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28. swissalpine am 27.07.2013
 

Da, wo’s schön ist

Noch nie in meinem Leben habe ich etwas derart Hartes gemacht. Lauftechnisch gesehen. Nur die Aufbietung meines ganzen Willens hat mich dieses Rennen durchstehen lassen. Aber alles schön der Reihe nach.

Es gibt Wettkämpfe, die sind für einen, der sich selber als Normalläufer betrachtet, bei seinem überschaubaren Trainingsaufwand schlicht unerreichbar. Ich spreche dabei vom UTMB und Konsorten, also Läufen, die über die Länge von 100 km teils deutlich hinausgehen und auch noch mit tausenden von Höhenmetern garniert sind. Es gibt aber auch Grenzfälle, die irgendwie gerade noch so machbar erscheinen, wenn man daheim auf der Couch liegt und tiefenentspannt vor sich hin spinnt. Ein solcher ist der Swissalpine mit seiner Königsdisziplin 78 km und 2.650 Höhenmetern.

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Schon vor zwei Jahren, noch unter dem seligen Eindruck meiner Biel-Premiere, wollte ich ihn angehen, aber der Herr Chefredakteur meinte in seiner fürsorglichen Art, ich sollte erst einmal alpine Marathonerfahrung sammeln. Gut tat er daran, denn so erlebte ich in den Folgejahren nicht nur zwei unvergeßliche Urlaubswochen in der Schweiz, sondern mit meinen Teilnahmen am Jungfrau- und Zermatt-Marathon bei jeweils herrlichstem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes die Sonnenseiten des alpinen Berglaufs kennen und lieben. Nun also folgt endlich der letzte Teil meiner helvetischen Marathon-Alpentrilogie.

Hans Castorp, der Hauptfigur aus Thomas Manns Bildungsroman „Der Zauberberg“ (den ich tatsächlich, allerdings unter Aufbietung größten Durchhaltevermögens, komplett gelesen habe) folgend, mieten wir uns im Berghotel Sanatorium Schatzalp, 300 HM über Davos, ein, genießen dessen etwas morbiden Charme und lassen uns lecker bekochen. Hans traf dort jede Menge weltentrückte Personen, darauf habe auch ich mich eingestellt. Er gewinnt den Eindruck, daß Krankheit den Menschen vergeistige und veredele, während Personen von robuster Gesundheit zu einer gewissen Einfalt neigten. Na prima, schon bin ich entlarvt.

1900 eröffnet, war die Schatzalp, ein echtes Juwel, ein Luxussanatorium neben 23 (!) anderen unterschiedlicher Klassen in Davos zur Heilung Tuberkulosekranker. Infolge der verbesserten Heilungsmethoden und insbesondere der Erfindung des Penicillins Anfang der 50er Jahre war die Geschäftsgrundlage für die meisten Sanatorien, so auch der Schatzalp, entfallen und man wandelte sie in Hotelbetriebe um. Davon profitieren wir noch heute, sehr viel ist im Originalzustand erhalten, die einzigartige Lage im Sonnenhang über Davos macht sie fast zu einem Muß, auch in der Vorbereitung auf den Swissalpine.
 

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Rund um die Schatzalp ist das optimale Trainingsrevier, um sich den letzten Schliff zu holen oder die Form zu konservieren: Der leicht wellige, 1,4 km lange Thomas-Mann-Weg, der 2,2 km lange Wasserfallrundweg mit 70 HM, die 4 km-Runde um den Davoser See oder, ganz optimal, der „Eichörnliweg“. Dieser führt über rund 2,1 km und knapp 300 HM zwischen Tal- und Bergstation der Schatzalpbahn. Läufst Du den halbwegs locker hoch, brauchst Du vor den Bergen keine Angst zu haben. Wer jetzt beeindruckt ist, dem sei hiermit der Startanstieg des Grand Raid de la Réunion auf der französischen Vulkaninsel mitten im Indischen Ozean beschrieben: Der ist 21 km lang und hat 2.500 HM am Stück. Und das mitten in der Nacht. Der ganze Lauf bietet auf 150 anspruchvollsten km satte 9.000 HM.

