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13. Düsseldorf-Marathon am 26.04.2015
 

Nur kein Understatement!

Köln und Düsseldorf - zwei Metropolen in NRW, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite die ehrliche, herzliche, bodenständige Millionenstadt Köln und auf der anderen das nicht nur mit seiner Königsallee leicht versnobte (und mit 0,6 Mio. Einwohnern deutlich kleinere) Düsseldorf, das nach Ansicht der „richtigen“ Rheinländer eigentlich gar nicht Landeshauptstadt sein dürfte. Da der Kölner Marathon mit seinen begeisterten Menschenmassen, purer Karneval beim Laufen, dort die jüngere Düsseldorfer Ausgabe mit nicht ansatzweise vergleichbarer Begeisterung. Stimmt dieser Eindruck oder handelt es sich schlicht um gerne gepflegte Vorurteile? Ich mache die Probe aufs Exempel und schaue mir das mit meiner auf den Kölner Straßen erlaufenen Erfahrung 42.195 m lang heute Mal in Düsseldorf an.

Nach längerem Überlegen gebe ich dem ÖPNV einen Korb, reise dann letztlich doch mit dem Auto an und parke direkt beim WDR, wenige hunderte Meter vom Ziel entfernt. Das stellt sicher, daß ich nach dem Lauf mein Auto auch wiederfinde und nicht wie weiland Kollege Sesterheim verzweifeln muß (sein Bericht ist auch Jahre nach dem Ereignis immer noch höchst vergnüglich zu lesen). Start und Ziel liegen etwa anderthalb km auseinander und so gönne ich mir einen netten Spaziergang entlang der Gestade Vater Rheins. Passiere dabei den mit 240,5 m Höhe zehnthöchsten Fernsehturm Deutschlands, der zugleich das höchste Gebäude Düsseldorfs ist und das Landtagsgebäude. Dahinter beginnt der Rheinpark Bilk, an dem vorbei heute Mittag die finalen 500 m führen werden, die ich jetzt noch ganz ausgeruht entlangschlendern kann.
 

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Nach den monumentalen Verwaltungsgebäuden des ehem. Mannesmann-Konzerns präsentiert sich mir die heutzutage verkehrsfreie Rheinuferpromenade mit der Pegeluhr, die den aktuellen Wasserstand des Rheins sowie die Uhrzeit anzeigt und noch aus der Zeit der ersten Promenadengestaltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts stammt. Dem schließt sich der 1392 erstmals erwähnte Marktplatz als Düsseldorfs zentraler Platz im Herzen der Altstadt an. Hier erfolgt heute die Startnummernausgabe in einem kleinen Zelt, was mir die willkommene Gelegenheit eröffnet, mich auch an dieser Stelle noch ein wenig umzuschauen ohne mich müde zu machen.

Natürlich lasse ich weder das letzte erhaltene Teil des ehem. Düsseldorfer Schlosses, den Schloßturm, noch die große Freitreppe und schon gar nicht den Burgplatz aus, denn hier mündet die 40 km lange namensgebende Düssel in den Rhein. Ja klar, warum sonst hieße es Düssel-Dorf? Ich unterquere die Oberkasseler Brücke, die wir später auf dem 10. und 18. km eine Etage höher überqueren werden. Und schon bin ich im Startbereich angekommen und habe noch vor dem ersten Laufschritt mehr Attraktives als bei so manchem anderen Stadtmarathon insgesamt erspechtet.
 

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Start am Rhein und erste km

Zum Erspechten gehört auch das zufällige Aufeinandertreffen mit lieben Lauffreunden, das mir regelmäßig diese Laufveranstaltungen versüßt: Peter Heinz ist da, Tim Aepfelbach und Roland Riedel macht gar den 4 Stunden-Zugläufer. Seine Sigrid genießt nach der 24 h-WM in Turin noch eine Schonfrist. Die Teletubbies, vier Läufer aus Augsburg, fragen nach dem Herrn Chefredakteur, aber ich enttäusche sie: Nee, Jungs, hier muß ich heute alleine arbeiten.

Eine angenehme  und sehr bekannte Stimme ist aus dem Startbereich schon früh zu hören: Wolf-Dieter Poschmann, Sportreporter mit einer pB von 2:19:29 Std. moderiert unaufgeregt und kompetent die Zeit bis zum Startschuß herunter. Der fällt um Punkt 9 Uhr, leider ist keine Tribüne aufgebaut und der Mann am Mikro daher nicht zu sehen. Halt, da steht er doch links auf Augenhöhe und ich lege die erste Vollbremsung des Tages ein: „Poschi, bitte ein Foto für die Weltpresse!“ und schon grinst er freundlich in meine Kamera, wie sich das gehört. Ein netter Kerl!
 

