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6. Rheinsteig-Erlebnislauf am 15. und 20.04.2011 (1. und 6. Etappe)


Rheingestiegen und genossen

Es gibt Dinge, die macht man gerne. Und solche, die macht man sehr gerne. Manche jedoch sind einem einfach ans Herz gewachsen. Dazu gehört für mich der Rheinsteig-Erlebnislauf, den die Baden-Badener R(ud)olf und Brigitte Mahlburg bereits zum sechsten Mal zugunsten der „Aktion Benni & Co.“ durchführen. Sämtliche Erlöse dieses Benefizlaufs können zugunsten der Erforschung dieser, nur Jungs befallenden und tödlich verlaufenden, Muskelerkrankung verwendet werden.

Sechsundzwanzig Ultras laufen in acht Tagesetappen den kompletten Rheinsteig-Wanderweg inkl. der Zu- und Abwege über 355,5 km mit 11.692 Höhenmetern (+/-) ab. Und spenden dabei 50 Cent pro km. Läuferisch weniger Begabte oder solche mit knapper Zeit können auch etappen- oder teiletappenweise mitmachen und so sich und den Betroffenen etwas Gutes tun. Wie in jedem Jahr bin auch ich wieder auf einer Etappe dabei und starte direkt am Anfang mit. Es stehen, natürlich wie immer ohne Zeitnahme, 53,7 km und 1.830 Höhenmeter auf dem Programm. Verpflegung ist mitzuführen, aufgefüllt wird, wenn sich die Gelegenheit bietet, unterwegs.

Zum ersten Mal ist nicht die Bonner Jugendherberge Ausgangspunkt dieser besonderen Rheinreise, sondern ein Gästehaus des Erzbistums Köln am Venusberg. Ach, alles ist trotzdem so schön wie immer: Mein Freund Gerhard liefert uns (auch Hannelore und Jochen sind dabei) brav ab, es erfolgt eine herzliche Begrüßung mit den Mahlburgs und etlichen alten Bekannten... Die Komplettläufer haben ihr Gepäck schon parat gestellt, denn dieses wird jeweils mit dem Auto zur nächsten Unterkunft gefahren.

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Das Wetter verspricht heute nach dem Temperatursturz vom Dienstag, der den Frühsommer jäh beendete, wieder ganz anständig zu werden. Zwar ist es morgens mit ganzen 3° noch sehr frisch, um nicht zu sagen saukalt, aber 15° sind für den Nachmittag versprochen. Und weitestgehender Sonnenschein. Um 8.30 Uhr geht es los. Pünktlich wie immer, bei Rolf herrschen geordnete Verhältnisse. Zunächst geht es, anfangs begleitet durch eine Kindergartengruppe, im lockeren Trab bergab in die Innenstadt zum historischen Bonner Rathaus, an dem der Rheinsteig offiziell beginnt oder endet, je nachdem, von welcher Seite man sich ihm nähert. Hier wartet ein freundlicher Empfang der Stadt auf uns; eine Duchenne-betroffene Mutter hält eine bewegende Rede, die uns den guten Zweck unseres Laufs deutlich vor Augen führt. Danach gibt es noch eine weitere kleine Einlage mit Kindergartenkinder, die der WDR filmisch begleitet und dann sehen wir zu, daß wir die Stadt hinter uns lassen, denn Strecke und Lauf leben vom Naturerlebnis.