Von derlei Grausamkeiten unbelastet sind wir schon eine Woche vor dem Lauf angereist, und absolvieren am Folgetag den ersten Davoser Lauf. Ob Zufall oder nicht, jedenfalls können wir den dreiründigen Dorfkurs über 8 km um 21 Uhr, den Nachtlauf Davos, keinesfalls auslassen und staunen über unsere Kurzatmigkeit nach der einzigen nennenswerten Steigung am Kongreßzentrum zum Ende der Runde. Wir hoffen, daß dies weniger mangelhaftem Trainingsstand geschuldet ist, sondern mehr der ungewohnten Höhenluft von gut 1.500 HM. Hier wird die einwöchige Akklimatisierung auf fast 1.900 HM hoffentlich zur Vorbereitung auf den großen Lauf helfen.

Die Marathonmesse im Kongreßzentrum ist klein, aber fein, und führt auch zu einem Wiedersehen mit der schier omnipräsenten Geschäftsführerin des Zermatt Marathons, Andrea Schneider.
 

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Der Start um 7 Uhr zwingt zu frühem Aufstehen. Frühstück zwei Stunden davor ist für mich nicht wirklich attraktiv, aber ich zwinge mir hinein, was geht, schließlich werde ich heute jede Menge Kalorien verbrennen und muß vorsorgen. Mit der ersten Bahn um 6 Uhr bin ich auch früh im Stadion und gebe, nachdem ich mir das lange überlegt hatte, für alle Fälle doch einen Rucksack mit Wechselbekleidung für den Transport nach Bergün ab, wo ich ihn bei Bedarf nach 40 km Laufstrecke plündern kann. Anschließend wird er mit vielen anderen Kollegen ins Ziel zurückgebracht werden.

Nach täglich wechselnden Wettervorhersagen ist schon am Morgen klar, daß der heutige Tag als Hitzeschlacht in die Annalen des Swissalpine eingehen wird, dazu später mehr. Wenigstens alle 5 km werden wir (mindestens) mit Trinkbarem versorgt werden, trotzdem entscheide ich mich für die Mitnahme einer großen Flasche und werde mir unterwegs zu diesem Entschluß mehrfach selber gratulieren. Schon im Stadion beglückt man uns mit Getränken, um 6:50 Uhr fallen die ersten Sonnenstrahlen aus stahlblauem Himmel hinein. Allseits versprühen die Läufer gute Laune, die Butze, der Schneggi, die Sigrid – was soll da schiefgehen? Heroische Musik erklingt, und nach einem ausgiebigem Einlaufen (nee, das war ein Witz!) geht es dann endlich los zur Eroberung des Paradieses.

Davos – Monstein (Start bis 15,5 km)

Ich beginne sehr verhalten. Wer sich ein wenig für lange, insbesondere für ultralange Läufe interessiert, weiß: In der Ruhe liegt die Kraft. Da hilft es natürlich zwangsläufig, wenn man nicht (mehr) so flott laufen kann, also ganz natürlich ausgebremst wird. Ich habe mir spaßeshalber mal einige meiner Urkunden angesehen, auf denen bei den Zwischenzeitnahmen auch der augenblickliche Rang angegeben war. So bin ich z.B. in Biel, Rom oder letztens in Prag bei recht gleichmäßigem Tempo insbesondere im letzten Drittel quasi von alleine deutlich nach vorne gespült worden. Theoretisch ist uns das ja allen klar, nur an der Ausführung hapert es häufig. Wird das heute auch so funktionieren?

