bedeutet „Förde“ oder besser „Fjord“, was, geologisch gesehen, wohl richtiger ist. An seinen beiden Ufern liegen zahlreiche Städte, mehrere Brücken überspannen ihn. Trotz der starken industriellen Nutzung ist der Firth wichtig für den Naturschutz. Im Firth of Forth Special Protection Area (spezielles Schutzgebiet) halten sich jedes Jahr über 90.000 brütende Seevögel auf. Auf der Isle of May befindet sich eine Vogelbeobachtungsstation.

Verpflegung gibt es auch erst einmal, und zwar in Form von Drittelliterflaschen Wasser. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre es das auch schon gewesen. Einem älteren Laufbericht konnte ich das Fiasko eines Laufkameraden nachvollziehen, der, im Vertrauen auf kalorienhaltige Streckenverpflegung, ohne Frühstück (!) und ohne die Ausschreibung vernünftig gelesen zu haben, am Start erschien und diese Dummheit mit einem veritablen Hungerast bitter bezahlte. Heute bietet man uns viermal zusätzlich Gels an. Ich höre schon die Jammerer, die sich darüber beschweren, aber ehrlich, mehr ist zwar nett, aber doch absolut unnötig. Klaus traut sich nicht an die ihm unbekannte Zuckerpaste heran, hat das aber (allerdings vernünftig gefrühstückt habend) problemlos überlebt.
 

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Wunderbar zum Anschauen, aber wohl (zumindest jetzt) weniger zum Baden geeignet, ist der zwei Meilen lange Portobello Beach, dem wir hinter einem der zahlreichen Golfplätze komplett folgen. Allerdings ist die Optik aufgrund der ungünstigen Witterung doch etwas getrübt. Zudem genießen wir fast bis Meile 18 abwechselnd auflandigen Seiten- bzw. Gegenwind, der aber nicht wirklich behindert. Der Badeort Portobello, zu dem der Strand gehört, mutet sprachlich italienisch an, und tatsächlich existiert er schon seit der Römerzeit. Bodotria hieß er damals. Immer wieder erfreuen uns begeisterte Zuschauergruppen, die mit Beifall nicht geizen. Insbesondere einige Hilfsorganisationen, für die viele Einheimische Spenden sammeln (das ist in GB en vogue), stehen häufig am Rand und machen Alarm. Und auch zahlreiche Anwohner, die vor ihre Häuser Lautsprecheranlagen nach draußen gebracht haben und bei zünftiger Musik vor allem Weingummi anbieten.

An zwei weiteren kleinen Örtchen vorbei erreichen wir an Meile 9 mit Musselburgh das zweite Epizentrum unserer heutigen Aufgabe. Noch liegt es ziemlich verschlafen vor uns, doch später werden hier mit großem Getöse die letzten Yards verlaufen. Obwohl sich in Musselburgh der älteste Golfplatz der Welt (mindestens seit 1567), der Musselburgh Old Course, befindet, ist die Stadt vor allem für die dort stattfindenden Pferderennen bekannt. Der Straßenname “Racecourse” bezieht sich also nicht auf die Marathonstrecke, obwohl wir den Racecourse nutzen, 202 Jahre nach den ersten Gäulen. Zwei Seiten des Riesengeländes laufen wir komplett ab.

Musselburgh  ist eine der ältesten Gemeinden Schottlands mit blutiger Vergangenheit: 1547 erlitt die schottische Armee in der Schlacht beim nahegelegenen Pinkie Cleugh eine verheerende Niederlage. Im Juni 1567 fand etwa zwei Kilometer südöstlich der Stadt die Schlacht von Carberry Hill statt, in der Maria Stuart unterlag, die ehemalige französische und schottische Königin. Sie war sicherlich eine der bekanntesten Monarchengestalten und wurde auf Loch Leven Castle gefangengesetzt. Wenn ich meinen Quellen Glauben schenken darf, ist ihr heutiger Ruf vermutlich besser als die damalige Wirklichkeit hergibt.
 