Wir überqueren den Rhein über die Kennedy-Brücke, die mittlere der 3 Bonner Brücken, die nach jahrelanger Renovierung endlich wieder frei nutzbar ist. Sie hat, das ist bisher wohl einmalig, eine durchgehende Photovoltaikanlage erhalten. Wie immer sind alle froh, als die Bebauung dünner wird und sich Möglichkeiten zur unauffälligen Erleichterung ergeben. Über die Beueler Rheinauen – frischgebackene Abiturienten machen lautstark Party und stehen Spalier - passieren wir zunächst das Hauptquartier der Telekomiker (T-Online, zugleich Startbereich des Rheinsteig-Extremlaufs über 34 km und 1.200 Höhenmeter) und kommen durch das sich von Jahr zu Jahr weiterentwickelnde Neubaugebiet von Küdinghoven. Die Vegetation in den Gärten hat in den letzten Jahren mächtige Fortschritte gemacht. Und nach der Überquerung von Straßenbahnlinie und A 59 stehen wir schon bald am Eingang des Waldgebiets „Ennert“ als Einstieg ins Siebengebirge und entern diesen über eine ganze Reihe Stufen. Hier gibt’s beim Rheinsteig-Extremlauf immer den ersten Stau.

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Kaum haben wir diese hinter uns gelassen, stehen wir am Treffpunkt der früheren Bonner Studenten, dem 1820 errichteten Foveaux-Häuschen, benannt nach seinem Erbauer Heinrich Josef Foveaux. Der klassizistische Pavillon ist heute ein beliebter Rastplatz für Wanderer und wird selbstverständlich kurzerhand durch uns beschlagnahmt und zum ersten mit „Ah“ und „Oh“ begleiteten Rundumblick genutzt. Zeit auch, mal in mich hineinzuhören, denn ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich heute ankommen werde.

Aus Rom hatte ich mir nämlich scheinbar eine veritable Knochenhautentzündung am Schienbein mitgebracht, die ich erst über einen längeren Zeitraum im Zusammenwirken mit dem marathonlaufenden Apotheker meines Vertrauens unter Zuhilfenahme von Enzymen und mehreren Familienpackungen Voltaren in den Griff bekommen habe (dann war’s wohl doch nur eine Überlastung). An Training, geschweige denn vernünftiges Training, war lange nicht zu denken. Drei kürzere Einheiten in der Vorwoche bescherten dann heftig „Knie“ auf der anderen Seite. Von der Schonhaltung? Oder ist es doch nur das Alter?

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Eine Dreiviertelstunde Behandlung bei meiner (seriösen) Wunderheilerin wirkte Wunder. Der Ausgleich körperlicher Disbalancen, die Prüfung des Energieflusses, eine Lockerung irgendwelcher Blasenbänder, Behandlung anhand von Trigger- und Akkupressurpunkten, drei wieder eingerenkte Wirbel und ein homöopathisches Mittel zur Einnahme machen aus mir wieder einen ganzen Kerl. Dank Chappi. Im Ernst, man neigt ja schon dazu, über das eine oder andere außerhalb der Schulmedizin zu grinsen, aber der Erfolg ist wirklich frappierend und schließlich ist das das einzige, was zählt.

Oberhalb der unmittelbar am Rhein verlaufenden B 42 geht es rheinaufwärts über gute Waldwege in Richtung Oberdollendorf. Das nördlichste rheinische Weinanbaugebiet gewährt jede Menge schöne Blicke über die Wingerte (Weinberge). Der markante Petersberg mit dem Steigenberger Hotel auf der Spitze (früheres Gästehaus der Bundesregierung) ist unser nächstes Ziel, das wir durch ein kleines Tor auf steilem Weg erklimmen. Von dessen Terrassenseite aus kann man einen unvergleichlichen Blick auf das gegenüberliegende Bonn genießen, wenn das Wetter stimmt, was heute endlich einmal der Fall ist. Hier machen wir, wie immer, eine kleine Rast und nutzen auch die saubere Toilettenanlage. Letztes Jahr sind wir hier noch, total verdreckt und naß, zum Kaffeetrinken und Kuchenessen auf Hochflorteppichboden eingefallen.