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Die ersten drei km führen, zunächst mit Unterstützung gut verpackter, sich einen abpuschelnder Cheerleader am Rheinufer entlang Richtung Norden, was mich direkt an den Bonner Silvesterlauf erinnert. Auch nach vielen Läufen renne ich immer noch zu schnell an, bin mit keinen 17 min. deutlich zu flott für meine anvisierten 4:15 Std., sogar die 3:45 Std.-Ballons habe ich noch hinter mir. Es gibt viel zu entdecken, das beeindruckende Gebäude des Oberlandesgerichts ist wirklich nett anzusehen. „Schreibst Du heute den Bericht?“, fragt mich Henry Hillmann, und wird, da er sich kompetent zeigt, direkt abgelichtet, bevor er in Richtung 3:36 enteilt.

Die 3:45er Ballons lasse ich bald ziehen und die erste von 12 Samba- und sonstigen Gruppen unter der Theodor-Heuss-Brücke macht einen solchen Spektakel, daß ich direkt eine Fotopause einlege. Dr. Dr. Joey Krüll ist in einem Ferrari-roten Rennanzug unterwegs und schwitzt sich vermutlich schon jetzt tot. Seine Geschichte ist hochinteressant und anrührend zugleich: Er läuft seit dem Skiunfalltag des ehemaligen Formel-I-Weltmeisters Michael Schumacher am 29. Dezember 2013 täglich ungefähr 50 Kilometer „für meinen Freund ‚Schumi‘ als „Spirit Healing Run“. Dr. Krüll, selbst Arzt und Sportmediziner, kennt Schumi von der Rennstrecke, wo er jahrelang als Journalist tätig war, und ist sicher, daß er Schumi hilft, wieder gesund zu werden. 2014 müßte er demnach über 20.000 km gelaufen sein. Schaut mal auf Youtube, da gibt es einige nette Videos.
 

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Ob Stefans Freund mit seiner Propellerkappe schneller ins Ziel gekommen ist als beabsichtigt, entzieht sich leider meiner Kenntnis, auf jeden Fall gibt’s was zu lachen, als er bemerkt, daß ich ihn knipsen will. Solche Spaßvögel sind doch das Salz in der Suppe, das uns Hobbyläufern die langen km mit Ablenkung würzt. Auf dem 4. und 5. km umrunden wir den Nordpark mit seinem japanischen Garten und dem Löbbecke-Museum. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, entfliehe dabei dem Kopfsteinpflaster und belaufe den besser zu belaufenden Bürgersteig, auch wenn das ausdrücklich untersagt war (wirklich!).

Die Runde ist geschlossen, auf dem 6. km sind wir wieder auf dem Rückweg in Richtung Start und können sogar noch einige Nachzügler bewundern. Vorher hat man uns erstmals mit Wasser versorgt, alle 2,5 km erwartet uns jetzt eine Tränke, verdursten braucht also keiner. Eine weitere Sambagruppe macht uns Beine und freut sich über das Feedback in Form meiner Kameralinse. „42 km Emotionen“ verspricht uns das großformatige Werbeplakat, das man an verschiedenen Stellen der Stadt plaziert hat. Ob das wirklich so sein wird, werden wir auf den noch ausstehenden 35 km zur Genüge prüfen können, letztlich ist es aber doch immer nicht zuletzt die eigene hoffentlich positive Einstellung, die am Ende darüber entscheidet, ob ein Marathon toll war. Auf dem achten km drehen wir eine Schleife zur Rampe der Oberkasseler Brücke und nehmen die ersten von heute wirklich nicht nennenswerten insgesamt 36 Höhenmetern.
 

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Ausflug nach Oberkassel

Von den Start- und Zielbereichen einmal abgesehen ist die zweimalige Überquerung der Oberkasseler Brücke, der bereits dritten am selben Ort, der Stimmungshöhepunkt des gesamten Laufs. Dicht gedrängte Zuschauerreihen geizen wahrlich nicht mit Beifall, und die Tonhalle zu meiner Rechten, in der wohl überwiegend klassische Musik gegeben wird, ein echter Augenschmaus. Man trommelt, daß die Brücke bebt, und ein von allgemeinem Gelächter begleiteter beherzter Sprung über eine Verkehrsabsperrung bringt mir ein schönes Foto über das Startgelände. Drei Spuren weist die Brücke auf und eingangs des Stadtteils Oberkassel sind die ersten 10 km geschafft, zwischendurch hat sogar einmal kurz die Sonne durch die dichten Wolken gelugt. Wir haben Glück, es bleibt trocken und erst nach ca. 4,5 Std. Laufzeit wird es zu nieseln beginnen.
 