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Es bleibt dabei: Die Strecke ist klasse! Wer auch immer wo abgestimmt haben mag, man schmückt sich (ganz sicher nicht zu unrecht), in den Top Ten der weltweit besten Stadtmarathons zu sein. Dafür sprechen lt. Veranstalter die Behauptung, der schnellste Marathon in UK zu sein (von der Runner's World 2008 ermittelt), Fünf-Sterne-Veranstaltung der European Athletics, garantierter Startplatz bei rechtzeitiger Anmeldung (kein Losverfahren oder wie auch immer), und dazu wurde Edinburgh 2015 zur viertattraktivsten Stadt der Welt gewählt. Nun, wir sind dabei!

Scotland is famous for being wet and cold

Die Engländer pflegen zu sagen, daß es in Wales kalt sei und in Schottland regnete. Beides wird grundsätzlich wohl wahr sein, heute ist es allerdings in Schottland, wie eingangs erwähnt, mit jetzt vielleicht 11 bis 12 Grad frisch. Nach meiner Bewertung also, ganz dem Berichtstitel gemäß, eindeutig zu kalt, um einen Kilt zu tragen. Nicht auszudenken, was mit frei schwingenden, hochempfindlichen Körperteilen alles passieren könnte, wären diese den Unbilden der Witterung schutzlos ausgeliefert. Obwohl, wer sich mit Anatomie ein wenig auskennt, weiß auch um deren Rückzugsmöglichkeiten. „Aus der Hose lugt die Otternase“ lautet zu diesem Thema eine der besten Geschichten von Achim Achilles, googelt mal danach, das Lesen lohnt sich.

Nach 15 km, davon die letzte Hälfte unter gewissen Schmerzen, ist es soweit: Ich kapituliere – nein, nicht vor der Länge der Strecke, sondern vor der Unmöglichkeit, irgendwo mal unauffällig Pipi zu machen, bleibe stehen und stelle mich am Dixi an. Die vertanen Minuten sind allerdings sehr gut angelegt! Das ist wirklich zu beachten, denn die erste Möglichkeit, außerhalb der Bebauung mal gerade abzubiegen, bietet sich erst nach mehr als 20 km. Ein paar Mädels halten mir Plakate mit dem Titel des von mir im Februar gelaufenen Marathons in Sevilla entgegen: Corre con el corazón! Völlig uneigennützig setze ich sie darüber in Kenntnis, ein vielstimmiges, begeistertes „Venga!“, „Ánimo!“, „Vamos!“ ist die Folge. Ich muß wieder nach Spanien.
Hinter dem altehrwürdigen Golfplatz von Musselburgh, entlang dessen uns die Letzten des vor dreieinhalb Stunden gestarteten Halbmarathons in Zielrichtung unter unserem Beifall entgegenhumpeln,  sehe ich plötzlich das Führungsfahrzeug, gefolgt vom späteren kenianischen Sieger. Ist das eine coole Socke! Mein Vorläufer hält ihm die Hand hin und die schwarze Gazelle klatscht diese tatsächlich grinsend ab. Nun ja, mit fünf Minuten Vorsprung kann man schon mal Spökes machen. Nach jeweils weiteren vier bis fünf Minuten folgen die (weißen) Verfolger, ebenfalls in einem Affenzahn.
 

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Schon gelangen wir ins Städtchen Prestonpans, einer lokalen Berühmtheit wegen ihrer zahlreichen bedeutenden Denkmäler. Wir sehen allerdings nur die zugegebenermaßen nette Hauptstraße. Cockenzie and Port Seton heißt die nächste Siedlung, zweier früher eigenständiger Gemeinden, die sich fast unmittelbar anschließt. Auch hier war man früher in Salzgewinnung, Fischfang und Kohlebergbau aktiv, aber das ist lange her. Wie so häufig hängt man stark am Tropf des Tourismus. Nett ist der kleine Hafen mit den bunten Fischerbooten und das zu Ehren der Miss Wales geschmückte Reihenhaus. Seton Sands und der Golfplatz von Longniddry sind unsere nächsten Durchgangsstationen.