Aus dem Stadion heraus geht es auf einer großen Runde durch Davos Dorf und Platz, gemeinsam mit uns sind auch die Teilnehmer des C42 und K30 gestartet. Auffällig viele Fans sind zu dieser frühen Stunde schon am Straßenrand und verabschieden uns mit guten Wünschen. Ausdrücklich ausgenommen davon sind wohl die orthodoxen Juden, die sich in großer Zahl von jung bis alt in der Stadt aufhalten und vermutlich nicht nur mir auffallen. Sie streben im Kaftan (schwarzer Mantel) und mit Streimel (Fellhut) auf dem Kopf zur Synagoge, schließlich ist heute Sabbat, den wir in ihren Augen sicherlich schänden. Wenn ich mir überlege, was unsere Vorfahren damals mit ihnen anstellten… Dieses Bild muß zu vergangenen Zeiten in vielen deutschen und europäischen Städten zum normalen Straßenbild gehört haben, für mich ist es völlig ungewohnt.
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Brigitte Krämer unterhält mich am Dorfausgang und erzählt mir stolz, daß sie zweimal je 30 km von ihren beiden Söhnen begleitet werden wird, das ist doch eine feine Sache. Mit erstem Treichelgeläute verlassen wir Davos und laufen, noch etliche Zeit auf Asphalt, weiter ins Tal hinaus in Richtung Lengmatte. Die ersten Wellen nehmen wir noch locker, in weiser Voraussicht auf das Kommende wird aber auch schon mal das Gehen ausprobiert. Der Himmel ist blau, die Gegend schön, die Stimmung gut. So kommen wir nach 11 km ins Örtchen Spina, das uns mit großem Tamtam begrüßt, fast erinnert es mich ein wenig an Wengen beim Jungfrau-Marathon. Die erste größere Steigung bringt uns rund 150 m nach oben, noch begünstigt gnädiger Schatten das Vorwärtskommen.

Schrecken mich die heute zu absolvierenden 77,5 km? Müßten sie eigentlich, tun sie aber nicht. Wie vor drei Jahren in Biel bin ich bis zur Oberkante Unterlippe voll Adrenalin und vom Erfolg überzeugt. Positive Affirmation nennt man das, Norman Bücher predigt sie. Ohne Zweifel sind das gute Voraussetzungen, die mich hoffentlich über die zweitlängste je von mir gelaufene Strecke tragen werden. Denke ich allerdings z.B. an den kürzlich bei uns durchgeführten WiBoLT, Germaniens längsten Non-Stop-Landschafts-Ultratrail über den kompletten Rheinsteig von Wiesbaden nach Bonn (320 km, 11.700 HM) relativiert sich das hier zum Kindergeburtstag. Aber auch ein solcher kann, wie wir erfahrenen Eltern wissen, ganz schön anstrengend werden.
 

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Birgit, die mit ihrem Norbert ebenfalls hier ist und auch mit uns in der Schatzalp wohnt, hole ich (erst) hier ein, ich bin doch ziemlich weit hinten gestartet. Wie lange werde ich heute benötigen? Das ist sehr schwer einzuschätzen, insbesondere bei den heutigen Bedingungen. Ausgehend von den Ergebnissen einiger Bekannter aus den vergangenen Jahren könnte ich mir so in etwa zehneinhalb Stunden vorstellen, dafür müsste ich allerdings die ersten 40 km bis Bergün in max. vier Stunden und zwanzig Minuten laufen können. Jetzt erfreuen uns aber erstmals Naturpfade, ich habe mich übrigens für Trailschuhe mit GoreTex entschieden, die mögen keinen Asphalt.

In Rotschtobel begeistern mich ein paar Schweine, die ich zum Entsetzen einiger auf der anderen Straßenseite stehender weiblicher Fans ablichte. „Ja, Mädels, ich mußte mich entscheiden, wer schöner ist: Die Schweine oder Ihr!“ Glücklicherweise können sie über meine Frechheit herzlich lachen. Hier haben wir den vorerst höchsten Punkt erreicht und kommen, zunächst wieder auf festem Weg, über Monstein ins Tal. Auf den nächsten 14 km werden wir fast 700 Höhenmeter verlieren.

Monstein – Filisur (15,5 – 29,0 km)

Parallel und unter der Eisenbahnstrecke sehen wir in der Zügenschlucht einige wahrscheinlich uralte, in den Fels geschlagene Tunnel. Ein paar davon dürfen wir durchlaufen, andere sind wohl einsturzgefährdet und daher gesperrt. Sehr schön sind auch die Viadukte der Eisenbahn, die wir wiederholt unterqueren, immer wieder bieten sich uns tolle Eindrücke. „Sind Sie der Ansicht, Herr Orlinger, daß der Herr Duwe dieses von Ihnen soeben aufgenommene Bild veröffentlichen wird?“ Herbert und ich lachen uns scheckig, als wir uns zufällig treffen, er ist heute für den C42 zuständig und eine Zeitlang bleiben wir zusammen.
 