Den Petersberg wieder hinunter müssen wir über viele Stufen, die feucht ganz schön gefährlich sind. Jogi Löw würde sagen: Höckschte Aufmerksamkeit! Wir überwinden den vielbefahrenen Zubringer zur A 3 und sind im Gelände der traditionellen Läufe des LT Siebengebirge. Vom Geisberg lassen wir hechelnd kurz den Schweif rheinaufwärts blicken, bevor uns der Weg wieder hinabführt. Wir passieren nach einer langen Bergabpassage das sog. Milchhäuschen, ein hochbeliebtes Ausflugslokal.

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Der nächste dicke Brocken, das erkennen wir nach der Unterquerung der Gleisanlage schnell, wird der Drachenfels. Zwischenziel auf dem Weg zum „höchsten Berg Hollands“ (früher fielen die Kameraden hier zu Tausenden ein) ist zunächst die Drachenburg, ein frisch renovierter Traum in Stein mit wechselvoller Geschichte. (Erst) 1882 legte Baron Stephan von Sarter, er war durch Börsenspekulationen zu großem Reichtum gelangt, den Grundstein zu seinem repräsentativen Wohnsitz, einer Mischung aus Villa, Burg und Schloss. Er wohnte hier zwar nie, hinterließ uns aber ein Kleinod, an dem vorbeizulaufen eine Freude ist.

Weiter geht es den Drachenfels steil hinauf. Früher wurden die Käsköppe – jetzt ist’s mir doch herausgerutscht! – auf Eseln hinaufbefördert. Jetzt sind wir die Esel, die teilweise im Laufschritt an Höhe gewinnen. Und das auf nur zwei Beinen. Oben angekommen überwältigt einen der Blick schlechthin. Der wird natürlich reichlich genossen, aber der restliche Weg ist noch weit und deshalb machen wir uns wieder auf die Socken. Auf dem Petersberg ist übrigens jede Menge Lärm, denn die gröbsten Bausünden aus den Siebzigerjahren werden mit Preßlufthämmern beseitigt und machen hoffentlich schönerer Bebauung Platz.

Auf der anderen Seite geht es wieder herunter Richtung Rhöndorf, der Heimat unseres ersten Bundeskanzlers, Konrad Adenauer. Wir erklimmen den Breiberg, umrunden (leider nur) die ruinöse Löwenburg und stürzen uns hinab ins Schmelztal. Seit 1753 wurde hier für rund 120 Jahre intensiver Bergbau (Kupfer, Blei, Zink und Eisen) inkl. des Schmelzens (daher der Name des Tals) betrieben werden. Wieder hinauf geht’s zum Leyberg. Das gemalte „Auge Gottes“ auf diesem Heiligenhäuschen erinnert mich an meine früheren Türkeiurlaube und eine Verpflegungsstelle beim Siebengebirgsmarathon. Selbstverständlich habe ich für Euch um die diesjährige Durchführung dieses im letzten Jahr witterungsbedingt ausgefallenen Laufs gebetet. Ich kann Euch aber zur Beruhigung sagen, daß die Veranstalter ab sofort einen „Plan B“  in der Hinterhand haben.

Der anschließende Weg führt uns vorbei an einigen interessanten Bildstöcken, die mir auf dieser Tour noch nie aufgefallen waren. Auf halber Höhe stockt der Bergabzug plötzlich. Rolf grinst sich zwar einen, es führt aber kein Weg an der Erkenntnis vorbei, daß wir uns schlicht verlaufen haben. Obwohl ich ja gelernt habe, daß Männer sich nie verlaufen, sondern nur Alternativen finden! Mist, trotzdem Abzweig verpaßt. Viele, viele Höhenmeter müssen wir wieder steil hinauf und dann fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: Klar, das ist das Kernstück des Drachenlaufs, der Bittweg! Irgendwann sind wir wieder auf dem Pfad der Tugend und ein Hohlweg, vorbei am Kreuz der St. Josephsberger Gewerkschaft, führt uns schließlich am Marienwallfahrtsort Bruchhausen vorbei ins heutige Etappenziel Unkel/Scheuren. Unerwähnt lasse ich mal, daß Hannelore, Roland, eine weitere Mitläuferin und ich kurz vor dem Ende noch einen Extrakilometer eingelegt haben…