Immer mehr Marathonläufer kommen uns bereits entgegen, für den einen oder anderen stellt das bestimmt eine mentale Herausforderung dar. Nach Meile 15 wird es zu beiden Straßenseiten schön grün, eine willkommene optischen Änderung gegenüber dem Kurs der letzten km, der hauptsächlich aus Firth of Forth zur Linken und Häusern zur Rechten bestand. Ah, da kommt rechts eine Ein-/Ausfahrt, aus der zahlreiche Mitstreiter quellen und ich weiß Bescheid: Hier können das Ende des Weglaufens und der Rundkurs vorm Rückweg nicht mehr weit sein. An einem prächtigen Sandsteinportal dürfen wir allerdings noch nicht abbiegen, sondern müssen erst noch eine kurze Begegnungsstrecke überstehen.

Dann liegt nach 18 Meilen der ostwärtige Wendepunkt vor uns, auch wir dürfen zurück und jetzt endlich durch das eben noch bestaunte tolle Tor in eine ebensolche  Parklandschaft  einbiegen. Das prächtige Gosford House, das inmitten des Parks steht und von uns umrundet wird, ist der von 1790 bis 1800 errichtete Familienbesitz des Earls von Wemyss & March. Im Zweiten Weltkrieg von der britischen Armee beschlagnahmt, hat diese es geschafft, die Haupträume abzufackeln, was man heute bei im Sommer möglichen Führungen wohl teilweise noch nachvollziehen kann. Wir allerdings vollziehen jetzt gar nichts mehr nach, sondern ziehen auf grundsätzlich gleichem Kurs wieder zurück nach Musselburgh. Nicht aber, ohne die letzten paar hundert Meter auf Schotterkurs zurückzulegen. Das mit der schnellsten Strecke entpuppt sich bei näherem Hinsehen dann doch eher als Wunschtraum, die Siegerzeit des Kenianers von 2:13 spricht angesichts des Anspruchs eigentlich auch Bände.

Bagpipe in action

Noch auf dem Landgut bekommen wir den Marsch geblasen, und zwar von einem Dudelsackbläser in original schottischem Kilt. Wobei mir einfällt, daß diese beiden zutiefst typisch schottischen Requisiten noch gar nicht erklärt wurden, also: Die einst europaweit verbreitete Sackpfeife (Dudelsack) ist ein Holzinstrument, bei dem durch Armdruck Luft aus einem Luftsack in Spiel- und Bordunpfeifen geleitet werden, wo Einfach- (wie bei der Klarinette) und Doppelrohrblätter (wie bei der Oboe) Töne erzeugen. Grifflöcher am Spielrohr dienen zum Spielen von Melodien, während Bordunpfeifen Dauertöne erzeugen.  Im Zusammenspiel entstehen die Klänge, die nicht wenige von uns zur augenblicklichen Flucht verleiten. Der Kilt ist ein von Männern getragener, aus Wolle gewebter knielanger Wickelrock, wurde aber, so ursprünglich er erscheinen mag, erst im 18. Jahrhundert erfunden. Zurück auf die Strecke, jetzt haben wir Rückenwind.
 

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Bald nach der Rückkehr auf die Uferstraße sind zwanzig Meilen geschafft, das Ende wird also langsam absehbar. Die Brasilianerin der Sambagruppe dreht sich nach wie vor im Kreis und erscheint wirklich unverwüstlich. Da der Weg nichts Neues hervorbringt, bleibt Zeit, die Mitstreiter näher zu betrachten. Besonders auffällig sind für mich zahlreiche nur noch marschierende Staffelläufer, die auf diese Weise vom Relay (Staffel) Runner zum Delay (Verspätung) Runner werden. Und dann passiert das geradezu Unglaubliche: Dem ersten verschämten Sonnenstrahl folgt ein zweiter, dem ein dritter, und bald darauf ist die ganze Szenerie in schönstes Sonnenlicht mit angenehmer Wärme gehüllt. Warum nicht gleich? Zur Erinnerung: 14 Stunden Sonnenschein waren angekündigt.