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Nach 24 km durchlaufen wir mit dem Bahnhof von Wiesen einen markanten Punkt. Die Wirtin der Gaststätte, die uns gestern bei der Streckenbesichtigung noch mit Graupensuppe aufgepäppelt hatte, treichelt, was das Zeug hält, und jagt mich weiter auf das berühmte, 88 m hohe Viadukt. Auf einem schmalen, angebauten Gitterrost überquere ich es, nur nicht zu sehr nach unten schauen! Leider, leider fährt gerade kein Zug vorbei, das wäre zum Fotografieren zu schön gewesen. Schaut mal bei Klaus’ Fotos nach, der konnte dieses Bild einfangen. Uff, gut, endlich wieder im kühlen Wald, der Planet brennt gnadenlos.

Ein Bild, das sich mir jetzt schon ein paar Mal geboten hat, wird mich witterungsbedingt bis ins Ziel begleiten: Jede, aber auch wirklich jede Möglichkeit wird zum Abkühlen und/oder Trinken genutzt, egal ob Dorfbrunnen, Viehtränke, Bachlauf, kleiner Wasserfall, private oder offizielle Verpflegungsstelle.

Filisur – Bergün (29,0 km – 40,0 km)

In Filisur, nach knapp 30 km, haben es die K30er schon geschafft, ich habe hierher 3:16 Std. benötigt. Erste Zweifel bezüglich meiner Zielzeit machen sich breit.

Eigentlich würde ich sie, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, heute gerne nutzen: Die an vielen Stellen, selbst im alpinen Teil (das Wasser wurde extra mit dem Hubschrauber nach oben transportiert!), auch von Privatleuten aufgestellten Gartenduschen zur Abkühlung. Aber das würde mir mein Fotoapparat nicht verzeihen, daher muß ich mich im Verzicht üben, auch wenn sie noch so verlocken.
 

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Gute 300 m wird es auf den folgenden 11 km wieder aufwärts gehen, und „Gehen“ ist auch für uns das Stichwort, denn wiederum sparen wir uns auf etlichen Abschnitten einige Körner. Richtig heiß und staubig ist es mittlerweile auf den breiten Schotterpisten geworden, dagegen angenehm kühl, aber steil im Wald. Meine mit Iso gefüllte Flasche habe ich zur Hälfte geleert und lasse sie mit Wasser wieder auffüllen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, immer eine Reserve dabeizuhaben, trotz der hohen Trankstellendichte nutze ich sie ausgiebig.

Die letzten drei km vor Bergün fallen erneut steil ab. Kurz vor dem Ort werden die C42er noch auf eine kleine Zusatzschleife geschickt, bevor sie im Dorf ihren wohlverdienten Zieleinlauf genießen dürfen. Es ist kurz nach 11 Uhr, als ich an der letzten Tränke erfahre, daß es hier auf rund 1.350 m bereits 31° heiß ist!

Bergün – Keschhütte (40,0 – 54,0 km)

Bergün ist ein malerisches Dorf mit imposanten, teils mehr als 500 Jahre alten Wohngebäuden. Besonders beeindruckend ist auch der Platzturm (ehemals herrschaftlicher Amtssitz) aus dem 13. Jahrhundert. Jede Menge ist hier immer noch los, selbst nachdem die zwei Wellen des K42 bereits gestartet worden sind. Lautsprechermusik, Anfeuerungen, toll ist es. Da rappelt man sich doch gleich nochmal auf, läuft die steile, gepflasterte Hauptstraße mit federndem Schritt nach oben, um nach der Linkskurve und damit aus der Sicht der meisten Zuschauer heraus sofort wieder ins Gehen zu verfallen.