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Eine breite Straße führt uns tief hinein, die Luegalle (Heinrich, nicht Ernst-Dieter!) bietet Platz, v.a. auch für die Staffelwechsel, deren ersten wir jetzt erleben. Wirklich intelligent ist das System, die Staffelläufer zur Seite, abgetrennt von den Marathonern, abzuleiten um ungestört übergeben zu können. Perfekt finde ich auch, die Staffeln nach Buchstaben zu sortieren, so kann jeder seinen Wechselpartner schon von weitem erkennen. Und noch etwas ganz Tolles hat man hier gemacht, was ich erst hinterher sehen werde: Für die Staffelteilnehmer gibt es eine separate Medaille, deren Stücke (also die Einzelmedaillen) puzzleartig ineinander passen.
 

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Gegenüber, schon auf dem 18. km, sehe ich gerade noch die Führenden und schaffe es, sie auch mit der Kamera einzufangen. Düsseldorf habe kein Geld für Spitzenläufer, was sich auf die Veranstaltung insgesamt negativ auswirke, lese ich später. Das ist natürlich eine Frage des Anspruchs, die Siegerzeiten (2:13 bei den Männern, 2:28 bei den Frauen) sind doch sehr respektabel und – seien wir mal ehrlich – ist es für Euch ein Kriterium für oder gegen eine Teilnahme, was an der Spitze abgeht? Renndirektor Jan Winschermann und Paco Barao, der Direktor des Welt-Marathon-Verbandes behaupten das. Macht Ihr davon Euren Start abhängig? Ich jedenfalls nicht ansatzweise.

Auffällig viele Fans von Fortuna Düsseldorf machen Alarm an der Strecke, mehr jedenfalls, als ich das in anderen Städten erlebt habe. Ja, Freunde des gepflegten Rasenballsports (in gewachsenen Clubs!), mit dem Aufstieg gibt das keinen mehr, bei den Lauteren dagegen sehr wohl, aber diese Weisheit behalte ich in der Höhle des Löwen tunlichst für mich, bin ja nicht lebensmüde. Spielt Ihr mal schön weiter gegen Bochum, wir nehmen nach der Sommerpause lieber die Bayern (Nachtrag: Sic tacuissem - ich hätte besser den Bagger gehalten).

Der Lauf in Oberkassel ist weitgehend meditativ, Zuschauerzuspruch wird eindeutig überbewertet. Erst am Rhein auf den km 14 und 15 tut sich wieder etwas und dann beginnt die Phase des kollektiven Bedauerns, denn hier ist ganz offensichtlich das Proletariat zuhause, eine Notunterkunft grenzt an die nächste, es ist einfach mitleiderregend. Einer kann sich dann zwar ein Auto leisten, aber es hat nur zum Stoffdach gereicht, und die Emily auf dem Kühler ist wohl der Griff zum Wegwerfen.
 

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Wilhelm Scheepers ist mit raumgreifenden Schritten neben mir. Als ich ihn lobe, so ganz jung ist er nicht mehr, soll ich ihn schätzen. 70? 74 ist er und hat, so erzählt er mir, im letzten Jahr mit 73 die M 70 gewonnen und war u.a. auch in Kevelaer nicht zu schlagen. Respekt! Heute wird es mit 4:05 „nur“ Silber, der Sieger, ein Belgier, läuft sagenhafte 3:51. Die Siegerzeit in der M 75? Unfaßbare 3:48! Aber da stimmt etwas nicht, es fehlen zwei Zwischenzeiten und den Halbmarathon kann er nicht unter einer Stunde gelaufen sein, das wäre weltrekordverdächtig.

„Der Norbert!“ Ein Motorradpolizist, der neben unserem Freund, dem Fotoreporter Norbert Wilhelmi steht, lacht lauthals, als wir uns begrüßen. Ich hatte es ja schon angedeutet: Wenn man mal von Brücke, Start- und Zielbereich absieht, könnte, der Größe der Stadt angemessen, schon etwas mehr an Zuschauern am Rand stehen. Aber etwas ist sehr positiv auffällig: Diejenigen, die da stehen, machen durchweg Randale, kaum einer steht regungslos herum. Insbesondere die vielen, vielen Helferinnen und Helfer sind unermüdlich am Anfeuern und klatschen sich mit freundlichen Gesichtern die Hände wund. Vielen Dank dafür!
 