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Vor dem Scheurener Hof, in dem die Komplettläufer übernachten werden, gibt es – welch eine Wohltat! – erst einmal zwei Kölsch. Macht zusammen 0,4 l Bier, also „a Preissen-Hoibe“, wie der Anton so schön zu sagen pflegt. Ja, Anton, wirklich: Hier trinkst du zwoa Bier und host net amoi oa Hoibe. Sonderbares Ausland für einen Bajuwaren. Wir jedenfalls fühlen uns mit unseren „Reagenzgläsern“ sauwohl. Gerade nach der überstandenen Anstrengung.

Sehr lange waren wir unterwegs, da könnte man meinen, das sei nicht anstrengend. Eher das Gegenteil ist der Fall, meine ich. Das ständige Abstoppen, Wiederanlaufen, nie einen Rhythmus zu haben, Päuschen hier, Päuschen dort, zehren mehr an einem, als wenn man durchliefe. Und die letztlich gelaufenen 57 km mit rund 2.000 Höhenmetern sind und bleiben doch ein kerniger Ultra. So bin ich ehrlich nicht böse, daß diese Etappe meine einzige bleibt und ich mein seit dem langen Abstieg von der Löwenburg doch arg strapaziertes Knie zuhause pflegen kann. Trotzdem beneide ich den Rest, der sieben weitere tolle Etappen bei traumhaftem Wetter weiterlaufen darf.
 

Auf Du und Du mit Ihro Majestät

Das Knie hat gehalten, es geht ihm am Dienstag zumindest nicht schlechter als am Freitag. Da juckt es dem Läufer doch schon wieder gewaltig in den Beinen und das sensationelle Wetter tut sein übriges. Also wird kurzerhand noch ein Tag Urlaub geopfert und ans Ziel der sechsten Etappe, Rüdesheim/Assmannshausen, gefahren. Heidi und Ronald Nickel nehmen Jochen und mich freundlicherweise von dort aus mit und kurz vor dem Start um 8.30 Uhr sind wir nahe der Loreley und laufen zum Besucherzentrum/Freilichtbühne.

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Dort geruhen uns nach dem Genuß des „Dreiburgenblicks“ (die Burgen Katz, Maus und Rheinfels auf der anderen Rheinseite) Majestät gnädigst persönlich zu empfangen. Majestät haben langes, güldenes Haar und tragen einen Megakamm mit sich herum. Klarer Fall: Die Loreley höchstpersönlich. Diese leistet man sich nämlich, ähnlich einer Weinkönigin, zur Ankurbelung des Tourismus’. Nach dem Fahnenappell (offiziell und dauerhaft wird das Banner der Aktion „benni & co.“ künftig vor dem Freilichtmuseum wehen) geht es endlich wirklich los. Und das Beste: Majestät hatten unter dem Kleid sonderbares Schuhwerk getragen, in dem die nunmehr Zivilistin Angelika uns nach der Zeremonie bis nach Kaub („Nach Hessen laufe ich aber nicht!“) begleiteten wird. Mit ihr betreten wir dann den Loreleyfelsen. Dort saß ihre Vorgängerin, die sagenumwobene Blondine, und riß die Schiffer in diesem gefährlichen Rheinabschnitt ins Verderben. Hier kann man sich aus dem Automaten für einen Euro das Lied („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...“) und Gedichte vortragen lassen. Einen steinernen Thron hat man ihr hier gebaut und der eine oder andere nimmt schon mal Platz, völlig erschöpft von den bisher zurückgelegten mörderischen ca. 1,5 km.

Nach verschiedenen Aufs und Abs erklimmen wir den sog. Lennig und haben einen sagenhaften Blick auf das Taubenwerth (Rheininsel). Dahinter liegt Oberwesel mit seiner roten Kirche in der Sonne, welche die älteste bildliche Darstellung von Koblenz birgt, ein ganz besonderer Schatz. Zum ersten Mal erkenne ich auch die weitestgehend erhaltene Stadtmauer und hoffe, daß man diese auf den Bildern erkennen kann (man kann).

