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325. Marathon Joyce Hübner Städtetrip am 21.04.2026
Kopf aus, Beine an!
Wie ich ursprünglich auf diese so ganz besondere Aktion aufmerksam geworden bin, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls hatte ich bereits im Februar die Absicht gehegt, Joyce Hübner gemeinsam mit meinem Freund Markus einen Tag lang im Raum Bad Driburg am Teutoburger Wald zu begleiten. Doch setzte eine Infektion uns beide außer Gefecht, sodaß unserem Wollen keine Tat folgen konnte. Jetzt aber ist es doch noch soweit. Was eigentlich genau?
Die Berliner Enddreißigerin hat sich in den Kopf gesetzt, an 495 aufeinanderfolgenden Tagen in täglichen Marathons sämtliche 2059 Städte (heute Andernach, Weißenthurm, Mülheim-Kärlich, Neuwied, Höhr-Grenzhausen, Vallendar und Bad Ems) zumindest zu tangieren.
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Vierhundertfünfundneunzig Tage lang. Bei Frost, Hitze, Eis, Trockenheit und/oder strömendem Regen. Begleitet wird sie ausschließlich von „Schatzi“ Sven, den sie „Praktikant“ nennt und mit dem sie seit neun Jahren liiert ist. Geschlafen wird fast jeden Tag in einer neuen Unterkunft, der Transport erfolgt per Auto, das offensichtlich aus Wolfsburg gesponsert wird. Natürlich stellt die tägliche Selbstmotivation für sie eine große Herausforderung dar, weshalb sie sich (außer montags, da möchte sie alleine sein) über interessante und nette Begleitung (also uns) freut. Den ganzen Tag oder auch nur ein paar km, zu Fuß oder per Rad, jeder ist willkommen. Jetzt sind wir beim Thema angelangt.
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Meine Lauftreffkameradin Anke und ich fahren morgens mit zwei Autos zum Tagesziel nach Bad Ems, stellen ihr Auto dort ab und fahren mit meinem zum Tagesstart nach Plaidt, wo wir etliche Minuten vor 9 Uhr, dem vorgesehenen Starttermin, eintreffen. Erst meinen wir, die einzigen heutigen Begleiter zu sein, aber nach und nach wächst unser Grüppchen auf elf Läufer und zwei Radler an. Um Punkt neun Uhr biegt ein blauer VW Tayron um die Ecke, aus dem unsere beiden Helden steigen. Alle heutigen Begleiter lesen einen QR-Code ein und melden ihre Teilnahme mit einigen wenigen Daten in einer speziellen Software an. Der Praktikant begrüßt uns und stillt erst einmal zunächst den üblichen allgemeinen Wissensdurst, also das, was jeder immer fragt. Nach ein paar weiteren Verhaltensmaßregeln, an die sich alle zu Joyces Schutz halten sollen (und auch werden), geht es gleich los. Kopf aus, Beine an, wie Joyce zu sagen pflegt.
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Und es wird ein munteres Geplauder werden. Daß die Influenzerin und Content Creator – so sagt man heute wohl – nicht gerade eine stille und zurückhaltende Vertreterin ihrer Zunft ist, habe ich im Vorfeld schon mehreren Videos entnehmen können. Ganz so „schlimm“ ist es aber wahrlich nicht, sie entpuppt sich als nette, informative und interessierte Gesprächspartnerin, die sich für ihre Follower (und damit zugunsten ihres Salärs) ins rechte Licht setzen muß. Da gehört ein gewisses Maß Extrovertiertheit wohl zwingend dazu. Sven hat den ersten VP für km 7 angekündigt, genau da wird er auch stehen, genauso zuverlässig wie auf den noch folgenden. Aber erst wird mal gelaufen, und zwar durch Miesenheim, zunächst Stadtgebiet, dann durch Grünland bis zum Rhein nach Weißenthurm. Dort folgen wir – sehr schön – linksrheinisch aufwärts dem Rhein, durchqueren Urmitz und überschreiten auf der Urmitzer Eisenbahnbrücke (mit Fußgängerspuren) den deutschesten aller Flüsse. Die Brücke ist die Schwesterbrücke der ehem. Ludendorff- also der Brücke von Remagen, von der nur noch die beiden Brückentürme an beiden Ufern stehen. 1916 als Kronprinz-Wilhelm-Brücke eröffnet, wurde die Urmitzer Eisenbahnbrücke 1954 vereinfacht wiederaufgebaut erneut in Betrieb genommen.