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Dann dürfen auch wir uns auf den Rückweg über die Brücke machen, verlassen Oberkassel wieder und bewundern unterwegs den nicht abreißenden Strom der gegenüber laufenden Staffelläufer, die nach uns gestartet wurden. Am anderen Ufer ist km 19 erreicht und die Halbzeit schon in Reichweite.

Altstadt und die „Kö“ zum ersten

Kaum zurück im „richtigen“ Düsseldorf wird’s mondän, mit der liebevoll „Kö“ genannten Königsallee wartet eine der feinsten Einkaufsadressen Deutschlands auf uns. Der Boulevard – wir Dörfler müssen uns mit Straßen begnügen, auch in Köln gibt’s nur eine Hohe Straße – wird geteilt durch den Stadtgraben und ist mit seinem tollen Baumbestand sehr schön anzusehen. Das Wasserspiel entdecke ich noch aus dem Augenwinkel heraus, es ist der Tritonbrunnen, wie ich mir soeben angelesen habe. Nur kurz verweilen wir hier, werden aber später wiederkehren und auch noch den südlichen Teil ablaufen.

Vor dem Justizministerium grüßt, ganz staatsmännisch, Ihro Gnaden Kaiser Willi I. vom hohen Rosse, bevor mir das Zeiteisen an der Halbmarathonmarke eine mögliche sub 4 signalisiert. Halten wir es mit dem Kaiser (also dem anderen, der mit dem aktuellen Jubiläum): Schau’n mer mal. Dann muß ich dringend etwas in eigener Sache loswerden, und zwar in ganz beruflich/persönlicher: Auf einigen weiteren km engagiert sich die Reservistenkameradschaft u.a. an der Streckensicherung. Das ist ein hochlöbliches Unterfangen, allerdings läßt der optische Eindruck sehr stark zu wünschen übrig. Wenn sich die Hälfte von Euch in Uniform stark übergewichtig bis adipös, mit teils beklagenswertem Haarschnitt und den Händen am Sack die Zeit vertreibt, ist das absolut keine Werbung für die Armee. Da gibt die örtliche Feuerwehr doch ein ganz anderes Bild ab.
 

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Viele km durch die Innenstadt

Schon länger fällt mir Anton Selman in unserem „Marathon-Supercup“-T-Shirt auf. Mit beeindruckendem Schritt ist er unterwegs, um dann abrupt abzustoppen, zu gehen und dieses Spiel dann von vorne beginnen zu lassen. Das wiederholt sich sehr häufig, wir sind etwa im gleichen Tempo unterwegs und überholen uns gegenseitig. Im Ziel treffe ich ihn wieder und will wissen, was genau er da getrieben hat. Er sagt nur „Jeff Galloway“ und bei mir klingelt’s, allerdings nicht wegen des gleichnamigen Rindviehs: Jeff nämlich propagiert das abwechselnde Laufen (eine Meile) und Gehen (eine Minute) zur Schonung von Puls und Beinen. Seit der Halbmarathonmarke macht Anton das und kommt gut damit zurecht. Interessant, das mal von einem Praktiker gehört zu haben. Genauso interessant ist es bei der zunehmenden Zahl tätowierter Mitstreiter, da hast Du als Hinterherlaufender immer was zu lesen, das wird nie langweilig.

Als „Hotspot“ mit richtig vielen Zuschauern entpuppen sich bei der Zoopark-Umrundung die von einem Sponsoren zur „Aluminium-Meile“ umfunktionierten km 27 und 28: Mit dessen Unterstützung sollen die Anwohner der Fritz-Wüst-Straße uns Läufer anfeuern und mit einem bunten Programm am Rand der Laufstrecke feiernd für die gemeinnützige „Aktion Lichtblicke e.V.“, die notleidende Kinder und Familien in Nordrhein-Westfalen unterstützt, Gutes tun. Und das tun sie wirklich, es ist schön, sie lassen nur eine schmale Gasse zur Durchlaufen offen. Bei km 30 bin ich immer noch voll im selbstgesetzten Soll.
 