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In das Urbachtal klettert der Steig durch verwilderte Weinberge über Felsen und Treppen zum Bach, um letztlich die „Alte Burg“ anzusteuern. Tolle, urwüchsige Wege, häufig mit mehr als nur Trailcharakter, lassen uns ins Schwärmen kommen. Hier liegen ausnahmsweise mal nur Steinreste, denn die 1359 erbaute Burg wurde schon kurze Zeit später wieder zerstört. Durch Niederwald und Büsche ersteigen wir die Felsen am Roßstein. Sehr schön sehen wir die Schönburg über Oberwesel.

In der Dörscheider Heide kommen wir zum Gasthof Fetz, wo man uns eine hochwillkommene Überraschung bietet: Als Spende, sozusagen „für lau“, erwartet uns eine Kiste gut gekühltes Erdinger bleifrei und verschiedene andere Getränke, die zu diesem Zeitpunkt schon wichtig sind. Der Planet brennt absolut sommerlich und die heutigen offiziellen 47,6 km mit 1.418 Höhenmetern erfordern einen hohen Flüssigkeitsnachschub. Natürlich haben alle ihre Trinkrucksäcke dabei, aber das mitgeführte, am Rücken gut gewärmte Wasser ist eher weniger lecker. Auf dem folgenden Abstieg werden noch die zahmen Alpakas geknipst und da sich diese zu spucken weigern, wird weitergezogen.

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Eine ganz tolle Idee hatte ein Winzer, der in einer Art Heiligenschrein 0,2l-Fläschchen seines Weines gegen 2,50 € zur Sofortverkostung bereitstellt. Gläschen sind auch dabei. Ein solches Schmankerl können wir natürlich nicht links liegen lassen, und so geht es beschwingt weiter auf dem Höhenrücken weiter. Deutschland ist schön!

Das nächste Panorama präsentiert uns Kaub mit seiner Burg Gutenfels und der berühmten Zollburg Pfalzgrafenstein, die seit 1326 wie ein Bollwerk im Rhein ruht. An der Treppe zum Stadteingang steht der Leitbergsturm, der zum Schutz der Dörscheider Pforte erbaut wurde und seit dem Mittelalter bewohnt ist (heute Privatbesitz). Berühmt ist Kaub als Blücher-Stadt: Am Jahreswechsel 1813/14 während der Befreiungskriege setzte der preußische Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher an der Burg mit 60.000 Soldaten, 20.000 Pferden und 200 Geschützen über den Rhein, um die Truppen Napoléon Bonapartes zu verfolgen und die Franzmänner mal wieder nach Hause zu schicken. Dahin schicken wir auch Loreley Angelika, die unter Beifall verspricht, im kommenden Jahr auch ohne Loreley-Ehren wieder mitlaufen zu wollen.

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Vorbei an der Burg Gutenfels und dem Dicken Turm geht es wieder steil hinauf, die Pfalzgrafenstein wird ein letztes Mal gegrüßt und die nächsten km werden wir den Rhein nicht wiedersehen. In Serpentinen führt uns der Weg später ins Niedertal, durch das sich die rheinland-pfälzisch/hessische Landesgrenze („Willkommen im Rheingau!“) zieht. Eine nette Einrichtung ist ein Informationsstand und sogar ein Gästebuch, in das wir uns natürlich eintragen. Den Grenzvogt (den gibt’s wirklich!) wird’s freuen.

Oberhalb Lorchhausens erfreuen wir uns an einem herrlichen schmiedeeisernen Pavillon, den ein örtlicher Schmied gestiftet hat. Mit dem pharadäischen Käfig scheint’s allerdings nicht so zu funktionieren, jedenfalls wird bei Gewitter dringend geraten, mindestens 10 Meter Abstand zu halten.