Die hierhin transportierte Wechselkleidung steht perfekt parat, und da ich mir nicht sicher bin, was mich auf großer Höhe wirklich erwartet, nehme ich sicherheitshalber eine leichte Jacke mit. Ich hätte sie besser im Rucksack gelassen, heute wird sie vollkommen überflüssig sein.

Tja, nach bisherigen gelaufenen knappen viereinhalb Stunden ist mir klar, daß das mit den avisierten zehneinhalb Stunden auf keinen Fall mehr etwas geben wird. Na gut, dann dauert es halt etwas länger, Ankommen zählt. Oh, ich Ahnungsloser! Besonders brutal ist es, am Bergüner Freibad vorbeizulaufen, das „Springe doch hinein!“ zu rufen scheint. Wie gerne wäre ich dieser eingebildeten Aufforderung gefolgt. In weiten Serpentinen windet sich der Weg hinauf, ab jetzt geht es eigentlich erst wirklich los. Was mich im künftigen Verlauf echt demoralisiert ist das ständige Überholtwerden. Zwar sind es zumeist die K42er, die zunächst eine Schleife laufen mußten, bevor sie auf den K78er Kurs durften, aber es irritiert und frustriert trotzdem.
 

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Den Marathon vollgemacht habe ich etwa auf der Höhe von Bellavista, bald fünf Stunden bin ich unterwegs. Immer wieder knattert jetzt ein gelber Hubschrauber über uns und ich hoffe darauf, daß Klaus darinsitzt und mich von oben segnet. Daß der Flieger auch noch ganz andere Aufgaben haben wird, wird mir später erst klar. Wir gewinnen zwar weiter an Höhe, ich habe aber nicht das Gefühl, daß es dadurch kühler wird und saufe jetzt schon wie ein Kamel. Wasser, Bouillon und der berühmte „Isotää“ verschwinden literweise in meiner staubigen Kehle. Jetzt, Joe, jetzt endlich verstehe ich Dich. Ein Königreich für ein kühles Bier!

Die Bilder des Elends häufen sich: An den Verpflegungsstellen, immer wieder auch unterwegs, haben sich Läufer niedergelassen und versuchen, so wieder zu Kräften zu kommen. Dabei sollte es erst jetzt richtig losgehen. Am Berghaus Pitz Kesch sind wir auf 1.825 m aufgestiegen, fast 500 m seit Bergün. Der Massagedienst hat, wie überall, Hochkonjunktur, ich entsage ihm, bleibe sicherheitshalber lieber in Bewegung und setze mich zwischendurch auch nicht hin. Zu groß erscheint mir die Gefahr, nicht mehr in die Puschen zu kommen. Dann, bei km 50, geht’s endgültig ans Eingemachte.
 

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Von den zehneinhalb Stunden habe ich mich ja schon lange verabschiedet, jetzt ist nur noch Ankommen in Würde angesagt, Herausforderung genug! Laufzeiten werden ohnehin völlig überbewertet. Der Kollege neben mir nutzt sein iPhone als Diktiergerät: „Km 50, bin jetzt schon völlig platt. Wie soll ich den Rest überstehen?“ Doch 700 weitere Höhenmeter stehen auf den folgenden vier km an, der Weg erinnert mich fatal an die Jungfrau vor der Moräne. Mit schweren Schritten auf unebenem Untergrund wuchte ich mich Meter für Meter nach oben, keine Besserung in Sicht. Schweigen im Walde, alles ist verstummt und nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Kühe schauen sich das Ganze verständnislos wiederkäuend an. Die nächste Versorgungsstation gleicht einem Feldlazarett, schaut Euch die Fotos an, sie sprechen für sich.

Und weiter zieht die Karawane, erste kleinere Schneefelder tauchen auf. Allerdings nicht vergleichbar mit der Zugspitze vor drei Wochen, schließlich liegt durchgehender Hochsommer zwischen beiden Ereignissen. Dafür rauschen Gebirgsbäche mit Schmelzwasser die Hänge herab, immer wieder müssen wir sie auf kleinen Stegen oder über dicke Steine oder sonst wie überqueren. Klarer Fall: Auch hier labt sich das dürstende und schwitzende Volk. Wir nähern uns der Vegetationsgrenze, Bäume hat’s schon lange keine mehr. Und immer weiter geht es hinauf. Dann hebt sich ein Holzgebäude auf einem Grat scharf gegen den Himmel ab, nach weiteren schweißtreibenden Metern haben wir sie dann erreicht.