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So langsam belebt sich die Szenerie insgesamt wieder mehr, ein ohrenbetäubender Augenschmaus sind die barfüßigen BuJin-Taiko-Trommler auf ihren japanischen Instrumenten. Innerhalb pulsierender Klänge der Trommeln sei es ein inbrünstiges, tief empfundenes Gebet für Einsicht und Friede, ein reiner Klang, der direkt das Herz, den Geist und die Seele der Menschen anrühre. Mein lieber Freund, das muß ich unserem Pastor mal stecken, wäre da Action in unserer Heiligen Messe! A propos japanisch: Die über 6.500 Japaner in Düsseldorf bilden die einzige Japantown Deutschlands. Düsseldorf ist zudem ein wichtiges Zentrum japanischer Wirtschaftsaktivitäten in Europa. Obwohl die Japaner als siebtgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe eine kleine Minderheit bilden, prägen sie seit über 50 Jahren das Stadtbild und bereichern das wirtschaftliche und kulturelle Leben. Überhaupt ist der Lauf sehr international, viele verschiedene Sprachen sind unterwegs zu vernehmen, über 70 Nationen sollen am Start gewesen sein.

Dann hole ich einen Mitstreiter ein, auf dessen Trikot Werbung eines mir sehr bekannten Menschen prangt. Hast Du mit dem zu tun?, frage ich. Nee, nur so ein bißchen, warum? Das ist mein Ex-Schwager. Wolfgang?!?!? Ich bin Christian! Tja, kaum sind 35 Jahre vergangen, schon trifft man alte Freunde aus der ehemaligen Heimat in der Diaspora wieder. Hat mich sehr gefreut, mein Lieber! Wir sehen uns beim Bruchköbeler Stadtlauf wieder.

Ich komme mit einem anderen, deutlich jüngeren Christian, Rams nämlich, ins Plaudern. Er hält sich sehr wacker und bestätigt, was ich vermutete: Es ist sein erster Marathonlauf. Wie lange sein längster Trainingslauf war? 36 km. Genau so weit sind wir in diesem Moment gekommen. „Jetzt läufst Du in eine andere Dimension hinein“, sage ich fürsorglich. Wie er sich fühle? Super, unglaublich gut. „Dann hau rein, was Du hast, da geht nichts mehr schief!“ Und er hört auf den Onkel und nimmt mir auf jedem der letzten sechs km noch eine geschlagene Minute ab. Herzlichen Glückwunsch, Christian, eine grandiose Vorstellung hast Du da abgeliefert!
 

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Letztes Aufbäumen und die „Kö“ zum zweiten

Natürlich wird es gegen Ende wie immer zäh, etwas weh tut’s jedes Mal und wer anderes behauptet, lügt schamlos. Aber es sind nur noch 5 km, wie uns der fette Hinweis auf der Straße aufmunternd zeigt. Die laufen wir im Training doch auf der halben Pobacke, auch wenn es für den einen oder anderen jetzt heftig zu werden beginnt, einige müssen dehnen oder Gehpausen einlegen. Bekanntes naht, das ist doch die Straße, durch die ich heute Morgen fuhr! Das verspiegelte Haus zu meiner Linken ist unverwechselbar. Ein kurzes Begegnungsstück führt uns mit den 3:45er Zugläufern zusammen, die gute zehn Minuten voraus sind.

Ah, da ist das hochwillkommene 40 km-Schild und damit der Beginn des zweiten Teils der „Kö“, und damit ein erneut optisch sehr ansprechendes Stück Düsseldorf, aber ich bin mir sicher, alle um mich herum haben jetzt nur noch Augen für den ersehnten Zieleinlauf.
 

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Schaulaufen

Schön sind die vermeintlich kleinen Geschichten am Rande wie die der gebürtigen Afghanin Latifa Lalee vom Running Team Grafenberg, die übers joggenderweise Begleiten ihres Sohnes beim Fahrradfahrenlernen ans Laufen kam. Sie hat verstanden, worum es geht: "Ich denke nicht an die ganze Strecke, sondern stelle mir vor, dass ich nur zehn Kilometer laufe - die schafft man immer." Ist sie dann am Ende einer Etappe, fängt sie im Geiste wieder bei Null an: "Das ist etwas, das ich auch im Leben wichtig finde. Zu wissen, daß man jederzeit wieder neu anfangen kann." Körperliche Fitness sei zwar wichtig, noch wichtiger aber mentale Stärke und der Wille zum Weiterlaufen. Auch Latifa schafft ihren ersten Marathon in respektablen 4:11 Std. Herzlichen Glückwunsch!