Nach Durchquerung des „Tors zum Rheingau“ sehen wir bald das Bacharacher Werth, die Wirbellay und Burg Stahlheck. Und natürlich Weinberge ohne Ende, deren Reben bereits gut ausgetrieben haben. Das sensationelle Wetter der letzten Tage hat der Vegetation einen mächtigen Schub gegeben. Welch ein Unterschied: Heute laufen wir hier bei rund 25° unter stahlblauem Himmel, im letzten Jahr quälten uns noch heftige Graupelschauer mit böigem, eiskaltem Wind.

Unterhalb des sog. Nollig wird der Rheinsteig zum Panoramaweg. Das Gelände um die Ruine Nollig herum gehört in Hessen zu den Lebensräumen mit der höchsten Artenvielfalt. Insbesondere finden sich hier Tiere und Pflanzen, die man sonst nur aus dem südlichen Europa kennt. Von der Burgruine führen rund 150 Meter über Schiefer, der in der Sonne glitzert. Hinab nach Lorch geht es durch einen mittelalterlichen Hohlweg und weiter über die Wisperbrücke auf einen Parkplatz, auf dem uns Benjamin, Heidis und Ronalds Sohn, mit einer mobilen Verpflegungsstelle aus dem Kofferraum erfreut. Wir danken es ihm, indem wir jede Menge Chaos verbreiten und verschlingen, was nur geht.

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Nach der Verpflegung wird am Friedhof angehalten. Glücklicherweise müssen wir  niemanden spontan entsorgen, nur die leeren Wasserblasen werden hier wieder aufgefüllt. Wieder auf der Höhe, erschreckt den Naturfreund auf der gegenüberliegenden Seite eine riesige Wunde: Neben der Burg Sooneck besteht ein riesiger Steinbruch, in dem Quarzit gewonnen wird. Klar, das Zeug muß ja irgendwo herkommen, wenn es gebraucht wird, aber hier beleidigt das Loch nicht nur mein Auge schon sehr.

Zwischen Kaub und Lorch gab es übrigens mal einen „Freistaat Flaschenhals“, auf den schon am Infostand an der Landesgrenze hingewiesen wird. Das hat den aus heutiger Sicht wirklich grotesken Hintergrund, daß anläßlich der Besetzung des Rheinlands zur Absteckung der amerikanischen und französischen Zone jeweils 30 km betragende Radien um Koblenz bzw. Mainz geschlagen wurden. Beide Kreise trafen sich jedoch nicht genau und ließen einen schmalen Zwischenraum frei, der zwischen 1919-1923 eben diesen sonderbaren Freistaat ermöglichte.

Schleife für Schleife schrauben wir uns wieder nach oben und dort angekommen, ist Trechtingshausen mit seiner weitläufigen Burganlage Reichenstein eine Augenweide. Ob es irgendwo anders noch eine solche Burgendichte wie hier am Rhein gibt? Auf felsigem Pfad gibt es seit neuestem endlich eine Seilsicherung, die den teilweise kriminell nach unten gehenden Trail sichert. Klettern ist phasenweise angesagt. Als besondere Spontaneinlage wird nach ca. 42 km an der virtuellen Marathonmarke Spalier gestanden und die Ultranovizen werden geehrt.

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Bald haben uns die Weinberge wieder und durch die Assmannshäuser Lage „Höllenberg“ zieht es uns wieder, jetzt aber für heute letztmalig, unwiderstehlich zum Ziel nach Assmannshausen ins Tal. Das „WWW“ bekommt hier als Weinwanderweg eine völlig neue Bedeutung. Herrliche 48,6 km und rund 1.420 Höhenmeter haben wir heute in phantastischer Landschaft überwunden und genossen. Ultralaufen at its best!

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Beide Berichte über die 1. Etappe und die 6. Etappe sind mit rund 300 Fotos auf Marathon4you.de veröffentlicht.
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Mai 2017