Keschhütte – Sertigpaß (54,0 – 59,0 km)

Die Keschhütte auf 2.632 m ist beispielgebend: Im Jahr 2000 vollständig neu gebaut, nutzt sie die Sonne für die Energieversorgung der Hütte und bekam deshalb den Schweizer Solarpreis für besonders umweltfreundliches Bauen. Die Sonnenkollektoren (für Warmwasser) und die Solarzellen (für die Stromproduktion) werden durch ein kleines Wasserkraftwerk unterhalb der Hütte und seit Sommer 2011 zusätzlich durch zwei Windgeneratoren unterstützt. Das alles aber interessiert mich augenblicklich herzlich wenig, ich will nur Atzung, diese vier km Aufstieg haben mich geschafft.
 

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Hier werde ich, wie schon in Bergün, namentlich begrüßt und stoße auf Andreas Zamperoni, der mit uns in der Schatzalp logiert, und auch schon frischer aussah. „Schau mal freundlich, Keule!“. Weltenbummler Klaus Neumann tut sich und mir den Gefallen, ein kleines Schwätzchen muß jetzt sein. Er ist heute auf dem K42 unterwegs. Wenn man jetzt keinen Sport treiben müßte, würde ich mich in die Sonne legen. Sagenhafte 20° sind es hier auf der Höhe! Dann hilft nichts mehr, es muß weitergehen.

Zwischen der Keschhütte als erstem markanten „Höhepunkt“ und dem zweiten, dem Sertig(s)paß, liegt eine ordentliche Senke, fast 250 HM verlieren wir auf den ersten beiden km. Und schwierig wird’s, der enge Pfad („Panoramatrail“) erschwert ein Überholen enorm, glücklicherweise ist das nicht mein Problem. Beeindruckende Aussichten öffnen sich uns, schade, daß man so sehr auf den Weg achten muß, eigentlich müßte man nur staunen und genießen. Wann hat man mal solch ein geiles Wetter auf dieser Höhe? Das Ganze bei Regen, Schnee und Hagel ist bestimmt alles andere als lustig. Und lausig kalt dazu.

Sertigpaß – Sertig Dörfli (59,0 – 66,5 km)

Eine hier nie vermutete Seenlandschaft verzückt mich, immer wieder halte ich an und schaue mich um. Zwei Wanderer treten zur Seite, um Platz zu machen. Komisch, beide tragen Chips an den Schuhen, er zieht sie hinter sich her. „Wir kennen uns!“, sagt sie zu mir und schon habe ich Heike Lamadé an meinen Busen gedrückt. Welch eine freudige Überraschung, sie und Thomas hier zu sehen! Schon seit dem ersten km des K42 ginge es ihr schlecht, sagt sie mir und, um bei der Wahrheit zu bleiben, so sieht sie auch aus. Wer dieses fröhliche Energiebündel ein wenig kennt, ist nur am Staunen, nicht einmal ein Lächeln auf Bestellung bekommt sie hin. Ich gebe keinen Pfifferling auf sie und bin höchst erstaunt, beide in der Ergebnisliste wiederzufinden. Klasse, das hat mich sehr gefreut, eine Riesenleistung, sich selbst aus dem tiefen Tal der Tränen zu ziehen.
 

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Dann endlich, nach wiederum 350 HM auf drei km, ist die Sertigpaßhöhe erreicht. Mister Swissalpine, Andrea Tuffli, steht höchstpersönlich vor Ort, begrüßt mich mit Handschlag und bedankt sich schon vorab für den Bericht. Na, das finde ich aber nett. Leider bin ich für eine halbwegs vernünftige Konversation zu kaputt, schade. Die Versorgungsstation gleicht der an der Keschhütte, viele sind fertig mit sich und der Welt. Der gelbe Hubschrauber fliegt gerade wieder ein, heraus aber steigt nur der Pilot. Ein dehydrierter Laufkollege hängt an der Infusion und wird von ihm ausgeflogen. Einerseits ein trauriges Bild, andererseits ist es aber gut und beruhigend zu sehen, wie sich um uns im Falle eines Falles gekümmert wird.