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Weiter geht es am attraktiven Engerser Rheinufer weiter. Joyce erzählt zu meinem Erstaunen, daß sie vor ihrem ersten großen Projekt, der Deutschlandumrundung, erst 18 Marathons erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Jetzt strebt sie die Aufstellung eines neuen Weltrekords hintereinandergelaufener Marathons an, der bisher bei 365 steht. Wir durchqueren Mülhofen und Bendorf, wo wir wegen einer wegen Bauarbeiten gesperrten Unterführung einen kurzen Umweg nehmen müssen. In diesem Zusammenhang erzählt sie von einer Person, der sie bei einer ähnlichen Unwegbarkeit einmal verpaßt hatte und die ihr ernsthaft ihren „verlorenen“ Urlaubstag in Rechnung stellen wollte. Sachen gibt’s! Aber auch Positives: In Bendorf empfängt uns Stadtbürgermeister Christoph Mohr mit dem goldenen Buch der Stadt, in das sich neben Joyce auch wir heutigen Begleiter eintragen dürfen.
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Wir kommen durch Weitersburg, zunächst entlang der parallel verlaufenden A48, dann biegen wir in Richtung Höhr-Grenzhausen ein. Nicht ganz zufällig treffen wir dort auf einen seiner Arbeit nachgehenden Vermesser, der überraschenderweise unser Lauftreffshirt unter seiner Berufsbekleidung trägt. Natürlich war er vorgewarnt und hat sich das Anfeuern nicht nehmen lassen. Danke, Tobi! Unterwegs geht’s gesprächsweise um „Leute“. Augenzwinkernd korrigiere ich Joyce, ganz gendergerecht, auf „LeutInnen“. Anke mit todernstem Gesicht: „Falsch, das sind Leutende!“ Nachdem wir uns alle schlappgelacht haben, meint Joyce, daß sie sich wundert, daß sich bei all ihren vielen, vielen Posts noch niemand beschwert habe, daß sie sich konsequent zu gendern weigert. „Nun ja“, meint ein Mitläufer, „ganz offensichtlich befinden sich diejenigen, die lautstark meinen, die Mehrheit zu bilden und erzieherisch wirken zu müssen, doch in der klaren Minderheit.“ Einigkeit in der Runde.
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Im weiteren Verlauf streifen wir, vornehmlich durch Wald und mit mehr als unerheblichen Höhenmetern (789 in toto, die aber überwiegend im WUT-Tempo gehend) Hillscheid, Simmern (im Westerwald!), Neuhäusel und Eitelborn. Und immer ist Sven, der „Praktikant“ gleichermaßen hochprofessionell exakt und pünktlich an der jeweils angekündigten Stelle, damit wir uns versorgen können. Klar, der Kofferraum ist Privatsphäre und für Begleiter tabu, aber der Fußraum der Beifahrerseite gut gefüllt, und mit Getränken, Riegeln und Gels habe ich genau das Richtige dabei. So sind es bald nicht mehr weit, bis nach 43 km (inkl. eines kleinen Verlaufers, der Downhill war gerade so fluffig) Bad Ems erreicht ist.
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Die Hauptperson lobt alle fünf Verbliebenen ob ihres Durchhaltevermögens und gratuliert zu ihren jeweils soundsovielten Marathons. Für Max genügt das nicht. Der Arme muß direkt wieder auf gleichem Weg zurücklaufen, da er eine lange Trainingseinheit für die TorTour der Ruher (230 km von der Quelle bis zur Mündung) braucht. Samstag ein Fünfziger, Sonntag ein Fünfziger, gestern Ruhetag und heute 86 km. Sven bietet Medaillen zum Kauf an, die ich aber schon per Post bekommen habe. Die dafür zu entrichtenden 20 Euronen sind ein kleiner Beitrag zu ihrem Budget, die ich gerne entrichte. Joyce entschwebt Richtung Unterkunft, während Anke und ich den kurzen Weg zur Tiefgarage einschlagen. Erfreuliche Überraschung („Ich wußte, daß Dir das gefallen wird!“): Anke zaubert aus einer kleinen Kühltasche zwei bleifreie Erdinger hervor, die wir uns in der Sonne schmecken lassen. Die Strecke zum Start ist bald zurückgelegt und jeder strebt in seinem eigenen Gefährt gen Heimat, mir winkt die Badewanne. Herrlich!
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Ein toller informativer, spannender und schweißtreibender Tag ist – wirklich – leider schon zu Ende. 170 Marathons liegen auf ihren 21.312 km und über 200.000 Höhenmetern noch vor ihr. Mal schauen, vielleicht werde ich sie auf ihrem 350. von Unkel/Scheuren entlang von Rhein und Ahr nach Grafschaft Gelsdorf begleiten, in den Füßen juckt es schon wieder.
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Fotos: Joyce Hübner - Sven, der Praktikant - Anke Lay.
Last, but not least: Nicht verschwiegen werden sollte Joyces Video zum heutigen Tag.
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