Dann ist es nur noch ein km, ein schlapper, aber elend langer, wenn man auf der letzten Rille läuft, was bei mir zum Glück nicht der Fall ist. Jetzt sind wir es, die auf der Begegnungsstrecke die kürzere Restlaufzeit haben. Und dann sehe ich ihn, den nordrhein-westfälischen Übervater und ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, lässig unter den Zuschauern stehen. Ganz in Bronze schaut „Bruder Johannes“ uns Akteuren wohlwollend zu. Die Dichte der Erdinger-Werbung samt passend gewandeter, puschelnder Mädels nimmt zu und damit bei mir das Bedürfnis nach artgerechter Zielverpflegung.
 

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Ein kurzer Stich bringt uns ans Rheinufer auf die Zielgerade herunter. Der Rhein zur Linken und zwei Stockwerke Zuschauer zur Rechten geben das passende Ambiente auf den letzten Metern, die wir mit stolzgeschwelltem Busen zurücklegen. Prima, 250 Fotos Rohmaterial in 3:57 Std. nach Hause gebracht, da bin ich doch sehr zufrieden. Leider muß auch die Weltpresse den Platz bald räumen, um den Verkehr nicht unnötig aufzuhalten, daher begibt sie sich nach der Erstverpflegung mit Wasser und Banane zum Marktplatz, wo eine abgepackte Verpflegungs(?)tüte des Hauptsponsors mit einer großen Flasche Duschgel, einem Gästehandtuch, einer Packung Spaghetti und einer Flasche Apfelschorle warten. Und natürlich der Lebensretter aus Erding. Unmittelbar und optimal nebeneinander sind auch Dusch-, Massage und Gepäckzelt disloziert. Hoffentlich ist das Gerücht über mehrere geklaute Taschen nicht wirklich wahr.

Ich glaube, mit dem, was ich berichtet habe, ist die eingangs gestellte Frage schon unterwegs hinreichend beantwortet worden: Der Düsseldorfer Marathon ist eine top organisierte Veranstaltung, an der es außer einer noch besseren Zuschauerresonanz – und da unterscheidet er sich wirklich vom Kölner Gegenstück – nichts zu meckern gibt.
 

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Umso mehr verwundert es mich zu lesen, daß sich Renndirektor Jan Winschermann beklage, die Stadt interessiere sich nicht für den Marathon. Den Imagefaktor würde Düsseldorf außer acht lassen und lieber auf viele Veranstaltungen setzen als auf Höhepunkte. Es sei schon traurig, daß 2.500 Läufer aus NRW an diesem Wochenende lieber in Hamburg starteten. Ohne Euch Düsseldorfern zu nahe treten zu wollen, der Vergleich hinkt aus meiner Sicht, der  eines erfahrenen und weit herumgekommenen Marathonläufers. Hamburg als Stadt ist, bei aller Liebe, doch noch ein anderes Kaliber mit einer ganz anderen Sogwirkung, ein Beispiel sicherlich, aber bestimmt nicht der geeignete Benchmark, um sich kleinzureden. Außerdem laufen viele, genauso wie ich, auch mal gerne woanders und schätzen die Abwechslung. Und: Wer könnte in Hamburg besser und glaubhafter Werbung für Düsseldorf und seinen Marathon betreiben als 2.500 Nordrhein-Westfalen? Etwas ganz Wichtiges ist aber doch ein echter Trumpf für Euch: Welcher Oberbürgermeister läuft denn selber mit und kommt auch noch unter vier Stunden rein? Wenn der nicht Marathon-affin ist, wer dann? Hat denn Euer OB in der Stadt nichts zu sagen? Also, Ihr macht das genau richtig und seid auf einem guten Weg. Bitte weiter so, mir hat es gut gefallen. Nur kein Understatement!
 

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Viel mehr Fotos im Bericht auf Marathon4you.de!

Streckenbeschreibung:
Fast völlig flacher Einrunden-Stadtkurs.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitraum 54 bis 95 € (bei Nachmeldung).

Weitere Veranstaltungen:
Kinderlauf und Marathonstaffel für 4 Teilnehmer.

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde übers Netz.

Logistik:
Hervorragend und alles Notwendige auf dem Marktplatz gelegen (inkl. Duschzelt).

Verpflegung:
Ab km 5 alle 2,5 km (Wasser, Iso, Bananen, später Cola, einmal Gels).

Zuschauer:
Viele im Start- und Zielbereich sowie auf der Oberkasseler Brücke und in der Fritz-Wüst-Straße (km 27/28), auch in manchen Kurven. Insbesondere in der Innenstadt doch eher dünn.
 

Letzte Änderung am Mittwoch, 20. September 2017