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Dann gilt es, mehrere Schneefelder zu durchqueren und sich dabei nicht hinzulegen. Das gelingt mir einigermaßen und jetzt kann man es bergab eigentlich laufen lassen. Das allerdings scheitert bei mir an zwei Problemen: Erstens ist der Weg durch die Steine viel zu gefährlich und zweitens bin ich platt. Was hatte ich mir vorher ausgerechnet? Im letzten Drittel nach vorne gespült zu werden? Au Backe… Rechts unter mir liegt ein kleiner See mit einem markanten blauen Rand, auf den ich mir keinen Reim machen kann. Kann mir das Phänomen jemand erklären? Es wird zunehmend einsam, die Läuferschlange zieht sich weit auseinander. Immer wieder bleibe ich, als ich versuche, das Standbein nachzuziehen, mit dem Fuß hängen und entgehe mehreren Stürzen nur knapp.

Sertig Dörfli – Davos (66,5 – 77,5 km)

Längst schon will mein Astralkörper streiken, aber eingedenk des Leitspruchs der Führungsakademie der Bundeswehr: „Mens agitat Molem - Der Geist bewegt die Materie“ funktioniert noch das Wollen und dem muß sich das Können widerwillig fügen. Oder, um mit Reinhold Messner zu sprechen: „Die Beine können, solange der Kopf will“.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, von dem mein Lauffreund, Pfarrer Klaus Neumeister, sprach: „Hier kannst Du es rollen lassen.“ Ja, Junge, wenn man nach 9:40 Std. im Ziel ist, dann geht das, nicht aber heute und hier bei mir. Ankommen in Würde? Sch… auf die Würde! Die letzten zehn km sind ein Drama, mindestens acht davon bin ich am Wandern. In schönster Umgebung, sanft abfallend, muß ich gehen. Glücklicherweise habe ich mir das Streckenprofil eingeprägt und weiß, daß es nur noch abwärts geht. Welch ein Trugschluß! Wirklich wunderschöne, wellige Wege sind es, die wir jetzt belaufen, begehen, bekriechen, verfluchen, vielleicht alles zusammen, aber das Ende ist nahe. Und doch so weit! Schaffe ich die zwölf Stunden noch? Ja, wenn ich in der Lage wäre, sieben km pro Stunde zu laufen. Bin ich aber nicht.

Ein wunderschöner, gewundener Waldweg führt uns wieder in Richtung Davos, alle Glocken läuten, als ich die Stadtgrenze erreiche, eine solch außergewöhnliche Begrüßung hatte ich nicht erwartet. Es ist eine Schande, daß ich nicht leichtfüßig hinunterhüpfen kann. Ganz im Gegenteil, nur sehr vereinzelt komme ich noch einmal ins Stolpern. Gut, als ich die zuschauerstarke Eisenbahnunterführung erreiche, die auf die Promenade (Davoser Hauptstraße) führt, lege ich mich nochmal ins Zeug, bin dankbar für die Unterstützung und bekomme die Hufe für die letzten paar hundert Meter tatsächlich nochmals hoch. Und lege mich dann fast auf die Nase, als es ins Stadion auf die Tartanbahn geht, deren Außenrunde für die K78er reserviert ist. Unter dem Beifall der wirklich noch zahlreichen Zuschauer haben gleichermaßen Lust und Leiden dann nach zwölf Stunden und neun Minuten, 77,74 km und fast dreitausend barometrisch gemessenen HM auf und ab tatsächlich ein Ende. Trotz der Anstrengung war jeder Meter es wert, zurückgelegt zu werden.
 