Bei Meile 24 wird nochmals Gel angeboten, was aber physiologisch kaum einen Sinn macht (kann gar nicht mehr verarbeitet werden) und wohl nur noch der Psyche guttut. Eingangs Musselbourgh bin ich, wie schon auf den letzten km, fast nur noch am Überholen, obwohl ich meinen km-Schnitt von 6 min nur geringfügig erhöhe, falls überhaupt. Aber es motiviert, verkürzt die Zeit, und beim 25 Meilen-Schild darf ich mir schon Gedanken zum Zieleinlauf  machen. Das Zentrum naht, die ersten Absperrgitter tauchen auf, dann finden die letzten 500 m stark zuschauerunterstützt in Richtung eines mit großen Alu-Platten bedeckten Sportplatzes statt. Einer der deutschen Teilnehmer fällt natürlich wieder besonders auf, aber die Bundesdienstflagge mußte wirklich mal wieder dringend gelüftet werden!
 

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Mile 26,2: You’ll see the beautiful finish line ahead, one of the greatest sights for any marathon runner!

Knappe 4:12 Std. und Platz 3.600 ungerade von gut 7.600 im Ziel, das paßt im Angesicht der schönsten denkbaren Linie für einen Marathonläufer. Hinter ihr das gewohnte Bild, das Treiben auf dem Kunstrasen erinnert nicht nur mich mich an Stockholm, auch wenn das beeindruckende Olympiastadion von 1912 fehlt. Zuerst gibt’s die verdiente, schöne Medaille mit einer Ansicht der Edinburgher Altstadt, dann einen netten Karton mit Shirt, Trinkflasche, Folie, Wärme- und Kältegel, zwei gut schmeckende Riegel sowie eine Wasserflasche mit Iso-Tablette. Ganz so sparsam, wie noch bei der „Messe“ befürchtet, ist der Schotte also doch nicht.

„The miracle isn't that I finished. The miracle is that I had the courage to start.“ John Bingham

„Das Wunder ist weniger, daß ich angekommen bin, sondern daß ich den Mumm zu starten hatte.“ Diesen bei vielen Mitstreitern sicherlich passenden und motivierenden Spruch des US-amerikanischen Läufers und Autors John Pingham (Spitzname „Der Pinguin“) gibt uns der Veranstalter im Innendeckel des Goodie Bags mit auf den Weg und schließt damit die Anstrengungen des Tages.
 

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Man bietet uns nun den mitbuchbaren Rücktransport per Shuttlebus an, ca. 20 min Fußweg zum Busbahnhof plus 50 min Fahrzeit für 10 Pfund pro Nase sind einzukalkulieren. Wir wählen die Alternative, nämlich den Linienbus (26 oder 44) bei 3 min Fußweg, 40 min Fahrzeit und das Ganze für 1,70 Pfund. Als dritte Möglichkeit kommt auch der jede Stunde verkehrende Zug in Frage: 10 min Fußweg, 8 min Fahrzeit, für 2, 70 Pfund.

Lohnt es sich, für den Marathon nach Edinburgh zu fliegen? Nur dafür anzureisen, wäre Perlen vor die Säue zu werfen, denn die Stadt ist klasse. Unsere Entscheidung, ein wenig Zeit und Geld (unser Preisniveau plus 25%) für fünf Übernachtungen von Donnerstag bis Dienstag zu investieren, empfinden wir auch im Nachhinein als richtig. Im nächsten Jahr geht’s nach Irland.

Diesen Bericht gibt es mit sehr viel mehr Fotos auch auf Marathon4you.de!



Streckenbeschreibung:
Angeblich schnellste Strecke in Großbritannien, acht Meilen davon retour, Zielzeit 6:30 Std., jede Meile ist ausgeschildert.

Startgebühr:
54 Pfund (62 €) bei frühzeitiger Anmeldung.
 
Weitere Veranstaltungen:
Staffelmarathon, Halbmarathon, 10 km, 5 km, div. Schülerläufe
 
Leistungen/Auszeichnung:
Shirt, Medaille, Urkunde.

Logistik:
Sicherer Gepäcktransport ins Ziel.

Verpflegung:
An Meilen 9, 16, 22 und 24 Gels. Ab km 5 alle 2,5 km wenigstens mit Wasser (häufig zusätzlich mit Iso und Obst).

Zuschauer:
Recht gut in der zentralen Alt- und Neustadt, in den Außenbezirken insbesondere in den bewohnten Bereichen. Viele Zuschauer bieten private Versorgungsstationen an.
 

Letzte Änderung am Sonntag, 22. Juli 2018