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Norbert, Birgits Mann, ist schon lange frisch geduscht, wartet noch auf sie (die es sicher packen wird), trinkt mit mir noch Ambrosia aus dem Münchner Süden und erträgt mein Gejammer. Später höre ich, daß die Cut Off-Zeiten (also die Zeiten, zu denen man an bestimmten Punkten durch sein mußte, um nicht aus dem Rennen genommen zu werden) bis zu vierzig Minuten verlängert worden sein sollen. Die Ergebnislisten spiegeln das allerdings nicht wider, sie enden, wie ausgeschrieben, nach vierzehn Stunden, und weisen 877 Finisher und damit wesentlich weniger als sonst aus. Da alleine 119 gestartete K78er vorzeitig bei K30 bzw. C42 gewertet verkürzt haben, gehe ich davon aus, daß überproportional viele unterwegs ohne Wertung haben abbrechen müssen.

Für mich hat sich die vierte Schweizreise seit 2010 als (vorläufiger?) Abschluß der Alpentrilogie mehr als gelohnt. Die hervorragende Unterbringung in traumhafter Umgebung und der spektakuläre Lauf, der mir allerdings deutlich meine Grenzen aufgezeigt hat, waren eine tolle Kombination. Dazu kommt noch, daß ich mit dem K78 praktisch drei Läufe auf einmal gemacht habe, denn die Strecken des C42 und K42 habe ich jeweils fast komplett absolviert. Die einwöchige Akklimatisierung auf 1.900 m Höhe hat sicherlich auch nicht geschadet.

Ich kann selbst auch auf dieser vergleichsweisen Kurzdistanz nur zu gut einem Günter Böhnke zustimmen, der in seinen Impressionen vom Transeuropalauf 2003 „Eins werden mit dem Schritt“ bemerkt: „…besteht die Kunst gerade darin, weitgehend schmerzfrei zu bleiben, diesen Lauf zu genießen. Also keine Quälerei, kein Selbstmissbrauch, keine Vergewaltigung des Körpers? Für mich eine konzentrierte Anstrengung, gepaart mit viel Durchhaltevermögen, die mit tiefer Befriedigung verbunden ist, es wieder geschafft zu haben.“ Wohl denen, die wie ich diese herrliche Veranstaltung genießen konnten.

Wer zuhause nochmals entspannt in Erinnerungen schwelgen möchte, dem sei der Bildband „Erlebnis pur“ von Peter Wirz über die 25. Auflage des Swissalpine empfohlen (ich bin nicht am Umsatz beteiligt). Der ist zwar, wie alles in der Schweiz, sündhaft teuer, aber toll gemacht.

Sehr viele Fotos zu diesem Bericht findest Du auf trailrunning.de!

 

Startgeld:
125 - 153 € je nach Anmeldezeitpunkt für den K 78.

 

Wettbewerbe:

  • K78: Davos – Davos  77,5 Kilometer  (+2650/-2650 HM)
  • K42: Bergün – Davos  42,2 Kilometer  (+1840/-1680 HM)
  • C42: Davos – Bergün  42,2 Kilometer  (+1010/-1170 HM)
  • K30: Davos – Filisur  29,5 Kilometer  (+420/-930 HM)
  • K21: Klosters – Davos  21,1 Kilometer  (+860/-330 HM)
  • K10: Unter Laret – Davos  9,4 Kilometer  (+260/-230 HM)
  • Walk21: Klosters – Davos  21,1 Kilometer  (+860/-330 HM)
  • Walk10: Unter Laret – Davos  9,4 Kilometer  (+260/-230 HM)
  • Mini: Davos    0,5 bis 1,4 Kilometer

 

Rahmenprogramm:
„Highseven“ (eine Woche täglich wechselndes Vorbereitungsprogramm), Marathonmesse

Streckenbeschreibung:
Rundkurs über knapp 78 km und (barometrisch gemessenen) +/- 2.943 Höhenmeter, Zeitlimit 14 Stunden (K78).

Auszeichnung:
Medaille (für alle Disziplinen die gleiche), K78-Finisher-T-Shirt im Ziel, Urkunde aus dem Netz.

Logistik:
Transport von Wechselkleidung nach Bergün und zurück zum Ziel

Verpflegung:
Perfekt: Bananen, Riegel (ich habe nie bessere gegessen), Alpinbrötli, Gel, Wasser, Isotää, Bouillon, Cola.
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017